Am 1. Mai 2020 waren wegen der Corona-Pandemie große Demonstrationen verboten. Dieses Jahr sind die Demos wieder möglich. Allerdings ist dafür am späteren Abend der übliche Aufenthalt von Demonstranten und Schaulustigen mit Bierflasche in der Hand nicht mehr erlaubt. 

Neben den Demonstrationen in der Berliner Innenstadt und in Neukölln und Kreuzberg soll es am 1. Mai auch wieder eine Protestaktion im Villenstadtteil Grunewald geben. „Grunewald noch lahmer legen“, heißt es in einem Aufruf im Internet. „Es wird Zeit: Die Vermögenden dieser Stadt müssen in Bewegung kommen.“ Mit einer Fahrradsternfahrt wollen die Demonstranten mittags aus Wedding, Lichtenberg und Neukölln Richtung Westen nach Grunewald fahren und dort am Nachmittag (15 Uhr) protestieren: „Klingeling, Hausbesuch beim Kapital!“ Und weiter: „Es wird Zeit, dass die Grunewalder die Umverteilung ihres Vermögens auf die Kette kriegen.“

Die Organisatoren sind der Auffassung, dass die Reichen aus dem Grunewald in der Pandemie „den letzten Bezug zur städtischen Gesellschaft verloren“ hätten. So heißt es in dem Aufruf, man lade „ein den Grunewald zu besuchen, die Bewohner:innen abzuholen und gemeinsam in eine strahlende Zukunft für alle zu fahren!“

Auch in den letzten Jahren hatte es Demonstrationen am 1. Mai in Grunewald gegeben. Dabei wurden auch ein Mal diverse Autos bemalt und zum Teil auch zerkratzt. Im vergangenen Jahr war wegen der Corona-Pandemie nur ein kleiner Autokorso erlaubt worden. In diesem Jahr forderte die Initiative MyGruni die Teilnehmer zu Abstandhalten, Masken und Schnelltests auf.

Die Polizei bereitet sich für Freitag und Samstag auf eine ganze Reihe von Demonstrationen vor. Im vergangenen Jahr waren die meisten Kundgebungen wegen der Corona-Pandemie verboten worden. Abends trafen sich trotzdem einige tausend Menschen zum Protest in Kreuzberg. Die Ankündigung von Innensenator Andreas Geisel (SPD), Menschenmengen konsequent zu zerstreuen, konnte die Polizei nicht umsetzen.

In diesem Jahr demonstrieren bereits am Freitagabend linke Gruppen im Wedding und feministische Frauengruppen mit dem Motto „Take back the night – Wir nehmen uns die Nacht zurück“ in Kreuzberg. Am Samstag ist tagsüber eine große Fahrradsternfahrt des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zusammen mit dem Fahrrad-Club ADFC mit 2500 Teilnehmern geplant. Mittags wollen Clubbesucher und -betreiber, Musiker und DJs für eine Wiederbelebung der Kultur- und Clubszene demonstrieren, erwartet werden 500 Teilnehmer.

Am Samstagabend folgt die linksradikale „Demonstration zum revolutionären 1. Mai“ vom Hermannplatz in Neukölln zum Oranienplatz in Kreuzberg. Wegen der Debatten um den Mietendeckel, der Räumung der besetzten Kneipe „Meuterei“ und der geplanten Räumung des Jugendzentrums „Potse“ sowie des Streits um das besetzte Haus „Rigaer 94“ wird eine aufgeheizte Stimmung mit einigen Tausend Teilnehmern erwartet.

Die seit Samstag gültige Ausgangssperre nach 22 Uhr betrifft die Demonstrationen schon deswegen nicht, weil die Kundgebungen in den vergangenen Jahren immer vor dieser Uhrzeit offiziell beendet wurden. Allerdings blieben in den späten Abendstunden und in der Nacht immer noch tausende Menschen auf den Straßen. Manche randalierten, viele tranken Bier oder feierten. In diesem Jahr ist zwischen 22 und 0 Uhr nur noch spazierengehen ohne Begleitung erlaubt, danach darf sich keiner ohne einen beruflichen oder anderen wichtigen Grund draußen aufhalten. Die Polizei könnte also ab 22 Uhr die Straßen in Kreuzberg weitgehend räumen oder zumindest Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten verteilen. (mit dpa)