Den Deutschen den Sex nahegebracht – mit einem „Fachgeschäft für Ehehygiene“

Am 17. Dezember 1962 eröffnete Beate Uhse den weltweit ersten Sexshop. Auf dem Höhepunkt um die Jahrtausendwende gehörten rund 300 Läden zur europaweiten Kette.

1969, Prüde war gestern: Zwei Menschen trugen maßgeblich zur sexuellen Befreiung der Deutsche bei: Oswald Kolle und Beate Uhse, hier vor ihrem Versandhaus
1969, Prüde war gestern: Zwei Menschen trugen maßgeblich zur sexuellen Befreiung der Deutsche bei: Oswald Kolle und Beate Uhse, hier vor ihrem Versandhausdpa

Hinter der unsexy Bezeichnung „Fachgeschäft für Ehehygiene“ des ersten Geschäfts verbarg sich ein Sortiment aus Büchern, Magazinen, Verhütungsmitteln, Dessous, pharmazeutischen Präparaten und sogenannten Stimulationsartikeln. Probleme mit der Justiz waren an der Tagesordnung, die Polizei beschlagnahmte alle Waren, die „der unnatürlichen, gegen Zucht und Sitte verstoßenden Aufpeitschung und Befriedigung geschlechtlicher Reize“ dienten. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen!

Sexshops und Erotikartikel

Damals galt in der Bundesrepublik noch der Paragraf 184 des StGB über die Verbreitung pornografischer Schriften aus dem Jahr 1919 – der übrigens erst 1975 liberalisiert wurde. Uhses Anwalt riet ihr, das Geschäft vor Weihnachten zu eröffnen, empörte Bürger würden kurz vor dem Fest milde gestimmt sein. Dennoch wurden im Laufe der Jahre mehr als 2000 Ermittlungsverfahren gegen Beate Uhse eingeleitet. Zu einer Verurteilung kam es aber nie.

98 Prozent der Deutschen kannten den Namen Beate Uhse und verbanden ihn lange Zeit mit Sexshops und dem Versand von Erotikartikeln. Geboren wurde die Tochter eines Gutsbesitzers und einer Ärztin als Beate Köstlin 1919 im ostpreußischen Wargenau in der Nähe von Cranz. Schon mit 18 Jahren erwarb sie eine Fluglizenz und flog später Wehrmachtsmaschinen. Dabei lernte sie ihren Ehemann, den Piloten Hans-Jürgen Uhse, kennen, der 1944 tödlich verunglückte. Kurz vor Kriegsende kaperte sie ein herrenloses Flugzeug und flüchtete mit ihrem zweijährigen Sohn Klaus aus dem eingeschlossenen Berlin nach Nordfriesland.

1990: Der erste Beate-Uhse-Sexshop eröffnet in Ost-Berlin in den Räumen eines ehemaligen Intershops.
1990: Der erste Beate-Uhse-Sexshop eröffnet in Ost-Berlin in den Räumen eines ehemaligen Intershops.Christian Schulz

Als Kriegerwitwe und alleinerziehende Mutter stand sie vor dem Nichts. Um sich über Wasser zu halten, arbeitete Uhse auf dem Feld und verkaufte nebenbei Knöpfe und Spielzeug als Hausiererin, wie das damals abschätzig bezeichnet wurde. Dass sich Beate Uhse für wenig zu schade war und wenig darauf gab, was andere von ihr hielten, wurde schon damals deutlich. Heute würde man ihr Handeln als das einen autarken und modernen Frau betrachten. In den durchaus piefigen westdeutschen Nachkriegsjahren galt das jedoch alles andere als Schicklich.

Dabei lernte Uhse an den Türen viele Hausfrauen kennen und erfuhr von deren Ängsten vor ungewollten Schwangerschaften – Verhütungsmittel waren damals von Staat und Kirche unerwünscht. Uhse erkannte die Marktlücke und brachte ihr erstes Faltblatt „Schrift X“ über die natürliche Verhütungsmethode nach der Lehre der natürlichen Empfängnisverhütung nach Knaus-Ogino heraus. Die Nachfrage war enorm, der Ratgeber verkaufte sich 32.000 mal. Womit Uhse ihren Weg als Aufklärerin der im Bett doch recht unerfahrenen Nation vorgezeichnet hatte.

„Kaffeepaket aus Flensburg“

Nach der Währungsreform 1948 begann sie einen Handel mit Kondomen und Aufklärungsbüchern, daraus entstand 1951 ihr „Versandhaus für Ehe- und Sexualliteratur und für hygienische Artikel“. Obwohl sie drei Jahre zuvor den Flensburger Kaufmann Ernst-Walter Rotermund geheiratet hatte, firmierte ihr Erotikversand unter ihrem alten Namen. „Unsere Angebote fanden in allen Bevölkerungsschichten regen Absatz“, berichtete sie später. Die Ware wurde diskret als „Kaffeepaket aus Flensburg“ verschickt.

In den 50er-Jahren reichte die Produktpalette von Präservativen und Luxuswäsche bis zu „Do-it-yourself-Anweisungen“ und „Aktphotographien zu Hause“. 1958 enthielt die Kundenkartei über 500.000 Adressen, Anfang der 60er-Jahre überstieg der Umsatz die zehn Millionen D-Mark-Grenze (rund 5,1 Millionen Euro). „Der Verkauf von Kondomen an Unverheiratete war zu jener Zeit illegal, nach damals gängiger Rechtsauffassung leisteten wir der Unzucht Vorschub“, erinnerte sich Uhse an die Gründerjahre der Firma. Die revolutionäre Anti-Baby-Pille kam Anfang der 60er-Jahre auf den Markt und nahm Frauen die Angst, ungewollt schwanger zu werden. Ein Befreiungsschlag, der bis heute wirkt. Außerdem trug sie zum offeneren Umgang mit dem Thema Sex bei. 

1962 riskierte die „Mutter Courage des Tabubruchs“ einen neuen Schritt und eröffnete am 17. Dezember in Flensburg mit ihrem „Fachgeschäft für Ehehygiene“ den ersten Sexshop der Welt. Die größten Schwierigkeiten zu Beginn hatte Uhse mit der Warenpräsentation. Wie sollte sie Sexspielzeuge oder Kondome anbieten? Auch in liberalen Ländern wie Dänemark oder Schweden gab es für derartige Geschäfte keine Vorbilder. Sie entschied sich für Wabengestelle, in kleinen Fächern lagen die Artikel inklusive Beschreibung zur Ansicht. Nachdem Kunden die Nummer des Produkts notiert hatten, erhielten sie an der Kasse die verpackten Utensilien.

Verantwortlich für den Sittenverfall

Kritiker sahen in der Unternehmerin allerdings eine Reizfigur: Konservative machten die Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle und vor allem Beate Uhse für den Sittenverfall verantwortlich. Feministinnen warfen ihr vor, Frauen lediglich als Sexobjekte zu vermarkten. Dem geschäftlichen Erfolg schadete das nicht, 1967 bestellten zwei Millionen Kund(inn)en aus ihrem Katalog.

Im Jahr 1981 entwickelten sich aus der Beate-Uhse-Gruppe zwei getrennte Unternehmen. Den Versandhandel unter dem Namen „Orion“ übernahmen ihre Söhne Dirk Rotermund und Klaus Uhse, die Läden und die Filmproduktion führte sie mit ihrem jüngsten Sohn Ulrich als „Beate Uhse AG“ weiter. 1999 wagten sie den Schritt an die Börse. Der Emissionspreis betrug 7,20 Euro, am dritten Handelstag schnellte das Wertpapier auf 28,20 Euro hoch.

Auch wenn die gedruckte Aktie unter Sammlern wegen der Abbildung zweier leicht bekleideter Damen immer noch begehrt ist, erlebte das Papier seit dem Tod der Gründerin am 16. Juli 2001 im schweizerischen St. Gallen einen dramatischen Kursverfall. Das Internetgeschäft war bereits 2017 insolvent und an die niederländische Gruppe „EDC Retail“ verkauft worden. Rund anderthalb Jahre nach der ersten Pleite mussten auch die verbliebenen Reste des Unternehmens (Be You GmbH sowie drei Tochterunternehmen) im Juli 2019 Insolvenz anmelden. Aktuell ist die Aktie der „Be You GmbH“ (vormals Beate Uhse AG) nichts mehr wert.

Der Absturz hat verschiedene Gründe: Früher machten Sexfilme 90 Prozent des Geschäftsvolumens aus. „Die Kunden […] stillen ihren Bedarf bei kostenlosen Anbietern von Sexfilmen im Internet“, gab schon 2008 der ehemalige Beate-Uhse-Chef Christian Lindemann als Hauptgrund für den Geschäftseinbruch an. Zudem hatte der ehemalige Marktführer im erotischen „Zubehörhandel“ zu spät auf den neuen Trend „Lifestyle“ reagiert und speziell die Wünsche von Kundinnen vernachlässigt. Vor 25 Jahren waren Sexshops eine reine Männerdomäne, inzwischen sorgen Frauen für rund 50 Prozent des Umsatzes.

Zum 100. Geburtstag der Vorkämpferin einer liberaleren Gesellschaft hat Autorin Katrin Rönicke 2019 eine Biografie über Beate Uhse verfasst und versucht, hinter das Bild einer der ersten erfolgreichen Geschäftsfrauen der Nachkriegszeit zu blicken. „Beate Uhse: Ein Leben gegen Tabus“.