Auf den ersten Blick scheint es, als hätten sich in diesem Wohnzimmer ein paar Freundinnen getroffen: In dem großen Raum mit Sitzgarnitur, Teppich, flimmerndem Fernseher und Küche ist es gemütlich, einige Frauen sitzen, andere stehen, in der Kochnische schmort das Mittaggemüse. Alle reden auf Türkisch durcheinander und die Welt scheint in Ordnung. Doch der Eindruck täuscht.

Die älteren Frauen sind nicht gesund, zwei von ihnen blicken ins Leere, eine junge Frau massiert einer von ihnen die Füße. Die Helferin trägt Kopftuch, wie andere Frauen hier auch. Hier, in dem gemütlichen Raum, sind gerade Patientinnen und Betreuerinnen einer Demenz-Wohngemeinschaft zusammen. Acht Frauen und zehn Männer leben in dem Haus im Norden Spandaus. Die Männer sind auf ihren Zimmern.

Mit Alzheimer in der türkischen Demenz-WG

Diese besondere WG, die vom Pflegedienst Dosteli versorgt wird, gibt es erst seit einem Jahr. Pflegerin Meryem Hayirli, 48, hat morgens immer ein bisschen Angst, dass sie einen Bewohner leblos vorfindet, sagt sie. Denn sie hat jeden von ihnen ins Herz geschlossen. Mit Sebahat Tok lacht sie besonders gern. Die 75-Jährige mit den weißen Haaren gilt in der Gemeinschaft als „Heilige“, weil sie ihr Leben lang Menschen geholfen hat und ihnen kluge Ratschläge gab. Auch jetzt strahlt sie Zufriedenheit aus, doch in ihrem Kopf ist nichts wie früher. Vor einigen Jahren erkrankte sie an Alzheimer. Der Verlust ihres Gedächtnisses ist inzwischen weit fortgeschritten.

„Ich habe etwas von den Nachbarn geliehen und es nicht zurückgegeben. Oh weh!“, sagt sie auf Türkisch zu Meryem Hayirli. Eine Erinnerung aus der Vergangenheit, die sie plötzlich gepackt hat. Die Pflegerin hält ihre Hand und geht auf sie ein. „Ja, du hast recht. Du gibst es ihnen wieder“, sagt sie. Nicht zu widersprechen hilft der Kranken, die schmerzhaften Gedanken loszulassen, hofft die Pflegerin.

Seit 50 Jahren in Deutschland

Im nächsten Moment ist Sebahat Tok wieder fröhlich, bietet den Umstehenden Weintrauben an und lässt nicht locker, bis sich alle von ihr eine in die Hand legen lassen. Neben Sebahat Tok sitzt ihr Mann Ibrahim, 77. Die beiden sind das einzige Ehepaar in der WG. Der ältere Herr blickt müde. Er ist nicht demenzkrank. Doch das langsame geistige Verschwinden seiner Frau schmerzt ihn. „Es ist nicht schön, dass ich hier bin“, sagt er auf die Frage, wie es ihm in der WG gefällt. Immerhin – die beiden haben ein großes Zimmer mit Tür zum Garten. An einer Wand hängt ein großes Bild von dem Wallfahrtsort Medina in Saudi-Arabien, wo der Prophet Mohammed beerdigt ist. Fast 50 Jahre sei Ibrahim Tok mittlerweile in Deutschland, erzählt er, 15 Jahre hat er als Nachtwächter im Krankenhaus Havelhöhe gearbeitet, drei Jahre lang im Tegeler Krankenhaus als Telefonist.

„Es ist die erste Generation Gastarbeiter, die jetzt in Pflegeeinrichtungen ist“, sagt Meryem Hayirli, „es ist für sie nicht leicht. Das kann ich gut verstehen.“ Sie kam 1976 nach Deutschland.

Pflegerinnen, die türkisch sprechen

Mehr als ein halbes Leben haben die Menschen in Deutschland verbracht und doch damit gerechnet, irgendwann wieder zurückzugehen, um das Alter in der Heimat zu verbringen. Ein Leben mit fremden Betreuern stand nicht auf dem Plan, doch die nachfolgende Generation kann die Aufgabe der Pflege nicht übernehmen, besonders Demenz überfordert viele Familien. Etwa 30 Pflegedienste, die sich auf Migranten spezialisiert haben, gibt es deshalb in Berlin. Meistens unterstützen sie Familien bei der häuslichen Pflege oder betreuen WGs. Heime gibt es wenige.

Die Auszubildende Canan Bilek begleitet eine Bewohnerin zum Rauchen in den Garten. Die ältere Dame wird die „hübsche Kleine“ genannt, weil ihr Gesicht so jung geblieben ist. Sie hat das Korsakow-Syndrom, eine Demenz-Erkrankung, die als Folge von Alkoholismus auftreten kann. Die Frau ist desorientiert und versucht manchmal wegzulaufen. Sie geht mit offenem Mund und herausgestreckter Zunge umher. Canan Bilek hält sie am Arm, um sie zu stabilisieren. Obwohl sie mit einem Deutschen verheiratet war, spricht die Frau nur noch Türkisch. „Eine Folge der Krankheit“, sagt Canan Bilek. In der Demenz gehen Fremdsprachen verloren. Das sei bei jedem Menschen so.

Traditionen sind tief verankert

Zu Mittag gibt es an diesem Tag Gemüse mit Fleisch und Joghurt, wie es die türkische Küche kocht – ohne angedickte Soße oder Kartoffeln. „Wir kochen halal“, sagt Meryem Hayirli, das heißt, es gibt keine Gerichte mit Schweinefleisch. Das ist den Bewohnern wichtig.

Das Essen und die Sprache spielen in der türkischen Altenpflege eine große Rolle. Hinzu kommt die Religion. Am Donnerstagvormittag beten die Frauen zusammen, eine der ehrenamtlichen Helferinnen liest aus dem Koran vor. Während sie mit dem aufgeklappten Buch auf den Knien die Suren zitiert, halten die Bewohnerinnen die Handflächen im Schoß nach oben. Glaube und Tradition sind im Gedächtnis tief verankert, denn sie wurden in der Kindheit angenommen. Diese Erinnerungen lassen sich bei einigen Bewohnern aktivieren – trotz Demenz. Das gemeinsame Beten hilft deshalb auch, die Bewohner am Leben teilhaben zu lassen.

Kopftücher und das Essen ist halal

Canan Bilek erzählt, dass die Frauen und Männer unbedingt die muslimischen Glaubensregeln einhalten möchten. Zum Beispiel wünschen sie, dass sie unter fließendem Wasser gewaschen werden und nicht aus einer Schale, wie es bei deutschen Patienten gemacht werde. „Stehendes Wasser gilt bei uns als unrein“, sagt sie. Auch die Körperpflege sei ein wichtiges Thema. Männer würden häufig um männliche Pfleger bitten. Für viele Patientinnen sei es aber genauso schwer, sich waschen zu lassen. Die Scham sei groß. Meryem Hayirli berichtet, dass sie manchmal eine halbe Stunde mit Sebahat Tok sprechen müsse, bevor sie sich darauf einlasse.

Die Hygieneregeln, genau wie alle anderen Vorschriften seien die gleichen wie in jeder anderen Pflegeeinrichtung. „Obwohl es Kopftücher gibt und Essen, das halal ist, gilt hier das deutsche Gesetz“, sagt sie. Am wichtigsten ist ihr jedoch – und auch das ist unabhängig von der Herkunft der Senioren, dass die Bewohner glücklich sind. „Sie brauchen immer Liebe“, sagt sie, „mehr nicht.“