Berlin - Der Schriftsteller Kurt Tucholsky hatte einen scharfen Blick für die Eigenheiten seiner Landsleute: „Wenn der Deutsche hinfällt, steht er nicht auf, sondern sieht sich um, wer schadensersatzpflichtig ist.“ Schön formuliert. Doch wer ist überhaupt „der Deutsche“? Klischees aufs Korn nehmen, Klartext reden und Toleranz und Demokratie fördern: Genau das will der Verein Social Tat.

Der Verein initiiert und realisiert Projekte, die sich um das drehen, was Jugendliche beschäftigt: Ausbildungsfragen, Castingshows, Politik und Demokratie. Mit beachtlichem Erfolg. Social Tat hat schon mehrere Wettbewerbe beim „Europäischen Sozialfonds (ESF)“ gewonnen. Und nun kommt noch ein Preis dazu: Am heutigen Mittwoch erhält er ebenso wie das Projekt Reinigungsgesellschaft/Atelier Global den Integrationspreis des Bezirkes Lichtenberg 2016 verliehen.

Der Blick hinter das Klischee 

Hinter Social Tat steht Adelheid Schardt, Lehrbeauftragte an der Hochschule der populären Künste in Berlin. Sie hat den Verein vor zehn Jahren gegründet. Seinen Sitz hat er im Haus N der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Jeden Freitag treffen sich hier Jugendliche mit Migrationshintergrund zum Diskutieren und um Projekte zu planen. Die 21-jährige Zeynep ist seit fünf Jahren mit dabei und hat zum Beispiel bei dem Film „Brockensprache“ mitgemacht. Darin ging es um den Blick junger Migranten auf Deutsche, um Klischees und ein bisschen auch darum, ob Kurt Tucholskys Beobachtung zutrifft.

Auch beim „KaDeDe“ arbeitete Zeynep mit. Der Titel meint nicht den Konsumtempel KaDeWe, sondern steht für „Kaufhaus der Demokratie“. Das Projekt sollte eine Werbung für die Demokratie sein, sagt Adelheid Schardt, die von allen nur Heidi genannt wird. Dafür entstanden T-Shirts, die nun über einem Balken am Dach hängen: Auf dem weißen Stoff steht beispielsweise „Das Kenia“ oder „Die Türke“.

Das Spiel mit der Sprache

Das bezieht sich auf die Herkunftsländer der Jugendlichen, die zu diesem Zeitpunkt bei dem Projekt mitmachten. Die Schriftzüge sind Sprachspiele, sie zeigen, wie schnell ein falsches Wort etwas fremd erscheinen lässt. Bei der Arbeit daran sprachen die jungen Leute und Schardt viel über kulturelle Unterschiede und Eigenheiten, erzählt die Vereinsgründerin. Zum Beispiel, warum Deutsche ihre Schuhe nicht ausziehen, wenn sie in eine Wohnung kommen.

Mehrere Filme haben die Jugendlichen schon gedreht, außer „Brockensprache“ auch „Babos Bildungsoffensive“. Weitere Kunst- und Buch-Projekte tragen Titel wie „Die Aufgabe: Gönn Dir Ausbildung“ oder „Isch will Kudamm“. Schardt, die als Dozentin Texten für Werbung und PR unterrichtet, sagt dazu: „Was uns hier verbindet, ist eine ähnliche Art von Witz und Sarkasmus.“

Das Angebot richtet sich an alle

Rund zehn Jugendliche kommen regelmäßig. Das Angebot ist aber offen für alle. Die meisten Teilnehmer haben über Freunde oder Mitschüler von Social Tat gehört. Die Stimmung bei den Treffen ist freundschaftlich, der Ton frech und quicklebendig. Die 21-jährige Tugba trägt ein weißes Kopftuch und studiert Kindheitspädagogik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen.

„Dort sind fast nur Deutsche“, sagt sie. Inzwischen gebe es drei oder vier Studentinnen mit Kopftuch an der Hochschule. „Alle sind richtig nett. Wir haben auch einen gemeinsamen Gottesdienst gefeiert.“ Lachend wird ihr entgegnet „Du weißt aber schon, dass der Kirche die Leute wegrennen!“

Zeynep, die Lehramt Deutsch und Geschichte studiert, sagt, sie hätten schon an einem Wettbewerb über die Wahrnehmung des Islam teilgenommen und dafür einen Kurzfilm gedreht. Strenggläubige Muslime kamen ebenso zu Wort wie Atheisten oder „Muslime, die das lockerer sehen“. Es sei aus ihrer Sicht allerdings schwierig, die Menschen in solche Kategorien einzuordnen, sagt die 21-jährige.

Es geht um Peergroup-Building

Neben Studenten, die seit Jahren dabei sind, gehören zwei Geflüchtete zur Runde, die vor zehn Monaten aus Afghanistan und Pakistan nach Deutschland kamen. Beide besuchten einen Deutschkurs an der Universität. „Aber Deutsch lernt man viel besser im Alltag“, sagt Schardt.

Bei Social Tat könnten sie Teil einer Gruppe von Menschen mit gemeinsamen Interessen werden. „Es geht um Peergroup-Building“, sagt Schardt. Indem junge Migranten andere junge Leute mit Migrationshintergrund kennenlernen, sehen sie, was möglich ist. „Ein Teil der Gruppe hier hatte auch Sprachschwierigkeiten“,sagt Schardt, „aber jetzt gehen sie alle ihren Weg.“