BerlinDie Tote ist aufgebahrt, doch Dirk Wöhler will sich mit dem Gedanken an ihr Ableben nicht anfreunden. „Man hat uns die Liebe unseres Lebens genommen“, sagt der Discjockey. Drüben auf einem Anhänger ist ein Sarg aufgebahrt, geparkt neben dem Brandenburger Tor, als habe ihn ein Bestatter dort vergessen. „Veranstaltungsbranche“ steht darauf und an der Stirnseite: „Kultur“.

Es ist Mittwochnachmittag. Der Demonstrationszug ist an sein Ziel gekommen und hat sich vor einer Bühne versammelt. Campino, Frontmann der Rockgruppe „Die toten Hosen Rund “, verliest ein längeres Statement, formuliert Appelle an die Politik, die in dem Aufruf gipfeln: „Verhindern Sie das Austrocknen des kulturellen Lebens!“ Ein Lindwurm von Lkw und Bussen brummt in fünfzig Metern Entfernung an der Bühne vorbei. Während Campinos Vortrag schweigen die Signalhörner.

Rund 4000 hören dem Sänger zu. Sie sind vom Neptunbrunnen am Roten Rathaus die Straße Unter den Linden entlang gelaufen, am Paul-Löbe-Haus vorbei, wo die Abgeordneten des Bundestages arbeiten, haben den Reichstag passiert und sich dann am Brandenburger Tor versammelt. „Wenn uns die Politik ins Koma legt“, sagt Wöhler, „dann ist das lebensgefährlich.“

Der Satz hätte von Jan Rebo stammen können. Er betreibt zwei Hotels in Berlin, das eine im Nikolaiviertel, das andere am Rosenthaler Platz. Dass Gaststätten am Montag wieder schließen sollen, findet er merkwürdig. „Hotels und Restaurants sind bisher nicht als Hotspots in Erscheinung getreten“, sagt Rebo. Er läuft mit einer  Gruppe, die sich auf ihren Protestschildern ausweist. „DEHOGA“ ist am unteren Rand zu lesen. Der „Deutsche Hotel- und Gaststättenverband“ ist im Zug willkommen, spielt in den Redebeiträgen später jedoch kaum eine Rolle.

Das Bündnis „Alarmstufe rot“ hat zu der Demonstration aufgerufen, es fungiert als Dach für Verbände und Initiativen der Event-Sparte. Die Organisation dieses Tages hat DJ Wöhler federführend übernommen. Er ist Vorsitzender vom „Verband Discjockey e. V.“, für die ganze Branche rechnet er vor: „130 Milliarden Jahresumsatz, mehr 1,5 Millionen Menschen leben von der Veranstaltungsbranche.“ Davon ist eine Million direkt in dem sechstgrößten Wirtschaftssektor Deutschlands beschäftigt. Die übrigen profitieren indirekt vom Geschäft mit Events: Hotels, Gaststätten - deswegen Rebos Trupp. Auch das Transportgewerbe - deshalb die Busse und Trucks.

Rund 88 Prozent werden durch Messen, Kongresse und Fachtagungen erwirtschaftet. „Corporate Events“, sagt Alexander Ostermaier. „Klingt ein bisschen umständlich.“ Ist aber im Grunde ganz einfach. Ohne Firmen wie „Neumann und Müller“, für die Ostermaier spricht, könnte der Wirtschaftsstandort seine wichtigsten Verkaufsplattformen nicht betreiben – die Messen. 800 Mitarbeiter hat das Unternehmen, wobei sie derzeit weniger mitarbeiten, sondern sich überwiegend in Kurzarbeit befinden. Auf 19 Standorte sind sie verteilt, einer davon ist Berlin.

Bei dieser Größe kommt Ostermaiers Firma nicht mehr in den Genuss von Überbrückungshilfen. „Man hat mir dann seitens der Politik gesagt, ich sollte den Wirtschaftsstabillisierungsfonds in Anspruch nehmen“, sagt Ostermaier. Das Prüfverfahren, da hat sich der Unternehmer schlau gemacht, dauert vier bis sechs Monate. „Kosten soll das dann zwischen 50.000 und 80.000 Euro“, sagt Ostermaier.

Vier weitere Monate zu den ohnehin schon Geld und Kräfte zehrenden acht seit dem Lockdown würde „Neumann und Müller“ nicht überstehen. 50.000 Euro könnte Ostermaier nicht aufbringen. So viel müsste er für das Prüfverfahren hinblättern. Schon jetzt haben die Firmen in der Branche ihre Reserven aufgebraucht und gehen längst ins Minus.

DJ Wöhler hat seit März 3000 Euro Unterstützung bekommen, wie er sagt. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Doch das soll sich ja jetzt ändern, wie Thomas Bareiß von der Bühne herab den Demonstranten verspricht. „Ich verstehe die Ungeduld sehr, sehr gut“, sagt der parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Dann sagt er, dass schon am nächsten Tag gute Neuigkeiten verkündet würden. „Wir werden sieben bis zehn Millionen Euro ausgeben, damit ihre Branche profitiert.“ 

Die Initiative „Alarmstufe rot“ hat längst einen Aktionsplan vorgelegt, in dem die wichtigsten Maßnahmen erläutert werden, um den Wirtschaftszweig finanziell flüssig zu halten, eine Welle von Insolvenzen und Arbeitslosigkeit noch auf den letzten Drücker zu verhindern. „Das Papier liegt bei Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier“, sagt Marcus Pohl, „aber die beiden Bundesminister konnten sich bisher nicht einigen.“

Pohl steht der „Interessengemeinschaft der selbstständigen DienstleisterInnen in der Veranstaltungswirtschaft“ vor, kurz: ISDV. „Wir vertreten die Soloselbständigen.“ Er beobachtet eine Erosion. „Immer mehr Leute wandern ab, machen andere Dinge, Fahrdienste zum Beispiel, einfache Sachen, für die keine große Qualifikation nötig ist.“ Oft sind es Gelegenheitsjobs, bei denen sie deutlich weniger verdienen als vorher.

Gut dran sind die Fachkräfte aus dem IT-Bereich, von denen es etliche im Event-Gewerbe gibt. „Allerdings ist bei denen das Problem nur aufgeschoben“, sagt Pohl. „Könnte sein, dass IT die nächste Blase ist, die platzt.“ Noch ein geräuschvoller Crash?

An diesem Nachmittag erhält das Veranstaltungsgewerbe erst einmal lautstarke Unterstützung. Nicht nur von Campino mit seinem Vortrag. Roland Kaiser hält ein Plädoyer für Soloselbstständige. Frank Zander und Karat, Dieter Hallervorden und Bernhard Brink - eine Mischung, so bunt wie die Branche.

Sie alle versuchen, ein Paradoxon aufzulösen: Eine Branche, die Kultur sichtbar macht, ist hierzulande notorisch übersehen worden. Campino oben auf der Bühne fragt rein rhetorisch: „Wie fühlt es sich an, acht Monate nicht arbeiten zu dürfen?“ Unten im Publikum antwortet jemand, mehr für sich selbst. „Das ist extrem frustrierend“, sagt Jogi Cappell, einer der weit mehr als 200.000 Soloselbstständigen in Deutschland. „Es wird Zeit, dass wir mit unseren Problemen von der Politik gehört werden.“ Er steht zehn Meter vom Sarg entfernt. Von der toten Liebe, auf deren Wiederauferstehung sie alle hier so sehr hoffen.