Erstmals nach acht Jahren wieder für zwei Tage zugänglich: Die Friedrichwerdersche Kirche.
Foto: imago images/Jürgen Ritter

BerlinMan soll ja immer das Positive im Leben sehen. Hier ist es: Die Friedrichswerdersche Kirche, der einzige Bau Karl Friedrich Schinkels im Berliner Stadtzentrum, der wenigstens im Grundsatz noch die Ursprungsform und -dekoration zeigt, steht noch. 

Trotz der Erlaubnis des Berliner Senats, dass die Investoren für die direkt benachbarten Luxuswohnbauten ihre verkehrspolitisch widersinnigen Tiefgaragen direkt bis an die Fundamente der Kirche bauen durften. Trotz der tiefen Risse in den Sockelbereichen, die deswegen entstanden, der beschädigten Fußböden und Gewölbe. Nun aber ist dieser Raum mit großem Aufwand restauriert worden, sieht jetzt wie der etwa so aus wie nach der Sanierung in den 1990er-Jahren.

Kirchenbau bedrängt von Neubauten mit peinlichem Stuck

Das ist doch schon was. Wer sich diesen wirklich exquisit proportionierten, neugotisch schlanken Raum am Wochenende, wenn er nach acht Jahren erstmals wieder für zwei Tage der offenen Tür zugänglich sein wird, nicht ansieht, ist selbst schuld.

Doch es ist bezeichnend, mit welcher Schnoddrigkeit Berlin hier das Risiko einging, einen der besten Zeugen seiner künstlerischen Vergangenheit zu verlieren. So schön nämlich der erste Eindruck der Kirche ist, zweierlei hat sich radikal verändert in den vergangenen acht Jahren: Damals stand sie stolz und frei, so wie sie sich zu Schinkels Zeiten über die niedrige Nachbarbebauung erhoben hatte.

Lesen Sie hier: St. Hedwigs Kathedrale: Ein Skandal ohne Folgen >>

Heute ist der schlanke Kirchenbau bedrängt von Neubauten mit peinlichem Stuckgesims und Materialwechselfassaden, wirkt in seiner Strenge regelrecht nickelig. Das hat auch innen Folgen: Die Friedrichswerdersche Kirche war immer berühmt für das Licht, das sie durchflutete. Jetzt werden die riesigen Fenster von den unverschämt hoch ragenden Neubauten verschattet, der helle Farbklang des Inneren verdämmert. Ob hier die Marmore der barocken und klassizistischen Skulpturen, die die Staatlichen Museen bis 2012 hier zeigten und ab Sommer wieder ausstellen werden, wieder ohne Einsatz von Kunstlicht schimmern können, darf bezweifelt werden.

Trotz aller Bedenken von Denkmalpflegebehörden, Museumsleuten und Stadthistorikern wurde dieser Bebauungsplan durchgesetzt. Sozialpolitisch hofften Senat und Abgeordnetenhaus, dass sich die Vorhersagen des einstigen Senatsbaudirektors Hans Stimmann bewahrheiten würden, mit dicht gestellten Häusern würden auch die „guten Bürger“ zurückkehren in die Innenstadt Berlins.

Doch um ein solch engagiertes Bevölkerungsprofil zu erreichen, wäre es sinnvoll gewesen, die in Staatshand befindlichen Grundstücke verbilligt an Baugemeinschaften oder gar an Genossenschaften zu geben. Stattdessen entschied allein der Preis, der den Bau von dicht gestapelten Luxuswohnungen geradezu erzwingt. Die jetzt noch teurer werden, weil die Kirchenrettung ja auch bezahlt werden muss.

Historische Substanz ist in Berlin nur eine Marginalie

Das alles wäre nun zu ertragen, wenn die Stadt aus der Beinahe-Katastrophe gelernt hätte. Doch historische Substanz ist in Berlin weiterhin nur eine Marginalie, wenn die Bauherren nur stark genug auftreten. Derzeit darf etwa die Katholische Kirche ihre St. Hedwig-Kathedrale vandalisieren. Statt es hier wenigstens auf einen Prozess ankommen zu lassen, der klar gemacht hätte, dass die Stadt um ihr Erbe kämpft, wurde die Zerstörung einer der historisch bedeutsamsten und künstlerisch kostbarsten Raumausstattungen der Nachkriegszeit genehmigt.

Am Kulturforum, um nur noch ein weiteres Beispiel zu nennen, setzen Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters, einige Privatsammler und in deren Folge die Stiftung Preußischer Kulturbesitz derzeit rabiat die „Scheune“ für ein Museum der Moderne durch.

Dessen Sammlungen könnten zwar ohne Weiteres auch an anderer Stelle Platz finden, wo nicht die Welterbe-verdächtigen Bauten der Neuen Nationalgalerie Mies van der Rohes und der Philharmonie Hans Scharouns in ihrer Wirkung massiv bedrängt würden. Aber dort wäre ein Neubau nicht so repräsentativ zu sehen. Die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher verteidigt das Projekt, das bei Fachkritik und Öffentlichkeit in seltener Einmütigkeit durchgefallen ist, übrigens als edel-„archaisch“.