Wer fährt so spät durch Nacht und Wind... Einer von rund 185 Berlkönigen unterwegs in der östlichen Innenstadt von Berlin.
Daimler AG

BerlinSeit September 2018 fährt der  Berlkönig, ein Mittelding zwischen Anruftaxi und Rufbus, durch die östliche Innenstadt. Doch Ende April 2020 droht dem Mobilitätsangebot das Aus. Zwar würde die BVG den Fahrdienst gern mit ihrem Partner ViaVan weiterbetreiben und auf ganz Berlin ausweiten. Dafür wären aber Zuschüsse des Landes Berlin erforderlich, die schrittweise auf 44 Millionen Euro pro Jahr steigen würden. SPD-Verkehrspolitiker Tino Schopf lehnt das ab: „Wir sind dagegen, dass das Taxigewerbe mit Steuergeldern kaputt gemacht wird.“ Die Zukunft des Mobilitätsangebots ist offen.

Die Zukunft des Mobilitätsangebots ist offen. Sie sind schwarz, tragen aber auch das rot-blau-graue Würmermuster, das BVG-Fahrgäste zum Beispiel von Sitzbezügen in der U-Bahn kennen: Die mittlerweile 185 Limousinen des Berlkönigs gehören im östlichen Zentrum zum Straßenbild. Die Hälfte fährt elektrisch, Ende dieses Jahres sollen es 100 Prozent sein.  

Es handelt sich um ein Gemeinschaftsunternehmen: ViaVan, eine Firma des US-Start-ups Via und von Mercedes-Benz, steuert die Software bei, stellt das Fahrpersonal und die Fahrzeuge, die alle den Mercedes-Stern tragen. Die BVG wiederum sorgt fürs Marketing und für die App, mit der sich Fahrten buchen lassen.  

Meist sitzen mindestens zwei Fahrgäste im Auto

Das Neue am Berlkönig: Fahrgäste, die ähnliche Ziele ansteuern, werden gemeinsam befördert. Ein Computer koordiniert die Fahrtwünsche und stellt die Routen zusammen. Ziel ist es, dass sich möglichst viele Fahrgäste Autos teilen – das senkt die Kosten. Ride Sharing und Ride Pooling sind die Stichworte. Konnten anfangs gerade mal elf Prozent der Fahrten gebündelt werden, so waren es im Dezember 2019 laut BVG schon 59 Prozent. Immer öfter sitzen zwei und mehr Fahrgäste in einer Limousine -  gut für die Umwelt.

Fahrten im Berlkönig sind billiger als mit dem Taxi. Pro Kilometer werden 1,50 Euro berechnet. Mindestpreis: vier Euro. Das Ein- und Aussteigen ist allerdings nur an 621 Bus- und 4 423 virtuellen Haltestellen möglich. Rechtlich gilt der Berlkönig als „atypischer Linienverkehr“– so hat ihn das Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (LABO) genehmigt. Grundlage ist die Experimentierklausel im Personenbeförderungsgesetz, die bis zu vierjährige Versuche ermöglicht.

Aus Sicht der BVG ist der Versuch schon jetzt ein voller Erfolg. Nach Angaben des Landesunternehmens wurden bislang mehr als über 1,4 Millionen Fahrten erfolgreich absolviert. Die App wurde 333 000 Mal heruntergeladen, mehr als 200 000 Menschen haben sich als Kunden registriert. „Die Berlinerinnen und Berliner lieben den Berlkönig“, so die BVG. 97 Prozent der Kundenbewertungen seien gut oder sehr gut.

Gern auch nach Weißensee, Plänterwald und Friedenau

Doch es ist möglich, dass der Fahrdienst in weniger als drei Monaten seinen Betrieb einstellen muss, warnt das Unternehmen. Der Hintergrund: Der Vertrag mit ViaVan ist auf maximal auf zwei Jahre befristet. Um den Berlkönig weiterführen zu können, müsste das Land Berlin das Angebot bestellen und bezahlen – ansonsten werde es „unwiderruflich“ enden, heißt es warnend in einem Schreiben an die Verkehrspolitiker der rot-rot-grünen Koalition. Spätestens bis Ende 2019 hätte die BVG eine so genannte „Vergabeabsichtsinformation“ bekannt geben müssen. Doch die dafür erforderliche Absichtserklärung vom Land Berlin traf bis heute nicht ein. Immerhin konnte die BVG erreichen, dass ViaVan bis zum 30. April 2020 im Boot bleibt. Doch dann könnte das Aus kommen.

„Wir würden mit dem Berlkönig gern in den Westen bis zur Messe und im Osten bis zum Tierpark fahren“, hatte die damalige BVG-Chefin Sigrid Nikutta im Dezember 2019 in einem Interview mit der Berliner Zeitung gesagt. Zunächst sollte sein Gebiet östlich erweitert werden: nach Weißensee, Lichtenberg, Friedrichsfelde, Karlshorst, Schöneweide und Plänterwald. Dann wäre der Westen an der Reihe – das Gebiet innerhalb des westlichen S-Bahn-Rings plus Wedding-Sprengelkiez, Eichkamp und Friedenau. Insgesamt soll das Bediengebiet von derzeit 58 auf 156 Quadratkilometer vergrößert werden. Im Antrag, den das LABO im Oktober 2019 bekam, steht außerdem, dass im Falle einer Westerweitung die Berlkönig-Flotte auf bis zu 500 Autos anwachsen müsste.

