Berlin - Auch Friseurbetriebe sind coronabedingt geschlossen – und sie haben es zusätzlich schwer. Denn sie werden in der Politik gern als exemplarische Beispiele benutzt: Entweder dafür, dass viele der Betriebe wegen der harten Regeln bald pleite sein werden. Oder dafür, dass es sich bei ihren Dienstleistungen doch eher um einen kleinen Luxus handelt, dessentwegen doch nicht der Tod von Menschen in Kauf genommen werden darf.

Nun haben in allen Bundesländern Friseure und Friseurinnen Klagen gegen die Schließungsverordnungen bei den jeweiligen Verwaltungsgerichten eingereicht. „Wir wollen mit dem Eilantrag erreichen, dass wir schnellstmöglich wieder öffnen dürfen“, sagt Nadine Potrafke, die die „Friseurwerkstatt“ in Neuenhagen betreibt. Den juristischen Weg in Brandenburg geht sie für die Initiative „Friseure in Not“ und damit im Namen von 7000 Betrieben.

Nur sieben Fälle in einem ganzen Jahr

Die 44-Jährige fasst das Hauptargument der Branche so zusammen: „Wir haben bundesweit 80.000 Filialen mit normalerweise 700.000 bis zu einer Million Kundenkontakten am Tag. Seit einem Jahr gibt es nun Corona bei uns, und in allen Filialen gab es genau sieben gemeldete Fälle.“ In ihrem Bundesland Brandenburg sei es gar kein Fall gewesen. „Wir finden: Damit fehlt eine ernsthafte Begründung für eine Zwangsschließung“, sagt die Mutter eines siebenjährigen Sohnes.

Foto: privat
Nadine Potrafke, Chefin der „Friseurwerkstatt“ in Neuenhagen bei Berlin.

Ihre fünf Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. „Die November- und Dezember-Hilfen bekommen wir nicht. Unser letzte Arbeitstag war der 15. Dezember“, sagt sie. Dann war Schluss – ausgerechnet im umsatzstärksten Monat, sodass sie 26 Prozent ihres Umsatzes verlor. Staatliche Hilfen hätte sie erst ab 30 Prozent bekommen. Wie die Hilfen ab Januar genau aussehen werden, ist unklar. „Aber der Abschlag kommt dann irgendwann im März, das restliche Geld im Sommer“, sagt sie. „Und der Steuerberater, der das Ganze für uns offiziell beantragen muss, kostet auch noch mal 500 bis 1000 Euro.“ Viele Betriebe haben gar nicht das Geld, um noch über Wochen durchzuhalten. „Auch ich bin nur deshalb noch halbwegs liquide, weil ich im ersten Lockdown einen Kredit aufnehmen musste.“

7,5 Milliarden Euro Umsatz

Die gesamte Frisierbranche beklagt, dass sie corona-bedingt keine Umsätze machen darf: Deshalb hat nun in jedem Bundesland eine Friseurin oder ein Friseur bei den jeweiligen Verwaltungsgerichten geklagt. Diese Einzelklagen gegen die verfügten Schließungen sind notwendig, weil jedes Bundesland andere Corona-Verordnungen hat.

Die Branche ärgert sich auch, dass andere Bereiche, etwa Baumärkte, Möbelläden oder Restaurants, immerhin mit dem Außer-Haus-Verkauf versuchen können zu überleben. Die Friseure führen als Gegenbeispiel zu ihrer Zwangsschließung die Kosmetikstudios an, die weiterhin Fußpflege anbieten dürfen. Die Frisierläden aber müssen geschlossen sein, trotz bewährter Hygienekonzepte aus dem Vorjahr.

In Berlin hat Chris Exner die Klage eingereicht. Er betreibt in Tempelhof den Salon Kluge Junx. Er nennt ein praktisches Beispiel zur Widersprüchlichkeit der Schließungsverfügungen. „Schönheitschirurgie ist erlaubt, weil es nun mal Ärzte sind. Das heißt: Die dürften auch Haare transplantieren, wir dürfen aber keine Haar schneiden. Das ist unlogisch und ungerecht“, sagt der 53-Jährige.

