Deniz Yücel im Festsaal Kreuzberg: Pointen einer Feier der Freiheit

Der Abend, an dem sich Deniz Yücel das erste Mal wieder der Öffentlichkeit zeigt, beginnt gar nicht mit ihm, sondern mit Veysel Ok. Er ist der Anwalt, der während der mehr als einjährigen Haftzeit des deutsch-türkischen Korrespondenten der Tageszeitung „Die Welt“ der einzige regelmäßige Kontakt zur Außenwelt war. Er verliest etwas stockend, dafür mit umso festerer Stimme, eine Rede auf Englisch. 

„Deniz hat mich Mut und Widerstand gelehrt – und Kämpfen“, erzählt der junge Mann, den Yücel später auch als Familientherapeut, Freund und Fotograf (Ok schoss das Bild von Yücels Freilassung, auf dem dieser in den Armen seiner Ehefrau Dilek liegt) rühmen wird. Dann tritt Deniz Yücel dazu, Applaus brandet auf, die gut 800 Gäste, die in den Festsaal gekommen sind, jauchzen und johlen. Yücel strahlt und verharrt nach einer kurzen Verbeugung sichtlich gerührt im Angesicht seiner Unterstützer – bis er sie mit seinem zweiten Dankeschön zum Zuhören bringt.

„Wir sind ja nicht zum Spaß hier“. Yücels gleichnamiger Textband, dessen Vorstellung den Anlass für das Wiedersehen bietet, ist aber nur vordergründig Motto des Abends. Die Atmosphäre gleicht einem einzigen, großen Aufatmen. Mit jeder Offenbarung, mit jeder Pointe Yücels macht sich Erleichterung breit. Darüber, dass er nichts von seinem Witz und seiner Energie eingebüßt hat während der Haft; dass er nicht mehr nur in der Erinnerung lebt sondern leibhaftig unter Kollegen und Freunden weilt; dass er sich wieder an der Welt aufreiben kann, in aller Freiheit.

Im Gespräch mit Kollegin und Freundin Doris Akrap berichtet Yücel, wie gut ihm all die Autokorsos, Lesungen, Twitterkampagnen getan haben – und von einem Schlüsselerlebnis am Februar 2017, als er mittels seines nichtsahnenden Anwalts den ersten Bericht aus dem Gefängnis schmuggeln ließ. „Das gemacht zu haben, ganz am Anfang dieser Zeit, war etwas, was mir große Kraft gegeben hat. Selbst wenn sie dich fertig machen wollen und dir Papier und Stift wegnehmen, dann findest du immer noch einen Weg, schreibst mit der Konservensoße, klaust einen Stift, schreibst in den Kleinen Prinz rein, und wenn es Rauchverbot gibt, organisierst du dir Nikotinpflaster – es gibt immer einen Weg. Hauptsache, man ergibt sich nicht.“

Lose geplante Dramaturgie

Doris Akrap sitzt als Interviewerin an Yücels Seite. Die taz-Redakteurin wurde von Deniz Yücel noch aus dem Gefängnis heraus zu seiner Herausgeberin erkoren – und im Zuge dessen auch gleich mit einem „Handbuch“ bestückt, das nicht nur Yücels Anweisungen zur Textauswahl bündelte, sondern auch pedantische Hinweise zu Klammern- und Kommapräferenzen sowie den Unterschieden zwischen Binde- und Gedankenstrichen – auf 511 Seiten. So richtig geht die Rollenverteilung im Festsaal aber natürlich nicht auf, dafür hat Yücel zu sehr seinen eigenen Kopf, ist auch zu aufgeregt, um sich an die ohnehin lose geplante Dramaturgie zu halten. „Du brauchst keine Moderation, ich weiß“, lacht Akrap.

Dass der Abend trotzdem nicht zu einer One-Man-Show gerät, liegt nicht nur an der warmherzigen Demut, die der meinungsstarke Charismatiker durchblicken lässt. Seine Frau liest ebenfalls, Dilek Mayatürk Yücels Beitrag zum Buch ist einer der bewegendsten, weil poetischsten Momente. Eine Liveschalte nach Istanbul gibt es auch, technische Probleme verhindern zunächst das Feiern mit den dortigen Weggefährten.

Später, als die Video-Verbindung immerhin über Handy steht, jubelt man trotzdem an beiden Enden der Leitung. Außerdem hat Deniz Yücel weinrote Hausschuhe mitgebracht. Sie stammen von einer Unterstützerin, die sie ihm nach Silivri schicken wollte. Als Yücel am Ende der Buchvorstellung noch den Freundeskreis #FreeDeniz auf die Bühne bittet, wird klar: In dem Fall Yücel laufen so viele Schicksalsfäden zusammen, dass dieser Abend nicht nur eine Feier der Freiheit, der Presse oder der Pressefreiheit ist. Sondern eine Fest des Zusammenhaltens, der Gemeinschaft.