Berlin - Das wichtigste Arbeitsinstrument des Künstlers Ben Wagin – neben Farben und Ton, Papier und Leinwänden, Pinseln und seinen geliebten Bäumen – ist das „Du“. Ben Wagin duzt jeden. Sofort und mit einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit. Manche finden das anmaßend, ihm ist das egal. Der Mann ist 91 Jahre alt, Berliner, Aktions- und Lebenskünstler, Bildhauer und Baumpate. Eine Legende. 

Wagin ist ein Mann, der in einer eigenen Welt lebt, der die Botschaften aus dieser Welt aber gern mit anderen teilt. Er war schon grün, als es die Grünen noch gar nicht gab. Und so lautet die ewige Botschaft seiner Kunst: Wir Menschen zerstören ständig diese schöne Welt, lasst sie uns lieber erhalten. Sein Symbol für fast alles im Leben ist der Baum.

Geschätzte 50.000 Bäume soll er gepflanzt oder dafür gesorgt haben, dass sie gepflanzt werden, sie sind für ihn Botschafter des Friedens. Er bekam das Bundesverdienstkreuz und hat im Regierungsviertel sein Parlament der Bäume geschaffen, ein Gedenkort für die Mauertoten. Er hat auch riesige Wandbilder in der Stadt gestaltet. Auf den bekanntesten hat er natürlich Bäume verewigt. Sein „Weltenbaum I“, der ab 1975 eine ganze Hauswand am Bahnhof Tiergarten füllte, war das erste große Street-Art-Werk in West-Berlin. Es ist nicht mehr zu sehen, vor drei Jahren wurde ein Neubau davorgestellt. 

Sabine Gudath
Ben Wagin in seinem Atelier, er trägt seine typische blaue Arbeitsjacke.

Nun soll ein weiteres Werk von ihm verschwinden. „Weltenbaum II“ heißt es, ein etwa 100 Meter langes Stück Kunst, das am Bahnsteig des S-Bahnhofs Savignyplatz zu sehen ist – noch jedenfalls. Auf einer schmutzigen Ziegelwand hat Wagin Mitte der 1980er-Jahre etwas Putz aufgebracht und dort sein Werk eingraviert: Unzählige Äste eines Baumes sind zu sehen, ein Nest, schreiende Gesichter, eine züngelnde Schlange, eine Mutter mit Kind, Kranke und Tote, Trauernde und ein lächelndes Mädchen.

Mit Grass, Beys und Frida Kahlo

Dazu kommen Arbeiten von 17 anderen Künstlern, die darunter in einer langen Reihe hängen. Quasi in Augenhöhe der Passagiere. Das ist die Idee: Wenn eine S-Bahn hält, sehen die Fahrgäste vor den Fenstern die Kunst von Joseph Beuys, Günter Grass, Frida Kahlo. Oder Botschaften wie diese: „Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur.“ Das Werk spannt einen weiten Bogen von den Verbrechen zwischen 1933 und 45 bis hin zur Umweltzerstörung. Nun soll das Kunstwerk – Wagins wohl bekanntestes – verschwinden. Vielleicht unwiederbringlich.

Was sagt der Künstler dazu? Er lädt am Telefon gleich in sein Atelier ein. In seine Welt. Der Mann gilt als eigensinnig, ein Freund sagt: „Er denkt nicht so geradlinig wie die meisten von uns, eher in Schleifen.“ Wagin kann ausschweifend erzählen und bleibt dabei meist ganz gelassen. Aber es gibt Momente, in denen er für einen einzigen Satz sehr laut wird, einen Satz, in dem die anderen mit Schimpfworten bedacht werden. Die haben dann gern einen Bezug zur Pflanzenwelt. „Diese Trockenpflanzen“ ist so ein Ausdruck von ihm.

„Hier hat alles angefangen“

Das erste Telefonat beendet Ben Wagin sehr freundlich. „Leg mal noch nicht auf“, sagt er. „Es kann passieren, dass dich die Sonne morgen umarmt. Ich werde mit ihr reden und ein gutes Wort für dich einlegen. Also sei drauf gefasst, dass du einen guten Tag haben könntest.“

Am nächsten Morgen steht der klein gewachsene Mann in einer wildwuchernden Wiese vor dem Haus am Bahnhof Tiergarten, in dem sein Atelier ist. Er rupft Unkraut, aber nur ein bisschen, die Natur soll regieren dürfen.

„Hier hat alles angefangen“, sagt Wagin. Er erzählt, dass in dem Haus einst seine Galerie S war, dass das Haus abgerissen werden sollte, dass er Rabatz gemacht hat und in einem Film behauptete, dass das Haus nicht abgerissen werden dürfe, weil es unter Denkmalschutz stehe. „Das war zwar eine Lüge, aber man kann ja durchaus lügen, wenn ganz sicher ist, dass die Lüge zur Wahrheit wird.“

Das Haus, direkt am S-Bahn-Gleis gelegen, ist alt und wunderbar saniert.  Aber sofort stellt sich die Frage: Wer wohnt dort, wo alle zwei Minuten eine Bahn vorbeirattert? 

