Die Lage bleibt düster und die Nachrichten im Radio gebärden sich wie schwarze Riesenohrwürmer. Schon um 8 Uhr morgens ist es Zeit, ihnen „Farbe! Farbe!“ entgegenzuschleudern. Über das kraftvolle Gedicht „Wir Bauern“ des polnischen Lyrikers Tomaz Salamun, dessen Ende die beiden Wörter entstammen, schrieb ich schon in der vergangenen Woche an dieser Stelle. Doch die Energie der Buchstaben reicht nicht ganz. Ich brauche Stadt, Menschen, Eindrücke. Ich überlege kurz, wohin ich fahre, und entscheide mich für Neukölln.

So viel Liebe und Fürsorge in der tristen Umgebung 

Auf dem Kottbusser Damm angekommen, muss ich den Jammer des U-Bahnhofs Schönleinstraße ebenso energisch abschütteln wie zuvor die Weltlage im Rundfunk. Ich blicke mich um und freue ich mich zuerst über eine junge Frau mit knalligem Kopftuch und roten Turnschuhen, die ein Sträußchen Petersilie trägt wie einen Blumenstrauß, den sie gleich übergeben will. Empfänger könnte zum Beispiel das Paar mit dem Neugeborenen sein, das mehr Liebe und Fürsorge ausstrahlt, als die Bank aushält, auf der die drei sitzen. Sie biegt sich unsichtbar und ohne zu ächzen.

Ein Bild wie dieses sowie der Umstand, dass ähnliche Szenen im selben Moment überall auf der Welt stattfinden, lässt wieder mal die Frage laut werden, wie dieselbe Spezies in der Lage ist, Kriege zu führen und Tiere zu quälen. Die Frage ist eine alte Bekannte und an manchen Tagen schätze ich ihre beharrliche Gegenwart. Gehe ein Stück mit ihr oder setze mich mit ihr ins Café. Heute bitte ich sie höflich, mich allein zu lassen. Wir werden uns ja wiedersehen, denn eine Antwort werde ich nie finden, soviel steht fest.

Große Fragen werden gern beim Essen erörtert

Allein laufe ich Richtung Hermannplatz, versuche erfolgreich, leerstehende Ladengeschäfte zu ignorieren und freue mich über Neueröffnungen und gut besuchte Beständigkeit. Mein Ziel ist der Markt, er war schon immer reich an Ständen und Buden, er klingt und riecht anders als der in Weißensee, und viele andere Dinge werden feilgeboten. An einem Falafelwagen freue ich mich über die Aufschrift „Wer bin ich?“ neben einem aufgedruckten Kichererbsenbällchen und frage mich, ob die Falafel spricht oder ob die Kundschaft zum Nachdenken über sich selbst angeregt werden soll. Auf jeden Fall eine große Frage für einen kleinen Imbiss. Wobei: Widmet sich der Mensch  nicht seit jeher den großen Fragen gerne beim Essen? Beim Anblick der Obst- und Gemüsetürme unter einer bunten Markise denke ich: Kein Wunder. Wo ist mehr Farbe? Farbe!