Die Forderung sehen Besucher gleich beim Betreten des Cafés: „Sibylle muss bleiben!“ hat eine Künstlerin auf einen Regenschirm gepinselt und ihn aufgespannt. Auf dem Tisch liegt eine Petition gegen die „drohende Schließung“ des Café Sibylle zum 31. März 2018. Wer reinkommt, soll gleich unterschreiben. Mehr als tausend Menschen haben das bereits getan, erzählt Peter Schröder. Der 64-Jährige betreibt das Café an der Karl-Marx-Allee im Team mit seinem Geschäftspartner Uwe Radack.

Das Café Sibylle ist eine Besonderheit, ein stadtbekannter Treffpunkt vor allem linker Intellektueller, ein Ort mit langer Geschichte. 1953 als „Milchtrinkhalle“ eröffnet, wurde es später nach dem DDR-Modemagazin Sibylle benannt. Das Café ist eines der letzten original erhaltenen Orte in der denkmalgeschützten Wohnanlage der Karl-Marx-Allee, die früher Stalinallee hieß. An diese Zeit erinnert eine Ausstellung im Café. Bildtafeln und historische Ausstellungsstücke erklären Besuchern die Geschichte der einst sozialistischen Prachtstraße. „Pulsader des Ostens“ nennt Peter Schröder die Karl-Marx-Allee heute immer noch. Er ist dort aufgewachsen. Schon seine Großmutter hat dort gelebt.

Programm abgesagt

Peter Schröder erzählt, 83 offizielle Veranstaltungen mit über 7000 Besuchern habe es im vergangenen Jahr im Café gegeben, Lesungen, Feiern, Filme und Vorträge. Vereinigungen wie die Friedrich-Wolf-Gesellschaft und die Rosa-Luxemburg-Stiftung treffen sich dort ebenso wie die Fraktionen des Bezirksparlaments, die Antifa und die Verfolgten des Naziregimes.

Alle sind willkommen, sagt er. Nur die AfD nicht. Schröder, ein agiler und umgänglicher Mann, der mal Leistungssportler war, ist stolz auf seien Programm und die vielen Besucher. Er wird aber auch gleich wütend und energisch. Denn zum Monatsende ist erstmal Schluss mit dem Cafébetrieb, so der aktuelle Stand. Sechs Mitarbeitern, die im Café angestellt sind, wurde zum Monatsende gekündigt.

In den vergangenen Woche sind Dinge passiert, die Außenstehende nur schwer durchschauen können. Es geht um hohe Geldforderungen, Beteiligte sprechen von Erpressung. Es gab wüste Beschimpfungen, schwere Vorwürfe und ausgebliebene Zahlungen. Eine komplizierte Geschichte.

Fakt ist: Peter Schröders Firma, ein Immobilienunternehmen namens Krea GmbH, hatte als Betreiber des Cafés einen mehrjährigen Untermietvertrag mit der Kreuzberger Bildungseinrichtung für berufliche Umschulung und Weiterbildung (BUF). Diese Einrichtung hat als Hauptmieter des Cafés einen Vertrag mit der Predac Immobilien Verwaltungsgesellschaft als Eigentümerin der Wohnanlage an der Karl-Marx-Allee. Der Untermietvertrag der Krea endet regulär am 31. März 2018. Er sollte verlängert werden, doch im Februar 2018 meldete der Bildungsträger BUF Insolvenz an. Der Rechtsanwalt Philipp Hackländer bereitet nun das Insolvenzverfahren vor, das voraussichtlich Anfang April eröffnet wird, teilte Hackländer der Berliner Zeitung auf Nachfrage mit. Bis dahin werde das Café jedenfalls weiterbetrieben.

Wie es danach weitergehen wird, weiß derzeit niemand. Die Beteiligten verhandeln geheim, so auch auf der jüngsten Sitzung des Bezirksparlaments Friedrichshain-Kreuzberg Ende Februar: Anfragen der Fraktionen behandelten die Verordneten unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Stadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke) kennt die Geschichte des Café Sibylle seit vielen Jahren. Es gab einen Förderverein, Kooperationsmodelle und staatliche Förderungsprogramme. Auch ein Verordneter der Linken übernahm das Geschäft zwischenzeitlich. „Das Café Sibylle war nie wirtschaftlich“, sagt Mildner-Spindler. „Es gab immer wieder prekäre Situationen.“

Der Stadtrat will erreichen, dass die Ausstellung über die Stalinallee, einst mit öffentlichen Mitteln gefördert, im Café Sibylle dauerhaft erhalten bleibt. „Es geht um Bezirks- und Heimatgeschichte an einem der letzten historischen Orte der Karl-Marx-Allee“, sagt Mildner-Spindler. Er hat den Plan, die Ausstellung dem Bezirksmuseum anzugliedern und am historischen Ort weiterzuführen.

Denn zu den Besuchern zählen viele Touristen, die in ihren Reiseführern vom Café Sibylle gelesen haben, etwa von der meterhohen Stalinfigur aus Bronze, von der heute noch übrig gebliebene Teile wie Bart und Ohr als Kopie ausliegen. Auch Möbel und Haushaltsgeräte aus den 50er Jahren sind neben Schautafeln und historischen Fotos ausgestellt.

Bezirk will Caféräume mieten

In der kommenden Woche wird es ein Treffen geben mit allen Beteiligten. Dann wird Stadtrat Mildner-Spindler seine Pläne vorstellen. Im Bezirk denkt man mittlerweile darüber nach, das Café Sibylle selbst anzumieten. Wie hoch wird die Miete sein? Auch Insolvenzverwalter Philipp Hackländer wird beim Treffen dabei sein. Er sucht einen neuen Betreiber für das Café Sibylle. „Die Chancen hierfür beurteile ich als gut.“

Café-Betreiber Peter Schröder hat jetzt das Programm für März und April abgesagt. Darunter waren Veranstaltungen mit Botschaftern aus Kuba, Russland und Ecuador, ein Studententreffen sowie eine Familienfeier des letzten DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow.