Wird endlich umbenannt: Die Mohrenstraße soll zukünftig Wilhelm-Amo-Straße heißen.
Foto:  Imago Images

BerlinTransparenz, Partizipation und Frauenpräsenz – die drei Prinzipien galten bisher als Leitlinien grüner Politik. Im Fall der SPD gab es immer auch Spuren davon, aber jähe Richtungswechsel überraschen nicht. Mit dem Ruckzuck-Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung, einem grün-roten Antrag folgend die Mohrenstraße ohne weiteres demokratisches Gedöns umzubenennen und der Öffentlichkeit auch sofort einen alternativlosen (männlichen) Namen vorzusetzen, haben beide Parteien in Berlin-Mitte die bisher geltenden demokratischen Gepflogenheiten über den Haufen geworfen. Unmissverständlich wird klargemacht: Bürger nerven. Jedes weitere rot-grüne Reden über Mitsprache von Bürgern muss fortan als politische Heuchelei verstanden werden. 

Damit erreicht die sogenannte Cancel Culture, also das Abschalten missliebiger Vorstellungen und das Ausmerzen historisch heikler Namen oder Bildnisse, in Berlin eine neue Qualität. Das Vorgehen dürfte über Mitte hinaus in aktivistischen Kreisen Vorbildwirkung entfalten. Die Bezirksverordneten geben dem Druck kleiner, aber sehr lautstarker Initiativen nach, die ihre überaus berechtigten Anliegen im Kampf gegen Rassismus mit wachsender Militanz vortragen. Nichts, gar nichts spricht dagegen, Gruppen wie Decolonize Berlin oder Initiative Schwarze Menschen eine herausragende Stimme bei der lange vernachlässigten Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus zu geben. Wenn ihnen aber quasi die alleinige Deutungshoheit über historische Vorgänge gewährt wird, führt das in einen verschärften Kulturkampf, den allein die AfD zu Glücksgefühlen treibt. 

Zu den Demonstrationen der Decolonizer und Umbenennungsfans kamen bisher regelmäßig ein paar Hundert statt der vom Veranstalter erwarteten 5000 Demonstranten. In Berlin leben mindestens 25.000 schwarze Menschen. Die Paket- und Zeitungszusteller, Änderungsschneider, Gastronomiemitarbeiter sieht man dort nur ausnahmsweise. Vielmehr bläht sich eine akademische Blase. Gegen den aus diesen Reihen heraus verübten Vandalismus hört man aus politischen Unterstützerkreisen keine Kritik. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, die Schmierattacken im öffentlichen Raum seien dort politisch willkommen.

Derzeit steigt Symbolpolitik zum beliebtesten Mittel des Kulturkampfes auf. Sie bewirkt nichts als kurze Glücksgefühle der Triumphierenden. Keine reale Veränderung folgt daraus. Es gibt keine rassistische Beleidigung weniger, kein Zurückdrängen von Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und bei der Wohnungssuche. Jahrzehntelang hat die Politik vieler weißer alter Männer und auch etlicher Frauen die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte gebremst – wenn auch weit mehr wissenschaftliche Werke vorliegen, als von jenen behauptet, die den Kolonialismus als Thema frisch entdeckt haben. In diesen Publikationen kann jedermann erfahren, welch grausame Verbrechen Deutsche an Afrikanern begangen haben, welch teuflische Pakte sie mit afrikanischen Eliten zum Schaden von Millionen Menschen geschlossen haben. Die Tilgung von tatsächlichen oder vermeintlichen Kolonialzeichen aus dem öffentlichen Raum ist eine arbeitsscheue und denkfaule Flucht ins leicht Erreichbare. Sie kann das viel schwierigere Projekt von Rassismusabbau sowie mentale und praktische Entkolonialisierung in keiner Weise ersetzen.

Wie einfach es sich die Geschichtsausputzer machen, ist übrigens aus dem grün-roten Antrag „Anton Wilhelm Amo Straße jetzt!“ gut herauszulesen. So kurz die Begründung für die Namenswahl auch ist – so gelang es den Verfassern doch, etliche faktische Fehler darin unterzubringen. Falsche Angaben über Amos Biografie, Karriere und Universitäten zeugen davon, dass die Antragsteller es nicht für nötig hielten, sich dem Leben Amos respektvoll zu nähern. Nachgeplappert wird vom Hörensagen. Das hat Anton Wilhelm Amo nicht verdient.

Aus der Umbenennungsposse im Afrikanischen Viertel haben die Zuständigen übrigens nach eigenem Bekunden gelernt – dort hatte man zwar Bürger um Namensvorschläge gebeten, und die waren auch gekommen, genannt wurden zum Beispiel afrikanische Frauen wie die Antiapartheidsängerin Miriam Makeba oder die Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai – auch Anton Wilhelm Amo tauchte auf. Damals wischte eine aktivistische Geheimjury die Anwohnervorschläge vom Tisch – auch Amo. Bis heute kämpft das zuständige Bezirksamt Mitte mit Bürgerwidersprüchen. Die Lehre aus dem Desaster ist nun aber nicht etwa, die Bürger ernst zu nehmen, um dem Entkolonialisierungsprozess möglichst große Wirkung zu verschaffen. Vielmehr schaltet man die Bürger aus. Was für ein Signal!