Die Wasser-Demo auf dem Landwehrkanal fand vor einem Krankenhaus statt, in denen Covid-19-Patienten lagen.
Foto: imago images/ZUMA Wire

BerlinVor knapp zwei Wochen fand die mittlerweile berüchtigte Schlauchboot-Demonstration auf dem Landwehrkanal in Berlin statt. Sie sollte eine Solidaritätskundgebung für die Clubs der Stadt sein, die wegen der Corona-Regeln darben. Ihre genauen politischen Forderungen waren schwer zu entschlüsseln. Die Abschlusskundgebung fand vor einem Krankenhaus statt und hatte die Form einer Party. Im Krankenhaus lagen Patienten, die an Covid-19 litten. Ein Freund schickte mir Fotos von der Aktion: eng beieinanderliegende Boote, kaum Schutzmasken. Er schrieb wütend unter ein Foto: No lives matter.

Am vergangenen Sonnabend gab es eine andere Demonstration in Berlin. Sie fand bei schönem Wetter auf dem Alexanderplatz statt. 15.000 Menschen, viele Masken, wenig Abstand. Protestiert wurde gegen die Polizeigewalt in den USA. Auf den Schildern stand Black Lives Matter. Drei Tage später sagte Karl Lauterbach – Arzt, Gesundheitsexperte, SPD-Bundestagsabgeordneter –, die Demonstration sei der Sargnagel für die Lockdown-Regeln. Da hatten Veranstalter schon gefordert, dass im Sommer auch Festivals stattfinden müssten, wenn Großdemonstrationen erlaubt werden. Das Gaststättengewerbe zog nach: Warum dürfen wir nur die Hälfte der Tische belegen, wenn die Gäste danach hautnah protestieren?

Mitte Februar stand ich an einem kalten und regnerischen Abend vor dem Brandenburger Tor. Wieder eine Demonstration. In der Nacht davor hatte ein Attentäter in Hanau zuerst neun Menschen ermordet und danach seine Mutter und sich erschossen. Bei den neun Toten handelte es sich um Deutsche mit Migrationshintergrund, andere hatten afghanische, bulgarische oder rumänische Pässe. Vor dem Tor hatten sich nicht einmal 500 Menschen versammelt. Sie standen stumm und etwas hilflos im Nebel. Politiker ließen sich mit betroffenen Gesichtern fotografieren. Zur gleichen Zeit demonstrierten am Hermannplatz in Berlin über 2000 Menschen. Corona war noch ein chinesisches Problem, der NSU ist ein deutsches Problem.

Sieben Jahre lang haben nicht nur Polizisten geglaubt, dass eine Mordserie, die mit der immer gleichen Waffe verübt wurde und die immer Migranten zu Opfern hatte, nur einen kriminellen Hintergrund haben kann, in den die Opfer verstrickt sind. Niemand kam auf die naheliegende Idee, dass rechte Terroristen die Täter sein könnten, gedeckt von einem weitverzweigten Umfeld - weder Polizisten, noch hellsichtige Staatsanwälte, noch die investigativen Journalisten der Qualitätspresse. Auch ich nicht, ein weißer deutscher Filmemacher, der es hätte besser wissen müssen. Es ist eine Schande, unsere Schande, wie auch die Attentate in Hanau oder Halle oder die verschluderten Ermittlungen bei Todesfällen in Polizeizellen.

Für kulturelle und politische Prozesse sind die USA in dieser Welt oft der Taktgeber. Musik, Internet, die Bürgerrechtsbewegung in den 60er-Jahren. Manchmal entstehen dabei Diskussionen, die im Kontext der USA absolut Sinn machen, während sie in Europa eher auf der Suche nach ihrem Gegenstand sind. Hier gegen Polizeigewalt in den USA zu demonstrieren, mag ehrenvoll sein, hilft aber nicht weiter. Wenn es dabei bleibt, wird der Erfolg der Proteste höchstens darin bestehen, dass Festivals im Sommer stattfinden, Clubs ihre Tore öffnen und Restaurants ihre Plätze bis auf den letzten Platz füllen dürfen. Schlauchboote matter.