Denkmal oder Abriss: Um das brutalistische Tierlabor der Charité ist ein Streit entbrannt. 
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Berlin-SteglitzFür die Initiatoren der Online-Petition „Rettet den Mäusebunker und das ehemalige Institut für Hygiene und Mikrobiologie“ ist die Sache klar: Die beiden Bauten, die zusammen mit dem Klinikum Benjamin Franklin zwischen Teltowkanal und Hindenburgdamm einen Campus der Charité und der Freien Universität in Steglitz bilden, sind künstlerisch herausragende Architekturen des „Brutalismus“ der 1960er und 1970er-Jahre. Sie seien mit ihrer kraftvoll skulpturalen Form einzigartig in Deutschland und Europa, historisch exzeptionell bedeutsam als Bauten der Berliner Forschungsgeschichte und medizinhistorisch als Beispiele hochspezialisierter Medizinarchitektur.

Ganz anders sieht das bisher die Charité. Zwar wurde, wie Jochen Brinkmann, Leiter der Baudienststelle und zuständig für die Entwicklung der Campusplanungen, bei einer Telefon-Pressekonferenz am Montagmittag mitteilte, der Abrissantrag für das Hygiene-Institut „ausgesetzt“. Um die Forschung im Klinikum Benjamin Franklin zu unterstützen, wurde der weit ausschwingende Bau mit seinen organisch bewegten Formen ab 1966 von dem Berliner Büro Fehling & Gogel geplant. Allerdings, so Brinkmann, müsse das heutige Institut für Hygiene und Umweltmedizin nun „kernsaniert“ werden. Kein gutes Zeichen für die Zukunft der bisher hervorragend erhaltenen Interieurs, das an Raumschiff-Filmsets und James Bond erinnernde Design der Lehrsäle, Büros und Labore.

Gar nicht in Frage, so Brinkmann, stehe dagegen der ebenfalls 2017 gestellte Abrissantrag für den Mäusebunker. Geplant wurde dieser Bau ab 1966 von Gerd und Magdalena Hänske, als Ergänzung zum Klinikum und zum Hygiene-Institut. Für die West-Berliner Baupraxis charakteristisch zog sich der Planungs- und Bauprozess hin, erst 1981 konnte der fertige Mäusebunker übergeben werden. Schon seit 2012 sei beschlossen, dass er aufgegeben werde; im Sommer, so Brinkmann, stehe nun der Leerzug an. Dann würden neue, auch heutigen Vorstellungen von Tierschutz entsprechende Forschungsanlagen in Buch eröffnet. Der Mäusebunker sei mit seinen teilweise nur zwei Meter hohen Geschossen und der völlig veralteten Haustechnik aus heutiger Sicht für die Charité dann nicht weiter nutzbar. Die Klimaanlagen, deren Betrieb jährlich 600.000 Euro kostete, würden abgeschaltet.

Auch Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach forderte in einer Stellungnahme zur Berliner Zeitung für die „Spitzenforschung der Charite und der FU“ mehr Platz auf dem Klinikumgelände: „Dafür können wir dieses Gebäude nicht nutzen“, das sei bereits abschließend „erörtert“ worden. „Aus unserer Sicht ist also nach wie vor Realismus gefragt.“ Und Realismus, das ist für Krach offenkundig nur derjenige, der sich auf Forschung und Medizin bezieht, nicht aber solcher, der kulturelle und historisch-kritische Perspektiven einbezieht.

Immerhin: In dem nun geplanten „Internationalen Architektenworkshop“, der die Möglichkeiten für den Ausbau von Instituten und Forschungsanlagen auf dem weiten Parkgelände rund um das Klinikum Benjamin Franklin prüfen soll, wird nach Angaben Jochen Brinkmanns der Abriss des Mäusebunkers keine Vorgabe sein. Das ist durchaus ein Fortschritt.