Damit nicht genug: „Wir sprechen auch darüber, ob der Berlkönig in den neuen Verkehrsvertrag mit dem Land, der ab 2020 gilt, übernommen wird“, so Nikutta weiter. „Unser Ziel ist es, dass er ein reguläres BVG-Angebot wird, das sich als Teil der Daseinsvorsorge auf das gesamte Berliner Stadtgebiet erstreckt, auch auf die Außenbezirke.“  Nötig sei aber, dass sich das Land Berlin finanziell beteiligt. Dazu hat die BVG die Rechnung aufgemacht: 2021 wäre ein Zuschuss von 14 Millionen Euro erforderlich, der jährlich wachsen würde – 2025 wären es zum Beispiel 44 Millionen Euro bei erwarteten 12,3 Millionen Fahrten und einem Kilometerpreis von 1,60 Euro.

74 behindertengerechte Fahrzeuge und 1800 Arbeitsplätze

Dafür bekämen die Berliner flächendeckend ein Mobilitätsangebot, das nicht nur den bestehenden Nahverkehr, sondern auch das Taxi hervorragend ergänzen würde, verheißt die BVG. Auch Menschen mit Behinderung würden profitieren: „Barrierefreie Fahrzeuge und App sowie schnelle Verfügbarkeit bieten mobilitätseingeschränkten Personen inklusive Teilnahme am öffentlichen Leben“, hieß es. Von den 761 Fahrzeugen, die erforderlich wären, würden 74 barrierefrei sein, hieß es.

Der Berlkönig in ganz Berlin: Dafür gebe es weitere gute Gründe, so das Unternehmen. Während einer Umfrage hätten 64 Prozent der einbezogenen Berliner Autonutzer gesagt, dass sie ihren Pkw weniger oder viel weniger nutzen würden, wenn der Berlkönig in ganz Berlin fahren würde. Die Zahl der Kilometer, die jährlich mit Autos in Berlin zurückgelegt werden, würde um mehr als 7,5 Millionen sinken, lautet ein weiteres Argument. 11 000 Tonnen Kohlendioxid und 27 000 Kilo Stickoxide würden die Luft nicht belasten. Ein Berlkönig legt im Schnitt zehn Mal so viel Kilometer zurück wie ein privater Pkw – das sei gut für die Umwelt und das Klima.

Auch den Menschen, die für den Fahrdienst arbeiten, würde es gut gehen. „Der Berlkönig schafft rund 1 800 Vollzeitarbeitsplätze mit sehr guten Arbeitsbedingungen analog des Tarifvertrags Nahverkehr“, nach dem zum Beispiel auch Busfahrer entlohnt werden.

SPD: Taxigewerbe nicht mit Steuergeldern kaputt machen

Doch in der Verkehrsverwaltung ist man skeptisch, auch in der SPD. Deren verkehrspolitischer Sprecher Tino Schopf wundert sich zunächst, warum die BVG mit der Nachricht, dass dem Berlkönig schon Ende April das Aus droht, so lange hinterm Berg gehalten habe. „Das hat uns überrascht“, sagte der Pankower Abgeordnete am Mittwoch. „Wir sind davon ausgegangen, dass der Vertrag mit ViaVan eine vierjährige Laufzeit hat.“

Schopf bekräftigte seine grundsätzliche Kritik. „Der Berlkönig trägt nicht dazu bei, dass es in Berlin weniger Lärm und weniger Stau gibt. Und er kannibalisiert den öffentlichen Verkehr und das Taxi“ – indem er Fahrgäste abwirbt. Bestenfalls in den Außenbezirken, wo solche flexiblen Angebote fehlen, könnte der Berlkönig eine Daseinsberechtigung haben.

Ein flächendeckendes Angebot sieht Schopf trotzdem sehr skeptisch. Vor allem, weil der Berlkönig dem Taxigewerbe, das laut Tarifordnung höhere Fahrpreise verlangen muss, eine ruinöse Konkurrenz bereitet. „Die SPD lehnt es ab, dass das Berliner Taxigewerbe mit Steuergeldern kaputt gemacht wird“, sagte Schopf. „Das Land Berlin darf es nicht zulassen, dass weitere Taxiunternehmer vor die Hunde gehen.“

Am 13. Februar kommen die rot-rot-grünen Verkehrspolitiker mit Vertretern der BVG zusammen, um über die Zukunft des Berlkönig zu sprechen. Doch der Verkehrsbetrieb kann nicht darauf hoffen, dass sich die Koalition bei diesem Treffen festlegt. „Wir wollen erst einmal weitere Informationen gewinnen“, sagte SPD-Verkehrspolitiker Schopf. „Wir werden keine Entscheidung treffen.“