Es hätte alles so schön werden können: Die legendären alten DDR-Ausflugslokale Riviera und Gesellschaftshaus sollten nach 26 Jahren Verfall wieder auferstehen. Der neue Investor kündigte an, ein Restaurant und eine Seniorenresidenz eröffnen zu wollen. Das klang so gut, dass die Behörden die Pläne sofort abnickten. Erst jetzt, wo der Bauvorbescheid erteilt ist, geht es Denkmalschützern auf: Der alte Charme und die historische Bausubstanz sollen dort nicht erhalten werden.

Das ist in Berlin kein Einzelfall. Immer wieder werden Baudenkmäler verschandelt – oder abgerissen. Der Landesdenkmalrat hatte in seiner jüngsten Sitzung jede Menge  zu besprechen: Das Projekt „Riviera und Gesellschaftshaus“ an der Regattastraße in Grünau nahm er regelrecht auseinander. Das Gesellschaftshaus werde „bloß in seiner äußeren Erscheinung erhalten, im Innern jedoch weitgehend entkernt“.

Verlust von Berliner Wahrzeichen

Ausdrücklich zu bedauern sei der „markante Verlust bauhistorisch wichtiger Substanz“, vor allem der Rückbau des großen Saals. Der Rat empfahl „im Sinne historischer Spurensicherung“, möglichst viel Ausstattung zu retten.

Das geplante neue Restaurant im Riviera müsse zudem so gestaltet werden, dass Innen- und Uferbereich wirklich allen Passanten offen stehen – und nicht nur einer exklusiven Klientel. Weitere Kritikpunkte wurden im Baukollegium von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher laut. Vor allem ein gläserner Verbindungsbau erregte Missfallen. Lüscher sagte wörtlich: „Wir finden es schrecklich.“ Aber verbieten können die Gremien dem Eigentümer nichts.

Dr. Christine Wolf, Sprecherin des Landesdenkmalamts, kennt solche Fälle. Missachtung des Denkmalschutzes bei Umbauten, gezielte Vernachlässigung historischer Bauwerke und kompletter Abriss sind die drei Todsünden in ihrem Metier. Grundsätzlich sei es so, dass der Denkmalschutz „bei allen großen Vorhaben auch Kompromisse eingehen muss“. Statik, Feuersicherheit, Barrierefreiheit oder städtebauliche Abwägungen können bedauerliche, aber verstehbare Gründe für eingeschränkten Denkmalschutz sein. Etwas ganz anderes ist es, wenn Wahrzeichen einer Stadt verschwinden sollen.

Für den Abriss des historischen Kudamm-Kinos Gloria-Palast  (1998 geschlossen) stehen die Bagger in den Startlöchern. Ein Investor plant dort den Neubau eines Büro- und Geschäftshauses. Dafür sollen die denkmalgeschützten Reste des Kinos – das Foyer mit dem Kassenhäuschen und der Wendeltreppe – verschwinden. Die Genehmigung liegt vor, aber das Baukollegium wünscht sich Nachbesserungen. Die Planungen mit viel Glas und bunten Schaufenstern im Erdgeschoss würden nicht zum benachbarten Gründerzeithaus passen.

Auf  eigentlich denkmalgeschützte Abriss-Häuser angesprochen nennt Expertin Wolf drei weitere Beispiele:  Die 1935 erbaute Deutschlandhalle, damals  die  „größte Mehrzweckhalle der Welt“, wurde 2011  dem Erdboden gleichgemacht. Der Berliner Senat hatte sich dafür über den Widerstand des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf hinweggesetzt. Etwa zur gleichen Zeit traf es ein weiteres Schmuckstück des Westens – das von 1957 bis 1960 errichtete Schimmelpfeng-Haus mit seiner charakteristischen Überbauung der Kantstraße.

Massiven Protest von Bürgern und Architektur-Experten hatte es auch gegen den Abriss der denkmalgeschützten Großgaststätte Ahornblatt  gegeben.  Das 70er-Jahre-Gebäude an der Fischerinsel galt aufgrund seines Aussehens lange als Ost-Zwilling des Hauses der Kulturen der Welt. Trotzdem  wurde es 1997 von der Oberfinanzdirektion verkauft und 2000 für einen Hotel-Neubau abgerissen.

In der Gegenwart und der nahen Zukunft wird über zahlreiche weitere denkmalgeschützte Bauwerke zu befinden sein: Was wird aus den verfallenden historischen  Eisenbahn-Hallen  („Rundlokschuppen“) in Pankow?

Darf unmittelbar neben der Ruine der Klosterkirche  in Mitte ein Neubau entstehen?  Auch der Umbau der St.-Hedwigs-Kathedrale weckt bei Experten ernste Zweifel, ob hier zu stark in das ursprüngliche Baukonzept eingegriffen wird.