Berlin - Als die Zusage vom Pressesprecher des Berliner Erzbistums kam, die Baustelle der St.-Hedwig-Kathedrale besichtigen zu können, war die Furcht groß, nur noch Trümmer und Rohbau zu sehen. Doch die erste Überraschung gab es schon beim Betreten der Kirche durch den einstigen Choreingang: Der kostbare Fußboden aus grauschwarzem Kapfenberger Marmor ist mitnichten, wie es rumorte, zerschlagen, die goldgerahmten Portaltüren sind noch da, auch die geschmiedeten Treppengeländer und viele andere Ausstattungsdetails. Noch jedenfalls.

Das Erzbistum will bisher die 2013 in einem Wettbewerb siegreichen Pläne der Fuldaer Architekten Sichau & Walter mit dem Wiener Künstler Leo Zogmayer umsetzen. Zwei Jahre Bauzeit und Kosten in Höhe von 43 Millionen Euro wurden dafür angesetzt. Allerdings wurde inzwischen beschlossen, die unterirdische Sakristei zu streichen, stattdessen die Chorkapelle auch für die Gottesdienstvorbereitungen zu nutzen. Auch vergab das Erzbistum den Neubau des Bernhard-Lichtenberg-Hauses an den Architekten Max Dudler, dessen Pläne gehen derzeit ihren behördlichen Gang. Für die Kirche selbst aber gilt weiter der Entwurf von Sichau & Walter und Zogmayer. Er sieht die vollständige Umgestaltung der Kathedrale vor: Bis hin zum Kuppelkreuz soll die gesamte Architektur und Ausstattung aus DDR-Zeiten fallen.

Probelöcher gebohrt

Doch bisher wurden vor allem die Möbel und Kunstwerke abgeräumt sowie einige Steinplatten aus dem Podium herausgenommen, auf dem bisher der Bischofsthron und die Sitze der Geistlichen standen. Auch ist der Putz mit dem berühmten, graugrünblauen Würfelrelief an einigen Stellen für Bauuntersuchungen aufgestemmt, wurden Probelöcher gebohrt. Offenkundig will das Erzbistum nicht den Fehler wiederholen, der beim Umbau der Staatsoper gemacht wurde. Dort begannen die Bauuntersuchungen erst mit den Bauarbeiten – was wesentlich zur immensen Baukostensteigerung beitrug.

Von der großen Orgel künden noch die massigen Stahlträger – sie soll später wieder eingebaut werden, wenn kein Baustaub mehr schwebt. Die bisher einschneidendste Veränderung des Schwippertschen Raums ist also, dass der dunkelrote Altarblock demontiert und die breite Bodenöffnung hin zur Unterkirche mit einem provisorischen, passend zum historisch Marmorboden dunkel gestrichenen Deckel versehen wurde. Diese Öffnung war die direkte Verbindung zwischen der Grablege der Bischöfe und des als Märtyrer verehrten Seligen Bernhard Lichtenberg im Sockelgeschoss mit dem Gemeinderaum in der Hauptkirche; Lichtenbergs Sarg wurde für die Dauer der Bauarbeiten in die Kirche Regina Martyrium in Moabit verlagert.

Schwipperts Ideen zerstört

Wie es in der Unterkirche von St. Hedwig aussieht, kann hier nicht berichtet werden, bis dorthin reichte der Rundgang nicht. Allerdings stand deren Gestaltung nie zur Debatte, sie wird weit über die entscheidenden Kreise des Erzbistums hinaus als verbaut angesehen. Dennoch ist klar: Die beiden wichtigsten Neuerungen Schwipperts, der zentral gestellte Altarblock und die Öffnung zwischen Ober- und Unterkirche, sind zerstört. Erhalten ist aber noch die gesamte historisch gewordene Raumschale vom Fußboden über die Säulen und Wände bis zur Kuppel, an der eine gereinigte Stelle zeigt, wie großartig hell und luftig sie einst gewirkt haben muss.

In der Mitte des aktuellen Raums steht derzeit als 1:1-Modell der neue, von Sichau & Walter und Zogmayer entworfene Hauptaltar. Eine weiße Halbkugel, die dem Kuppelrund der Kirche antworten, mit ihr symbolisch die Welt abbilden soll. Auch das strenge kantige Lesepult ist als Modell an der künftigen Stelle aufgebaut, Stühle stehen um sie im genauen Rund dort, wo künftig leichte Kirchenbänke um den Altar stehen sollen. Der Eindruck ist wieder eine Überraschung. In den Plänen und im Modell, auch aus der Fernsicht von den Choremporen, wirkt diese Neuinszenierung nämlich als Riesenzirkel um den Altar, der keinerlei Gemeinschaft zulassen kann. Aber wenn man sich jetzt in eine der Stuhlreihen setzt, ist der Eindruck erstaunlich intim und nah am Altar.

Aus dieser Perspektive wirkt der Vorschlag von Sichau & Walter und Zogmayer bis hin in die Dimensionierung des halbrunden Altars passend und klar. Wieder einmal zeigt sich, dass das 1:1-Modell weit genauer die künftige Wirkung von Architekturen zeigen kann als alle verkleinerten Modelle oder Pläne. Die erste Reaktion eines derjenigen, die an der Besichtigung teilnahmen, war allerdings: „Warum soll denn weiter gebaut werden?“ Die Kühle des Sichau-Walterschen Entwurfs harmoniere doch wirklich gut mit der Architektur von Schwippert. Eine neue Debatte ist absehbar.