Die Sprengmeister hatten einen Ein-Meter-Spalt zwischen den Dom und der fast unversehrten Denkmalskirche gelegt, um Schaden an dem größeren Gebäude zu vermeiden. Dann zündeten sie ihre Ladungen. Auf der Nordfläche des Doms blieb ein Steinhaufen zurück.

Der Abriss hinterließ einerseits eine schmerzliche Lücke und machte den Dom zum Torso. Aber fast alle nahm ihn achselzuckend hin. Es überwog die Erleichterung, dass die DDR-Führung den Wiederaufbau des Doms – mit 150 Millionen Mark aus dem Westen – bevorzugte. Dieses heikle Projekt im politischen Minenfeld wollte man nicht gefährden. Lange Zeit war nicht ausgeschlossen, dass der Dom, wie 1950 das Schloss, getilgt werden könnte. Rettend wirkte das wachsende sozialistische Selbstbewusstsein: Der Fernsehturm überragte seit 1969 den kaiserlichen Dom, der Palast der Republik würde ihm Paroli bieten. Zugleich betrieb der 1971 an die SED-Spitze aufgestiegene Erich Honecker die internationale Anerkennung der DDR. Der Wiederaufbau des Doms hob das Image.

So sind die Parallelitäten kein Zufall: Im Juni 1975 berichtete die in Halle erscheinende Zeitung Freiheit über den Innenausbau des Palastes und beobachtete, die begonnene Sanierung des Doms lenke „ebenfalls interessierte Blicke auf sich“.

„Ein schmachvoller Irrtum“

Die Sprengung der Denkmalskirche am 30. Oktober 1975 war keinem Blatt eine Zeile wert. Dass der DDR eine Hohenzollern-Grablege nicht in den Streifen passte, liegt nahe. Doch auch die Evangelische Kirche hielt still. Man habe nicht „als Fürstendiener“ dastehen wollen, heißt es in der 2016 veröffentlichten Broschüre des Berliner Dombau-Vereins, gefolgt von tiefem Bedauern über die „damalige Entscheidung für den Abbruch der Denkmalskirche. Wir empfinden sie als schmachvollen Irrtum.“

Der seit 1994 bestehende Dombau-Verein plädiert für die getreue Wiedererrichtung des Gebäudes und dessen Nutzung im ursprünglichen Sinne – zur Ausstellung der Prunksärge der Hohenzollern, die als die wichtigsten Kunstschätze des Doms gelten: die Grabmale des Großen Kurfürsten und seiner Frau Dorothea sowie des ersten Preußischen Königs Friedrich I. und seiner Frau Sophie Charlotte.

Die Entscheidung liegt allerdings in den Händen des 15-köpfigen Domkirchenkollegiums, das von den 1700 Mitgliedern der Domgemeinde, Eigentümerin des Domes, gewählt wird. Mit diesem Gremium sei der Vorschlag des Dombau-Vereins nicht abgestimmt, stellt Svenja Pelzel, Pressesprecherin des Doms, klar. Gleichwohl beschäftige sich das Domkirchenkollegium schon länger mit der Frage des Wiederaufbaus der Denkmalskirche und habe diesen im Jahr 2011 grundsätzlich befürwortet. Offen seien zum jetzigen Zeitpunkt jedoch Nutzungskonzept, die Architektur innen und außen und sowie die Finanzierung – „also fast alles.“

Das Reden über einen Wiederaufbau klingt nicht wie Zukunftsmusik

Im Offenen liegt auch das, was von der Denkmalskirche übriggeblieben ist – und das ist gar nicht wenig. Etwa 230 steinerne Bauelemente wurden erst 1997 vom Lagerplatz am Dom in ein Depot in der Nähe von Berlin abtransportiert. So wurden sie immerhin vor vollständiger Vernichtung gerettet – und es sind mehr Bauteile als man vom Schloss aufbewahrt hatte. Dort waren es nur 66. Einige Sandsteine fanden beim Wiederaufbau der Domfassaden Verwendung, ebenso etliche Marmorelemente aus dem Inneren der Denkmalskirche. Andere Marmorstücke wurden verkauft, zum Beispiel an Museen.

