Das Brandenburger Tor war an diesem Sonntag wieder Symbol der Trennung: Östlich versammelten sich ab 14 Uhr Teilnehmer der „Glänzenden Demonstration“ – tanzend, singend und „Nazis raus“ rufend. Auf der anderen Seite des Tores fand gerade die Großdemonstration der AfD ihren Abschluss.

Die Gegendemonstranten waren gut gelaunt und glitzernd kostümiert dem Aufruf des Vereins Die Vielen und etlichen anderen AfD-Gegnern gefolgt. Insgesamt gab es 13 Gegendemonstrationen. Ein Meer von Glanzfolien und Transparente mit Forderungen nach einer offenen Gesellschaft auf der einen Seite des Tores, tausende Deutschlandfahnen der AfD-Anhänger auf der anderen Seite – so zeigte sich die Stadt am Sonntag.

Die AfD-Demonstration hatte am Mittag am Hauptbahnhof begonnen. Die Partei hatte ihre Anhänger aus dem gesamten Bundesgebiet zu einer Großkundgebung gerufen. Vor Wochen hatte sie noch auf mehr als 10.000 Teilnehmer gehofft.

Partygänger wollen „AfD wegbassen“ 

Kurz nach Mittag war der Washingtonplatz voller AfD-Anhänger, und die riefen am häufigsten und lautesten ihre Lieblingslosung: „Merkel muss weg!“ Es ist ihnen sehr ernst mit dem angestrebten Umbau der Gesellschaft. So sagte der Redner Christoph Berndt: „Unsere Arbeit wäre auch nicht mit der Wahl von Alexander Gauland zum Bundeskanzler beendet.“

Schon am Anfang der Demo waren die Mehrheitsverhältnisse klar: Am gegenüberliegenden Ufer der Spree waren alle Wege voller Gegner. Und auch hier gab es eine Hauptlosung: „Nazis raus.“ Die AfD-Gegner hatten also deutlich mehr Leute motiviert. So zogen zum Beispiel unter dem Motto „AfD wegbassen“ tausende Leute begleitet von Musik-Trucks durch die Innenstadt. Veranstaltet wurde diese Demo von Clubbetreibern, die ihre Partygänger aufgefordert hatten, sich aus den Clubs auf die Straße zu bewegen, um draußen zu feiern und zu demonstrieren.

Beim Zug durch das Regierungsviertel kamen sich die beiden Seiten an neun Punkten sehr nahe. Das Spreeufer war auf der gesamten Länge zwischen ARD-Hauptstadtstudio und Bahnhof Friedrichstraße voller Gegendemonstranten. Sie riefen: „Ganz Berlin hasst die AfD“. Die AfD-Demonstranten antworteten: „Wir sind hier, und wir sind laut, weil ihr uns die Heimat raubt.“ Die verbalen Auseinandersetzung gipfelte darin, dass sich beide Seiten gegenseitig mit dem Satz „Nazis raus“ anbrüllten. Die AfD bezeichnete die Antifa als Linksfaschisten.

Der Polizei, die mit mehr als 2000 Beamten im Einsatz war, gelang es, beide Seiten strikt voneinander zu trennen, so dass keine Blockade der Demo möglich war. Was wiederum manche AfD-Leute nicht unbedingt geärgert hätte: Sie sagten, es wäre ein Zeichen für den erodierenden Rechtsstaat gewesen, wenn es der Polizei nicht gelungen wäre, das Demonstrationsrecht zu gewährleisten. Schon früh riegelte die Polizei die Demo-Strecke weiträumig ab und führte scharfe Personenkontrollen an den Absperrgittern durch. Überall in den Seitenstraßen standen unzählige Polizeiwagen, und viele hundert Beamten standen mit Helmen, schusssicheren Westen, Schlagstöcken und Pistolen bereit.

 Am Leipziger Platz setzten Beamte Pfefferspray ein, als Demonstranten versuchten, eine Absperrung zu durchbrechen. An der Friedrichstraße wurden brennende Müllcontainer auf die Fahrbahn geschoben und Böller gezündet. Bis zum Abend blieb es nach Angaben eines Polizeisprechers meist friedlich.

Dabei war bereits seit Wochen im Internet gegen die AfD-Demo mobilisiert worden, es gab viele Aufrufe und sogar „Blockadetrainings“. Es gab Aufrufe zu „dezentralen Aktionen“ und dazu, mit „kreativen Aktionen im Großraum Mitte Chaos zu stiften“. Seit mehreren Tagen wurden in Berlin Farbanschläge auf Häuser verübt, in denen AfD-Bezirkspolitiker wohnen. Auch am Demotag gab es Angriffe auf AfD-Sympathisanten. So bewarfen Linksradikale in Leipzig einen Bus bei der Abfahrt nach Berlin mit Steinen und Farbbeuteln.

Wer kann mehr mobilisieren?

Demonstrationen sind immer auch ein Kampf um die Frage: Wer kann mehr Leute auf die Straße bringen? Auch deshalb nennt die Polizei eigentlich seit längerem keine Teilnehmerzahlen. Dieses Mal bestätigte sie dann aber doch die Zahl, die die AfD gegen Ende der Demo getwittert hatte: 5000.

Die Zahl der Gegendemonstranten lag nach Angaben der Polizei „deutlich über 25.000“. Die Gegner behaupteten sogar, es seien 70.000 Protestierer gewesen. Am Abend korrigierte die AfD ihre Teilnehmerzahl und teilte in einer Presseerklärung mit, dass sie 8000 Demonstranten mobilisiert habe.