Foto: privat
Chris Exner, Betreiber des Salons Kluge Junx mit einem Protestbrief an die Kanzlerin vor deren Amtssitz.

Die Branche zählt bundesweit 70.000 Unternehmen und 10.000 Filialen, also insgesamt 80.600 Frisiersalons. Der Umsatz liegt sonst bei jährlich 7,5 Milliarden Euro. Nach Angaben des Zentralverbandes des Friseurhandwerks gibt es 240.000 Beschäftigte und 20.000 Auszubildende. Es wird geschätzt, dass bereits 23.000 Salons wirtschaftlich am Ende sind.

Der Berliner Chris Exner beschäftigt 13 Mitarbeiter, davon vier Auszubildende. Er hat damit einen ziemlich großen Salon, die meisten Unternehmen haben im Schnitt drei Mitarbeiterinnen. „Ich klage auf Wiedereröffnung, weil wir im Stich gelassen wurden“, sagt er. Sollte er mit seinem Eilantrag beim Verwaltungsgericht scheitern, gehe er zum Oberverwaltungsgericht.

Exner erzählt, dass auch er am Beginn des zweiten Lockdowns kein Hilfsgeld bekam. Anspruch auf die Hilfen im Januar hätten sie nun zwar, aber die Plattform im Internet funktioniere nicht. Eventuell könne ab Ende Februar beantragt werden. „Wir haben bislang 80.000 bis 100.000 Euro Umsatz verloren“, sagt er. „Unter den jetzigen Bedingungen halten wir bestenfalls bis Ende März durch.“

Wer in Berlin die gut getrimmten Kurzhaarfrisuren vieler Männer sieht, fragt sich, ob die sich alle selbst frisieren oder ob ihre Freundinnen das Handwerk so gut beherrschen wie jene Frauen und Männer in den Salons, die eine dreijährige Ausbildung absolviert haben. Es wird ganz sicher sehr viel schwarz gearbeitet.

Foto: imago/Manja Elsässer
24.000 Unternehmen der Branche stehen wirtschaftlich bereits vor dem Aus.

Die Branche gehört klassischerweise nicht zu den Bestbezahlern, die Einkommen sind etwa so niedrig wie in der Pflegebranche. Es gibt Betriebe, in denen gut verdient wird, aber sehr viele Läden, in denen Frauen neben der Kinderbetreuung nur stundenweise oder halbtags arbeiten. Diese Mitarbeiterinnen verdienen nicht allzu viel und bekommen nun im Idealfall Kurzarbeitergeld. Das Problem: 70 Prozent von nicht allzu viel ist sehr wenig. Deshalb die Schwarzarbeit.

„Die Schwarzarbeit kann gerade unter Pandemie-Bedingungen ein echtes Problem sein“, sagte Jörg Müller der Berliner Zeitung. Er ist Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes, der seine Mitglieder dazu aufruft, nicht heimlich zu arbeiten.

„Friseure bekommen derzeit viele unmoralische Angebote, für einen frischen Haarschnitt doch mal ausnahmsweise in der Wohnung von Stammkunden vorbeizukommen“, sagt Müller. „Das zeigt, dass unsere Dienstleistungen eine extrem hohe soziale Relevanz haben.“ Der entscheidende Nachteil in Bezug auf Corona sei die Sicherheit. „Eine sichere Dienstleistung ist nur im professionellen Umfeld möglich, also nur im Frisiersalon.“ Dort gibt es klare Regeln, die Stühle stehen im vorgeschriebenen Sicherheitsabstand, die Zahl der Anwesenden sei entsprechend klein, sodass nur ein Mitarbeiter und ein Kunde zusammentreffen, es wird Maske getragen, wenn das möglich ist. Das habe sich auch bei der Kontrolle der Berufsgenossenschaft in 400 Läden gezeigt. „Da wurden in 95 Prozent aller Fälle alle Regeln eingehalten.“