Die aktuelle Debatte um den Alexanderplatz und seine Zukunft als künftig, sagen wir mal um 2030, möglicherweise bedeutendster Stadtplatz Berlins, zeigt, genau wie die Debatten um die Heidestraße, das Gleisdreieck oder das Kulturforum, eklatante intellektuelle Schwächen. Sie sind für eine Stadt wie Berlin nicht nur unangemessen, sondern geradezu bedrohlich. Es geht nämlich auch hier am Alexanderplatz im Kern um die Frage, ob und in welchem Maße städtebauliche Vorgaben für die Investoren und Bauherren formuliert werden sollen. Oder ob sich das Ganze im freien Spiel von Kapital- und Gestaltungskraft nicht doch irgendwie von selbst organisieren kann.

Erklärtermaßen stadtfeindliche und bis in die Nervenenden unserer kollektiven Stadterfahrung als nichts sagend abgelegte Siedlungsmodelle der Nachkriegszeit mit ihren Punkt- und Zeilenbauten, dem Abstandsgrün und Zeitungskiosken auf Verkehrsinselen werden dabei mit steter Regelmäßigkeit reanimiert. Die darin enthaltene städtebauliche Unverbindlichkeit wird nämlich als demokratisch empfunden, weil Bauherren und ihre Architekten mehr oder weniger machen können, was ihnen gerade so einfällt. Meist sind das Resultat solcher Planungen aber nur dekorierte Schuhkartons, wobei den Bauherren die Rendite und die Architekten die Gestaltung interessiert. Mit Sicherheit entsteht so keine städtische Architektur, sondern Leere,

Es geht also um das, was man das städtische Stellungsspiel nennen könnte. Ein städtisches Haus steht, das besagt eine Regel dieses Spiels, am städtischen Raum, den wir den öffentlichen Raum nennen. Dessen Stärke und Faszinationskraft ist genauso essentiell für die Stadt, wie ohne ihn Häuser keine Stadthäuser wären. Und ebenso, wie es große und kleine, schmale und breite, niedrige und hohe Häuser gibt, gibt es schmale, breite, gerade oder gebogene Straßen, große Plätze, kleine Plätze, runde Plätze, eckige, grüne und steinerne Plätze. Dieses Stellungsspiel hat in der europäischen Stadtbaugeschichte in zwei Jahrtausenden eine unübersehbare Artenvielfalt hervorgebracht. Zur Freude und zum Segen der Stadtbewohner.

Banalität, Orientierungslosigkeit, Unwirtlichkeit und Heimatlosigkeit bis hin zum kollektiven urbanen Selbstmord.

Hier offenbart sich die eigentliche Herausforderung an den Entwurf von Stadt und Haus heute. Er muss auch an Orten wie dem Alexanderplatz eine Deutungsvielfalt entwickeln, die im Sinne einer zeitgenössischen Interpretation die Flucht der Moderne aus der Stadt, weg von Platz und Haus absurd scheinen lässt. Es gilt, Häuser zu entwerfen, die eine konsequente Bindung an einen starken öffentlichen Raum haben mit begrenzter Dimension zwischen Gehweg und Dach und einer einprägsamen Struktur dazwischen. Wenn das gelingt und der private Wohnraum hinter den Fassaden schön, angemessen und attraktiv ist, dann können wir vielleicht auch von einer schönen Stadt sprechen.

Die Tradition des Berliner Mietshauses gibt als Vorbild für eine neue Stadtarchitektur nicht das schlechteste Bild ab. Aber auch der Kollhoff-Plan am Alexanderplatz war und ist immer noch eine faszinierende und angemessene Variante in diesem Stellungsspiel der Stadtarchitektur an einer zentralen Stelle. Hier sollte die Stadt Berlin nicht nur ihr Zentrum haben, sondern auch ihren Höhepunkt mit starken, den öffentlichen Raum prägenden Hausfiguren. Sollte sich aus welchen, wirklich substantiellen Gründen auch immer etwas an den Grundlagen der Planung ändern, dann kann die Reaktion darauf nur eine Variante des Kollhoff-Plans mit vergleichbarer Qualität und unter derselben Zielsetzung gehen: Höhepunkt und Mitte einer großen Stadt – von der Stadtpolitik gewollt, inszeniert und mit den entsprechenden Regeln umgesetzt.

Und wenn dann daneben die Rekonstruktion der Altstadt um den neuen Markt und die Marienkirche herum, zwischen Rathaus, Schlossplatz und Museumsinsel, kleinteilig, mit Straßen, Gassen, Plätzen und Häusern in moderner Sprachform, aber im Sinne klassischen Stadtbaus parallel dazu realisiert wird, hat Berlin die Chance, auch im internationalen Maßstab modellhaft zu bauen. Zuletzt ist dies in Europa gelungen beim vergleichbar gewaltigen Um- und Neubau der Mailänder Innenstadt in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Während andernorts der Siedlungs- und Zeilenbau seine Blüten trieb, entstand hier das bis heute faszinierendste Beispiel moderner Stadtarchitektur in Europa in großem Maßstab. Es zeigt zeitlose Qualität und führt die so beliebte wie banale Diskussion um Alt oder Neu oder was denn nun „zeitgemäß“ ist, ad absurdum.