Tausende Demonstranten haben am Sonnabend in der Berliner Innenstadt gegen einen Aufzug rechtsradikaler Gruppen protestiert. Nach Schätzungen der Polizei gingen allein bei den beiden großen Gegenkundgebungen rund 7500 Menschen auf die Straße, um ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu setzen. Dem Aufzug der Rechtsradikalen unter dem Motto „Merkel muss weg – Wir sind das Volk“ waren rund 1000 Menschen gefolgt. Angemeldet hatten die Veranstalter 5000 Teilnehmer.

Die Polizei war mit 1700 Beamten aus mehreren Bundesländern im Einsatz. Es gab einen Angriff auf einen Berliner Linken-Politiker, fünf vorläufige Festnahmen und vereinzelte Flaschenwürfe. Insgesamt seien die Demonstrationen weitgehend störungsfrei verlaufen, bilanzierte Polizeisprecher Wilfried Wenzel am Abend. So friedlich wie am Anfang seien sie aber nicht geblieben.

Flaschenwürfe und Pfefferspray

So habe ein Teilnehmer der Rechtspopulisten-Demo den flüchtlingspolitischen Sprecher der Partei Die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus, Hakan Tas, in einem Supermarkt den Ellenbogen in die Bauchgegend gestoßen. Tas erstattete Anzeige. Flaschen seien aus dem Lager der Gegendemonstranten geflogen, die versuchten, Polizeiabsperrungen in Richtung des Rechten-Aufzugs zu überwinden, berichtete Wenzel. Kurze Zeit sei die Stimmung dabei sehr aggressiv gewesen, Polizisten setzten Pfefferspray ein.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) dankte am Abend allen Teilnehmern, die friedlich gegen den Rechten- Aufmarsch protestierten - und der Polizei. Den Berlinern sei es gelungen, ein sichtbares Zeichen gegen Intoleranz und Ausgrenzung zu setzen, das weit über die Stadt hinaus strahle, sagte er. „Viele Menschen wollten dem rechten Mob und den Spaltern der Stadt in keinem Fall die Straße überlassen.“ Demokratie brauche Menschen, die für sie eintreten. Nur ein weltoffenes Berlin sei ein lebenswertes Berlin.

Der Demonstration „Für ein solidarisches Berlin“ des „Bündnis Nazifrei“ hatten sich nach Polizeiangaben rund 4500 Menschen angeschlossen. Die Veranstalter sprachen von bis zu 12.000 Teilnehmern. Das Bündnis zog mit Plakaten wie „Flüchtlinge willkommen“, „Gegen Rassismus und rechte Gewalt“ und „Wir sind viele. Berlin gegen Nazis“ durch die östliche Innenstadt. Am „Spaziergang für Weltoffenheit und Toleranz“ der evangelischen Kirche zum Gendarmenmarkt nahmen weitere 3000 Menschen teil.

Rechte Demonstranten verlesen Schmähgedicht von Jan Böhmermann

Die rechtspopulistische Demonstration hatte das Bündnis „Wir für Berlin & Wir für Deutschland“ angemeldet, das mit rechtsradikalen Bewegungen, etwa „Pro Deutschland“, zusammenarbeitet. Neben Männern in T-Shirts und Jeans liefen Teilnehmer mit Runenschrift auf ihren Pullis mit. Auch „Hooligans gegen Salafisten“ waren vereinzelt zu sehen. Dem Aufzug hatten sich neben wenigen Familien mit Kindern aber auch Senioren angeschlossen, darunter eine Frau mit Rollator. Auf ihrem Plakat stand: „Der Islam gehört zu Merkel, aber nicht zu Deutschland.“ Die Demonstranten sprachen sich untereinander als „Patrioten“ an, verlasen das Böhmermann-Schmähgedicht zu Poprhythmen und schwenkten Deutschland-Fahnen.

Während aus dem Aufzug der Rechtsradikalen Rufe wie „Heimat“, „Freiheit“ und „Lügenpresse“ schallten, echote es im Regierungsviertel von der anderen Seite der Spree „Nazis raus“ zurück. Die östliche Innenstadt blieb am Samstag weiträumig abgesperrt.

Schon am 12. März waren rund 3000 Rechtspopulisten und Neonazis an das Brandenburger Tor gezogen. Der Berliner Senat hatte damals mit deutlich weniger Teilnehmern gerechnet. (dpa/BLZ)