POTSDAM - Berlin boomt. Unaufhaltsam ziehen Leute in die Stadt. Im Vorjahr ließen sich 48 000 Neuberliner registrieren. Auch das Berliner Umland boomt. So hat sich die Einwohnerzahl von Falkensee – gleich neben Spandau – seit 1990 fast verdoppelt auf nun 42 539 Bürger. Doch es gibt auch Regionen, aus denen junge Leute massenhaft wegziehen und die Bevölkerung überaltert. Das trifft vor allem die dünn besiedelten Berlin-fernen Regionen.

Um den Niedergang zu steuern, sollten Prämien gezahlt werden. Das sagte der Demografie-Experte Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung der Märkischen Oderzeitung. Sein Argument: Die verbliebenen alten Menschen sollen perspektivlose Regionen verlassen. Ihnen soll geholfen werden bei der Suche nach altersgerechten Wohnungen in größeren Städten, denn dort gibt es wenigstens noch Ärzte. Sie sollen auch Geld erhalten für den Umzug und vielleicht auch eine kleine Kompensation für ihre alten Häuser.

Überalterte Regionen

Im Potsdamer Infrastrukturministerium heißt es, dies seien Theorien, die meist von urban geprägten Großstädtern kommen, die die Realität vor Ort nicht so gut kennen. Aber alle sind sich einig, dass der demografische Wandel eine großen Herausforderung wird. Das zeigen auch Zahlen, die der Verein Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) am Montag veröffentlicht hat. Dabei geht es um die teils rapide Überalterung einzelner Regionen. Gemeint ist: Der Anteil der Alten steigt so rasant, dass sich damit auch das Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung massiv verändert.

Besonders prägnant ist der Unterschied zwischen Berlin und Potsdam auf der einen Seite und dem Kreis Prignitz auf der anderen Seite: Durch den Zuzug junger Menschen altert die Bevölkerung in Berlin und Potsdam bis 2030 statistisch gerade einmal um einen Monat pro Jahr. In der Prignitz altert die Bevölkerung dagegen um sechs Monate Jahr pro Jahr. Dort steigt der Altersdurchschnitt demnach von derzeit 48 Jahren auf 57 Jahre im Jahre 2030.

„Wegzugsprämien helfen aber nicht“, sagt Karl-Ludwig Böttcher vom Brandenburger Städte- und Gemeindebund. Die seien weder wünschenswert, noch würden sie etwas bringen. Sein Beispiel ist ein Dorf mit 100 Einwohnern. Selbst bei einer üppigen Prämie würden dort nie alle wegziehen. „Man kann doch den Menschen nicht einfach die Heimat nehmen.“ Wenn dann im Dorf noch 50 Leute bleiben, wäre zwar viel Geld für die Prämie ausgegeben, aber die Verbliebenen müssten weiter mit Strom, Wasser und all der nötigen Infrastruktur versorgt werden. „Wir können doch nicht einfach ganze Landstiche aufgeben.“

Verlassene Dörfer

Ludwig plädiert dafür, den Leuten offen zu sagen, wie sich die Lage entwickeln wird. „Wie viele Ärzte und Schulen gibt es? Welche Busse? Welche Dienstleistungen? Wer das weiß, kann entscheiden, ob er bleibt oder in eine bestimmte Region zieht.“ Schon jetzt werde in verlassenen Dörfern kaum noch neu gebaut, sondern vor allem in den Städten und am Stadtrand. Es könnten nicht auch noch mehr Schulen geschlossen werden. „Statt die Schüler über Land zu schicken, sollten lieber die Fachlehrer von Schule zu Schule fahren“, sagt Ludwig.

Auch im Infrastrukturministerium heiß es, dass die ländlichen Regionen gestärkt werden müssen. „Ich sehe nicht überall Perspektivlosigkeit“, sagt Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade. Nach dem Ende der DDR war der Umbau kompliziert, es gab aber auch reichlich Erfolge: Fast alle Reiterhöfe und Biobauernhöfe sind erst nach 1990 entstanden. Die Energiewende mit Biogas und Energiepflanzen sorge für kräftig steigende Bodenpreise und sichere der Landwirtschaft eine Zukunft. Auch der Tourismus sorge für Jobs. „Und dann gibt es noch die so- genannten Raumpioniere“, sagt er. Leute, die in freien Berufen arbeiten, die standortunabhängig sind, die als Künstler, Architekten, als Computerspezialisten oder als Musikproduzenten raus aufs Land ziehen. „Natürlich gibt es immer wieder leer gezogene Höfe, aber interessanterweise finden sich auch immer Berliner oder Hamburger oder Brandenburger, die sie kaufen.“