Berlin - Das Kind schaut im Lokal fasziniert zu zwei anderen Gästen: „Da hinten unterhalten sich zwei in Zeichensprache“, sagt es und seine Augen spiegeln den gleichen Bann, den ich immer spüre, wenn ich Hände so beredt tanzen sehe. „Gebärdensprache meinst du“, stelle ich richtig, auch wenn es darauf jetzt gar nicht ankommt. „Ich nenne es Zeichensprache“, sagt das Kind, weil es altersgemäß Korrekturen nicht gerne annimmt. Und fragt: „Ist diese Sprache überall auf der Welt gleich? Die Bewegungen?“ Ich ahne, dass es nicht so ist, finde aber die Idee verführerisch und sage das dem Kind. „Wenn es so wäre“, spinnt es den Gedanken weiter, „warum lernen wir diese Sprache dann nicht alle – statt Englisch? Dann könnten wir uns überall verständigen, mit allen, auch denen, die nicht hören können.“ Schweigend hängen wir beide dem Gedanken nach, während die stille Unterhaltung am anderen Tisch ihren Fortgang nimmt.

Einige Tage später läuft im Radio eine Sendung über Gehörlose und der Moderator fragt seinen Gesprächspartner, ob diese wüssten, dass Schnee lautlos fällt. Oder ob sie, wenn niemand es ihnen sagt, denken, jede Flocke erzeuge beim Aufkommen ein „Klonk“. Ich muss leise lachen, denke, er macht Witze, finde das wiederum nicht so passend, bis mir der Film „Jenseits der Stille“ einfällt. Der taubstumme Vater fragt darin seine hörende Tochter: „Wie klingt der Schnee?“ Man sieht den kalten Kristallen also ihr kaum vorhandenes Gewicht nicht an.

Wie vieles man selbstverständlich nimmt, ausgestattet mit allen Sinnen. Etwa die Jahreszeiten nicht nur sehen und riechen, sondern eben auch hören zu können. Das Summen des Frühjahrs, den Freibad-Sound des Sommers, das Rascheln des Herbstes und die Verschwiegenheit des Winters. Wissend darum, dass es harte Arbeit ist, sich ohne Augenlicht durch die Welt zu bewegen, möchte ich manchmal für einige Stunden nur hören. Oder riechen. Nicht den Mix wahrnehmen, sondern die Essenz. Aber fragte nicht das Kind auch noch, ob es nicht wahnsinnig gefährlich sei, wenn man nichts hören könne? Im Straßenverkehr zum Beispiel? Ja, sagte ich. Das müsse man genauso trainieren wie das Gehen mit dem Blindenstock.

Fehlt ein Sinn, muss man die anderen schärfen. Verfügt man über alle, schadet das auch nicht. Denn Gesten lesen können, Jahreszeiten riechen, ein zu schnelles Auto oder einen Hilferuf hören, bevor man die Gefahr, die Not sieht: Was für ein Geschenk! Man kann es auch in fremden Ländern gut gebrauchen.