Doch die Mehrzahl der historischen Teile lagert seit Jahrzehnten ungeschützt – inzwischen von Moos überzogen – im Freien an einem verborgenen Ort bei Ahrensfelde. Dort ruhen Kapitelle mit feinen, handwerklich kunstvoll gearbeiteten Verzierungen mit Jugendstilelementen, Lorbeer-Ehrenkränze, mächtige Quader, tonnenschwere Säulen und Pilaster – alles Elemente der Fassade. Wald ist über die Spolien gewachsen, ein Friedhof der Steine. Goldene Ahornblätter bedecken gnädig den traurigen Anblick.

„Einen einzigartigen Schatz, den es zu heben gilt“, sagt Domarchitektin Sonja Tubbesing entschieden, „schon aus Respekt vor der Geschichte unserer Baukultur.“ Der Sandstein erodiert, die Oberflächen bröseln, Wasser und Pflanzenbewuchs zerstören die Feinheiten des Handwerks. Bei einem Wiederaufbau der Kirche könne man die Teile nach Sanierung wiederverwenden – und je nach denkmalpflegerischer Herangehensweise ergänzen oder im derzeitigen Zustand belassen, um ihre Zerstörungsgeschichte zu dokumentieren.

Das Reden über einen Wiederaufbau klingt nicht wie Zukunftsmusik; vielmehr ist Sonja Tubbesing optimistisch: Auf dem Schandfleck am Dom könne in naher Zukunft wieder ein Schmuckstück entstehen.

Zumindest kommt Bewegung in die Debatte, seit die Fürstengruft im Untergeschoss des Doms restauriert wird. Die 94 Fürstengräber sind seit 1999 öffentlich zugänglich, und die Gruft entwickelte sich zum vielbesuchten Ziel von Touristen und Geschichtsinteressierten. Ursprünglich betrat man die Grablege über den in der Denkmalskirche liegenden Eingang. Auch deshalb liegt die Frage nach der Wiederherstellung nahe.

Küsterwohnung? Museum?

Nicht zuletzt entfaltet die Dynamik in der Umgebung Wirkung: Das Schloss wird bald als Humboldt Forum eröffnen. Ist dann erst die Aufwertung der Museumsinsel abgeschlossen, bleibt die Leerstelle Denkmalskirche als einer der letzten Unorte. Der Dom kann solch ein Projekt nicht allein finanzieren, und hofft deshalb – ähnlich wie im Fall des Humboldt Forums geschehen – auf Unterstützung durch den Bund, das Land Berlin und private Spender.

Aber was soll das Gebäude erfüllen? Jedenfalls gehe es nicht darum, eine Kultstätte für die Hohenzollern zu errichten, das ist nicht nur für die Domarchitektin klar.

Von der Küsterwohnung über Gemeinderäume bis hin zum Museum ist vieles denkbar. Claudia Kruschel, Projektleiterin des Gruftumbaus, kann sich eine museologische Nutzung vorstellen, also „dass man dort die Hohenzollernfrage aufarbeitet – aber nicht im Sinne von Gedenken, sondern von Information“.

Pressesprecherin Svenja Pelzel sieht derzeit den Gruftumbau als das große, viele Kräfte bindende Projekt. Allerdings: „Sobald wir absehen können, dass alles gut läuft, ist geplant, das Thema Denkmalskirche konkreter in Angriff zu nehmen.“

Bis dahin laufen weitere Vorbereitungen. Ein Studentenprojekt beschäftigt sich mit der historischen Dokumentation der Kirche. Und hundert Jahre nach dem Ende der Monarchie sollten sich auch alle Beteiligten befreit von der Hohenzollernlast in die Debatte über die Nutzung begeben können. Die Feiern im November haben doch gezeigt: Die Öffentlichkeit ist bereit auch für diesen Teil der deutschen Geschichte.