Die Forderung des Zentralrats der Juden in Deutschland war unmissverständlich formuliert: „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ lautete das Motto der Kundgebung am Brandenburger Tor. Alle im Bundestag vertretenen Parteien aber auch Organisationen wie der Deutsche Gewerkschaftsbund oder der Deutsche Fußballbund hatten sich dem Ruf angeschlossen – und rund 6 000 Zuhörer waren am Sonntagnachmittag gekommen.

Den Anfang unter den Rednern machte Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er berichtete, dass Zentralrat und Jüdische Gemeinden ursprünglich alleine gegen Antisemitismus hatten demonstrieren wollen. In den vergangenen Wochen und Monaten hätten sie Ausbrüche von Antisemitismus gesehen, „schauderhafte Schockwellen von Judenhass“. Deshalb sei es nötig, gemeinsam zu zeigen: „Keinen Platz für Judenhass!“

Während der Planung hätten sich dann immer mehr angeschlossen, so Graumann. Nach einem Blick über die Absperrung, die die geladenen Gäste vom Rest trennte, sagte er: „Wir sind eben doch nicht allein. Das gibt uns Kraft und Zuversicht.“

Gekommen war auch Benno Bahman. Der 23-jährige Modestudent aus dem Nord-Irak, seit drei Jahren in Berlin, war mit der Fahne des Autonomen Kurdistan erschienen. Er wolle seine Solidarität mit Israel bekunden – und bei der Gelegenheit Werbung für einen eigenständigen Staat Kurdistan machen. „Etwa 15 Prozent der Kurden sind Juden“, sagte Bahman. Und analog zur Situation der Juden seien auch die Kurden bedroht, aktuell durch die Terrororganisation Islamischer Staat (IS).

Hinter Bahman zog eine kleine Prozession irakischer Christen durch die Menge. „Freiheit für unsere Bischöfe“, stand auf den Transparenten. Daneben hatte sich Yuriy Druzhkevych aufgebaut, eine ukrainische Fahne um die Hüfte geschlungen. Er sei ein Aktivist vom Kiewer Majdan und wolle darauf aufmerksam machen, dass es in der Ukraine – aller russischen Propaganda zum Trotz – keine Probleme mit Rechtsextremismus und Judenhass gebe.

In der Menge stand Schauspieler Ulrich Matthes, Ensemblemitglied am Deutschen Theater. Es sei ihm ein Bedürfnis, seine Solidarität mit Juden zu zeigen, sagte er, „eigentlich eine Selbstverständlichkeit“. Er spüre, wie sich Rassismus immer mehr breitgemacht hätte. „Mittlerweile gilt Antisemitismus als ein Kavaliersdelikt, das sich hinter der Floskel ,Man wird doch wohl mal sagen dürfen’ verbirgt“, sagte Matthes. Dagegen wolle er ein Zeichen setzen.

Aus eigenem und aus einem pädagogischem Antrieb waren Annett Peschel und Bernd Große zur Kundgebung gekommen. Sie gehörten zu den wenigen, die ein Kind mitgebracht hatten. Für Tochter Ada Lilith war es die erste Demonstration ihres Lebens. „Ich bin hier, weil ich finde, dass man andere Menschen nicht hassen soll“, sagte die Achtjährige.

„Ein unglaublicher Skandal“

Sie alle hörten die Rede von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Judenturm sei Teil der deutschen Kultur, und jedwede Form von Diskriminierung und Ausgrenzung von Juden werde nicht akzeptiert, sagte sie: „Ein Angriff auf jüdisches Leben ist ein Angriff auf jeden einzelnen.“ Pöbeleien gegen jüdische Bürger seien ein „unglaublicher Skandal“.

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, appellierte an die Deutschen, die antisemitischen Menschen nicht mächtiger werden zu lassen. „Wir wissen doch alle nur zu gut, wie schnell es gehen kann, dass aus einer Gruppe, die Hass predigt, eine große Bewegung wird“, sagte er.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, betonte die Gemeinschaft von Christen und Juden im Kampf gegen Antisemitismus. „Der Hass der Wenigen wird mächtig durch das Schweigen der Vielen.“ Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, nannte es beschämend, dass die Polizei immer noch jüdische Einrichtungen schützen müsse.