Berliner Zeitung/Jens Blankennagel
Zwei der Tafeln: Viele waren mit Sprüchen von anderen Künstlern versehen oder mit ihren Motiven.

Wagin sagt: „Mein Leben ist geprägt von Bäumen und Zügen.“ Auch deshalb ist ihm das Werk am Bahnhof so wichtig. Er erzählt, dass er am Ende des Zweiten Weltkrieges aus Polen flüchten musste. In einem Viehwagon. „Mein Großvater hat zum Abschied gesagt: Egal, was kommen wird, die Bäume werden zu dir sprechen.“

Er führt hinein in das Haus mit dem  fast majestätischen Hausflur und einer weiten schmiedeeisernen Wendeltreppe. Im Erdgeschoss ist das Atelier. Und nicht nur das. Wagin hat auch den Hausflur okkupiert mit einem riesigen Tisch voller Kunstwerke. Obenauf liegt ein Brief von der Immobilienfirma, die das Haus am Savignyplatz verwaltet, an dessen Wand das nun gefährdete Kunstwerk zu finden ist. In dem Brief von Anfang Mai heißt es: „Wir möchten Ihnen innerhalb von einer Frist bis zum 30.06.2021 die Möglichkeit geben, Teile Ihres Kunstwerkes selbst zu sichern oder gegebenenfalls Fotodokumentationen oder ähnliches vorzunehmen.“ So könne Wagin es für die Nachwelt erhalten.

Umwelt gegen Umwelt

Der Künstler findet diesen Umgang respektlos und auch die kurze Frist, die ihm da gesetzt wird. „Immerhin sprechen sie davon, dass es ein Kunstwerk ist“, sagt er. „Aber es stört sie nicht, ein Kunstwerk zu vernichten.“ Das Makabre daran: Wagin kämpft mit dem Werk für den Erhalt der Umwelt, nun soll es für eine Maßnahme des Umweltschutzes weichen. Die bröselige Ziegelwand soll einen Dämmputz bekommen.

Vom Hausflur geht es durch eine offene Tür in Wagins Reich. Das Atelier ist riesig, und überall steht und hängt Kunst, wirklich überall. Gefühlt ist jeder Quadratzentimeter der Fußböden voll davon, die Wände, die Regale, die Fensterbretter, selbst die Fliesen im Bad.

Sabine Gudath
Welt Baum Trias, dieses Werk könnte auch an die Wand am S-Bahnhof.

Draußen vor dem Fenster saust ein Zug vorbei. Von den lärmenden S-Bahnen ist Wagin nur eine Wand entfernt. Er erzählt, dass er bei der Immobilienfirma seine Nummer hinterlassen, dass aber niemand zurückgerufen habe.

Nun steht er am Fenster und zeigt auf ein großes Bild, das er in den Lichthof gehängt hat. Ein Schiff, das Bäume geladen hat. Es ist Wagins drittes großes Baum-Werk und heißt „Welt Baum Trias“. Wenn sein altes Werk an der Bahnhofswand unter Putz verschwunden ist, dann könnten danach doch Kopien seiner drei Weltbäume nebeneinander aufgehängt werden. „Nur so eine Idee“, sagt er.

Keine schlechte Idee: Sie wären dann in einer Art Trilogie vereint. Ein neues Werk an einem alten Ort. Quasi als geballte Würdigung seines Lebenswerkes. Draußen rattert wieder ein Zug vorbei.

Ein paar Tage später sitzt Wagin im Parlament der Bäume. Es ist eine kleine grüne Insel zwischen den vielen Stahl-Beton-Bauten des Regierungsviertels. Ein wilder Ort, der unter Denkmalschutz steht. „Da darf nichts mehr umgepflügt werden“, sagt Wagin. Das Parlament habe Bestand, sagt er. Aber er fragt sich, wer sich darum kümmert und wer es finanziert, wenn er nicht mehr da ist.

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Wagins Parlament der Bäume im Regierungsviertel. Gleich daneben wird derzeit ein neues Haus gebaut.

Inzwischen gibt es ein paar Antworten zu einigen offenen Fragen. Die Immobilienfirma hat mitgeteilt: „Wir haben Herrn Wagin angeboten, nach Fertigstellung der Wand, dass er das Bild gerne wieder anbringen kann. Eine organisatorische Unterstützung ist möglich, machen wir auch gern.“ Finanziell könnten keine Zusagen gemacht werden.

