Berlin - Klunk, Klunk, Klunk – die Demonstrierenden schlagen kräftig auf ihre Topfdeckel, als sich der Demonstrationszug langsam vom Hermannplatz Richtung Schönleinstraße bewegt. Nachdem das Bundesverfassungsgericht den Mietendeckel gekippt hat, haben sich hier tausende Menschen zu einer spontanen Lärmdemonstration versammelt. Und das ist sie wirklich. Die Menschen klopfen wahlweise auf Topfdeckel, Töpfe oder mit dem Topfdeckel auf die Straße und trillern im Takt dazu. „Wenn Sie uns einen Deckel nehmen, kommen wir mit tausenden Deckeln wieder!“, hieß es in der Ankündigung. 

Die Polizei will noch keine abschließende Teilnehmerzahl nennen, die Rede ist aber von einem vierstelligen Bereich. Eine Ordnerin schätzt die Zahl dagegen auf etwa 10.000. Es ist eng, doch die Menschen versuchen sich so gut es geht zu verteilen, auch wenn sie schon in der zehnten Reihe nur noch wenig von den Reden mitbekommen. Das liegt möglicherweise auch an der improvisierten Technik. „Kämpfen wir zusammen für eine Stadt, wie wir sie uns vorstellen“, ruft ein Redner und bekommt langanhaltende Klopfzustimmung.

Aktivistinnen von „Deutsche Wohnen enteignen!“ haben sich überall zwischen den Demonstrierenden verteilt und sammeln fleißig Unterschriften. „Enteignung. Jetzt erst recht“, steht auf dem gelben Transparent der Initiative. Auch Fahnen von politischen Parteien wie die Linke oder Bündnis90/Grüne sind zu sehen, sie werden jedoch aufgefordert sich ganz hinten einzureihen. „Wir sind eine Bewegung von unten“, betont die Rednerin. „Die Menschen leiden. Für alle, die wenig Einkommen haben, und jetzt insbesondere während der Pandemie, ist das ein großes Problem“, sagt Ferhat, der noch nicht lange in Berlin lebt. Die Stimmung ist trotz der schlechten Nachrichten positiv und kämpferisch. Aufschriften auf den gelben Westen der Ordnerinnen und Ordner erinnern die Menschen an Abstand und Maske. „Haltet Abstand, achtet aufeinander, wir befinden uns in einer Pandemie“, ruft eine von ihnen immer wieder durchs Megafon.

„Bezahlbarer Wohnraum wird immer knapper. Egal, ob in den Szenevierteln oder Randbezirken. Deshalb ist so ein Gesetz unglaublich wichtig. Und nicht nur in Berlin, sondern eigentlich in ganz Deutschland“, sagt Calle, dessen Miete sich nicht erhöht. Er sei aus Solidarität hier und hoffe, dass der Mietendeckel auf ganz Deutschland ausgeweitet, statt abgeschafft wird. „Die Mieter:innen werden nicht geschützt. Was geschützt wird, ist mal wieder die Wirtschaft. Das ist der größte Bullshit. Wohnen ist doch ein Grundrecht!“, fügt Maria hinzu, deren Wut spürbar ist.

Nach der Beendigung der Demo durch den Versammlungsleiter hätten 400 Teilnehmer den Ort nicht verlassen wollen, sagte ein Sprecher der Polizei am Donnerstagabend. Aus dieser Gruppe heraus sei es vereinzelt zu Straftaten gegenüber Polizeibeamten gekommen. In der Folge seien zunächst Durchsagen gemacht und dann polizeiliche Maßnahmen ergriffen worden. Nähere Angaben machte der Sprecher zunächst nicht.

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Mietendeckel gekippt: Von der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts sind Zehntausende Berliner Mieterinnen und Mieter betroffen. Und müssen nun möglicherweise jeweils Hunderte von Euro an Miete an ihre Vermieter nachzahlen.

Wir wollen von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wissen: Sind Sie betroffen? Was bedeutet das für Sie? Müssen Sie nachzahlen? Oder kommt Ihr Vermieter Ihnen entgegen? Was erwarten Sie vom Senat? Schreiben Sie uns, welche Folgen der gekippte Mietendeckel für Sie hat: mietendeckel@berlinerverlag.com