Fehling & Gogels elegantes Hygiene-Institut wurde zwar weit über die Fachwelt hinaus schon immer bewundert. Der massige Mäusebunker dagegen war immer umstritten. Seit seiner Eröffnung wird die geschlossene, an Panzer, Bunker oder Raum-Schlachtschiffe erinnernde Architektur von vielen abgelehnt. Das hat auch Geschmacksgründe – die „Beton-Moderne“ wurde ursprünglich zum Opfer der Postmoderne, die Begeisterung für sie kam erst wieder in den vergangenen 15 Jahren auf. Wie in vielen Denkmaldebatten treten hier unterschiedliche Generationserfahrungen gegeneinander an.

Auch ist das Karma des Baus fatal. Die Hänskas haben ein Paradebeispiel „kritischer“ Architektur entworfen, das den Zweck des Gebäudes künstlerisch geradezu militant ausdrückt: ausbruchssicheres Gefängnis und Großstall zu sein für Tiere aller Größen und unterschiedlichen Lebensverhältnisse in der Natur, abgeschlossene Laboranstalt für die Forschung an ihren Körpern, ihre Tötung und dann die hygienische Entsorgung der Kadaver.

Der Münsteraner Architekt Ludwig Heimbach ist aber genau deswegen voller Bewunderung dafür, wie die Hänskas hier etwa die kleinen, dreieckigen Fenster genau nach Norden gerichtet hätten, oder wie die Lüftungsrohre immer im kühlen Schatten liegen. „Es dürfte eines der am besten belüfteten Gebäude Berlins sein“, sagte er der Berliner Zeitung. Noch. Wie sich am ICC gezeigt hat, entstehen viele Schäden an solchen hochtechnisierten Bauten erst durch die Abschaltung ihrer Technik, wie sie im Mäusebunker für den Sommer geplant ist. Dann dürfte auch er, gab Jochen Brinkmann am Montagmittag zu, bald nur noch in Schutzkleidung zu betreten sein, um den Kontakt mit Pilzen zu vermeiden.

Inzwischen haben sich deutlich mehr als 2500 Menschen der Petition des Architekten und Architekturhistorikers Gunnar Klack und des Architekturfotografen Felix Tarka angeschlossen. So gut wie alle relevanten Berliner Architekturbüros stehen auf der Liste, Architekturzeitschriften publizieren den Aufruf, die Londoner Times berichtete über das Abrissprojekt in ihrer Ostermontag-Ausgabe. Der Architekturhistoriker Adrian von Buttlar und die Architekturgaleristin Kristin Feireiss, beide international bekannt als Experten gerade auch für das Berliner Bauen des 20. Jahrhundert, setzten sich in einem Dienstagvormittag veröffentlichten Offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister und die Charité vehement für die beiden Bauten ein.

Für sie alle ist schlichtweg unverständlich, dass diese – die seit langem zu den Standardzielen von Architekturführungen durch Berlin gehören – nicht längst auf der Berliner Denkmalliste stehen.

Tatsächlich bestätigte das Berliner Landesdenkmalamt auf Anfrage der Berliner Zeitung, dass es das Hygiene-Institut und den Mäusebunker im vergangenen Jahr auf ihre Denkmalwürdigkeit untersucht habe. Diese seien denn auch anerkannt als „weit über die Berliner Stadtgrenzen hinaus als hervorragende Exponenten und Schlüsselwerke einer ‚brutalistischen‘ Gestaltungsauffassung“, „einzigartig“ in der städtebaulichen Komposition und im Nebeneinander zweier unterschiedlichen Entwurfshaltungen. Mehr Superlative sind kaum denkbar, die Eintragung nach Berliner Gesetz damit zwingend. Zumal auch der Landesdenkmalrat dem Senat am 22.11.2019 empfohlen hat, beide Bauten zu erhalten.

Trotzdem wurden sie bisher nicht in die Liste eingetragen. Man wolle, so Landeskonservator Rauhut, „im engen Austausch“ eine „nachhaltige und ressourcenschonende Weiternutzung“ der Bauten erreichen. Ein Hinweis auf seine politische Zwangslage ist, dass der Regierende Bürgermeister Michael Müller zugleich Wissenschaftssenator und als solcher verantwortlich auch für die Pläne der Charité ist. Die seit 2012 den Abriss des Mäusebunkers vorsehen.