Wagin lacht. Er weiß, dass er das Kunstwerk nicht noch einmal „nachbauen“ könnte. Er erzählt, dass er damals mit drei, vier Leuten eineinhalb Monate lang jede Nacht gearbeitet hat. Sie brauchten einen Spezialkran, um vom Bahnsteig aus über die Gleise bis hoch an die Wand zu kommen. Damals gab es nachts fast keinen Bahnverkehr. Trotzdem durften sie immer nur 90 Minuten arbeiten. „Wie soll das heute gehen? Es ist doch viel mehr Verkehr.“ Und dann wäre da noch die Finanzierung. „Das Geld hätte ich nie.“ Wagin glaubt zudem nicht, dass die Putzarbeiten an der Mauer überhaupt genehmigt sind.

Bahn und Bezirk wissen von nichts

Ein Sprecher der Bahn teilt mit: „Die Deutsche Bahn ist an diesen Maßnahmen nicht beteiligt. Es sind auch keine Anmeldungen zu Baumaßnahmen vor oder nach dem 30. Juni auf diesem Streckenabschnitt bekannt.“

Genau das hat Wagin vorhergesagt: dass es noch gar keinen Bautermin gibt, dass nur Druck gemacht wird. Auch Charlottenburgs Bezirksbaustadtrat Oliver Schruoffeneger von den Grünen teilt mit: „Dem Bezirksamt liegen derzeitig keine Informationen hinsichtlich der geplanten Sanierungsmaßnahmen vor.“ Das Werk sei als „Kunst am Bau“ eine Bereicherung des Umfelds, denkmalrechtlich sei es jedoch nicht erfasst. Der Stadtrat beklagt, dass das Werk immer wieder mit Graffiti-Farbschmierereien verunstaltet worden sei.

Sabine Gudath
Früher hingen ganz viele Kunstwerke in Höhe der Fenster der S-Bahn. Inzwischen ist der untere Bereich oft mit Graffitis besprüht.

Auch Wagin ärgert sich seit Jahren darüber. Die Tafeln mit den Werken der teils berühmten Künstler wurden immer wieder übersprüht. Deshalb hat er inzwischen einige entfernt und gesichert. „Die Bahn kann nun mal nicht verhindern, dass sich da heimlich jemand zu schaffen macht“, sagt er. Deshalb wäre es sinnlos, wieder Tafeln in Blickhöhe der S-Bahnfenster aufzuhängen. Außerdem ist er sich sicher, dass der untere Bereich auch nicht mehr zu Verfügung stehen würde. „Da soll bestimmt Werbung hin. Da soll bestimmt Geld verdient werden.“

Der Sprecher von Kultursenator Klaus Lederer macht ein wenig Hoffnung. Daniel Bartsch sagt: „Ben Wagins Kunst gehört zu Berlin und bereichert das Stadtbild seit Jahrzehnten.“ Als Wagins erster Weltenbaum vor drei Jahren verschwinden sollte, sei es gelungen, eine Kopie des Baums an eine Brandmauer in der Lehrter Straße zu „pflanzen“. Dass nun erneut eines der Wandbilder bedroht sei, stimme traurig. „Selbstverständlich würden wir es begrüßen, wenn ein Erhalt oder ein ‚Umpflanzen’ möglich wären. Gegenwärtig prüft die Kulturverwaltung in Gesprächen mit verschiedenen Akteuren, was möglich wäre.“

Immerhin. Vielleicht finden sich auch Sponsoren. Für die Rettung des alten Bildes oder die Idee der Vereinigung der drei Weltenbäume.

„Ich will mich doch nicht vordrängeln“

Wagin ist wieder in seinem Haus am Bahnhof Tiergarten. Er hat zwar schon eine Computeranimation, die zeigt, wie die Kopien seiner drei Weltenbäume an der frisch geputzten Wand aussehen würden. Ihm ist dabei auch ein wenig unwohl, weil seine Aktionen ja immer eine Zusammenarbeit mit anderen Künstlern sind. „Ich will mich doch nicht vordrängeln, aber ich würde mich auch nicht verweigern“, sagt er.

Dann setzt er sich auf die kleine Bank vor dem Haus, neben ihm einer jener Gingko-Bäume, die er zu Zehntausenden gepflanzt hat. Auf der Lehne der Bank steht: Botschaft des Parlaments der Bäume. Wagin sagt: „Wie viele von den Bäumen, die wir gepflanzt haben, wohl noch stehen? Keiner weiß es.“

Zuerst schaut er ernst, dann lächelt er. Denn egal, ob seine Kunstwerke von den Wänden der Stadt verschwinden – seine Bäume sind da. Und sie sorgen für Nachwuchs. Hinter ihm wuchern die Brennnesseln und andere wilde Pflanzen. Wagin sitzt vor dieser kleinen grünen Insel, und die roten Mohnblüten werden sanft vom Wind bewegt. Wieder rattert eine S-Bahn vorbei. Wagin schließt die Augen und hält sein Gesicht in die Sonne.