Der Trabi knattert die Berliner Allee in Schwedt runter. Amin Ballouz tritt jetzt schon das dritte Mal abrupt auf die Bremse, lehnt sich wild gestikulierend aus dem Fenster und ruft: „Wissen Sie, wo ich die Alten-Wohngemeinschaft finde?“

Ein Mann, der gerade gemütlich an dem Trabi vorbeischlurft, deutet irritiert in die andere Richtung. 

Ballouz dreht um. Während er den Lenker einschlägt, brummelt er vor sich hin, dass er hier doch schon einmal gewesen sei. Er Schwedt genau kenne. Und er keine Zeit zu verlieren habe.
Er findet die WG fünf Minuten später, schält sich aus dem Auto, greift die schwarze Arzttasche vom Rücksitz und rennt los. Im zweiten Stock klingelt er an einer Tür. Eine Krankenschwester schickt ihn noch eine Etage höher. 

Er kommt verschwitzt in der WG an. Ihn empfängt ein Geruch von Sauerkraut. Dazu gab es Eisbein zum Mittagessen. Frauen in orangenen Shirts und weißen Hosen sitzen um einen Tisch. Sie sortieren Akten und Zettel. Die Patienten schlafen. Ballouz platzt wie ein Orkan in die Stille. Für ihn ist jeder Hausbesuch ein möglicher Notfall. 

„Ich schreibe Ihnen was auf, gnädige Frau."

Amelie G. (Name geändert) liegt in ihrem abgedunkelten Zimmer, kann sich kaum regen. Sie leidet unter Bluthochdruck, ihre Beine krampfen, ihr Kopf hämmert. Sie ist schwach. Ihr Mann liegt im Nachbarzimmer, er kann sich auch kaum regen.

Noch vor ein paar Monaten konnte das Ehepaar am WG-Leben teilnehmen. Es wählte mit den Mitbewohnern das Mittagessen aus. Gemeinsam schälten sie Kartoffeln, raspelten Möhren, deckten den Tisch. Jetzt sind sie Pflegefälle. 

Ballouz drückt herzlich die Hand von Amelie G., fühlt ihren Puls und flüstert ihr sanft zu: „Ich schreibe Ihnen was auf, gnädige Frau. Dann geht es ihnen besser.“ Bei „gnädiger Frau“ hellen sich ihre Augen auf, die 80-Jährige lächelt ihn geschmeichelt an. 

Es gibt sogar ein Buch über ihn

Es ist 14 Uhr – und ein ganz normaler Tag für den Landarzt Amin Ballouz. Um 7 Uhr öffnete er seine Praxis am Bertolt-Brecht-Platz 1a in Schwedt. 20 Patienten warteten schon. Im Laufe des Vormittags wurden es 78. Sie klagten über Rheuma, Rückenprobleme, Herz-Kreislauf oder Husten. 

Der letzte Patient vor der Mittagspause um 12.30 Uhr musste operiert werden. Sein Zehnagel war eingewachsen. Danach warf sich Ballouz gleich in seinen Trabi, um Hausbesuche zu machen. Drei hat er jetzt noch vor sich. Um 15 Uhr öffnet er seine Praxis wieder. 

Dr. Amin Ballouz ist 59 Jahre alt. Er wirkt quirlig, temperamentvoll, aber auch entschlossen und fürsorglich. Seit 2010 lebt er in Schwedt und avanciert seit geraumer Zeit zu so etwas wie einem Vorzeige-Doc für eine in vielen Regionen aussterbende Spezies, den Landarzt. Ballouz ist einer, den TV-Teams und Print-Journalisten begleiten. Es gibt sogar ein Buch über ihn. Dieser Mann hat etwas zu erzählen, weil er dem Trend trotzt, nicht in Ballungszentren oder Speckgürtel zu ziehen und dort zu praktizieren. Für viele ist das ein Segen.

Der Ärztemangel in ländlichen Regionen 

Die Uckermark ist ein Sorgenkind. Es gibt vielerorts kaum Jobs, geschweige denn Perspektiven. Die Jungen hauen ab, die Alten bleiben. Amin Ballouz sieht manchmal tagelang keine Kinder auf den Straßen. Er sagt: „Die Eltern sind gegangen. Für viele ist es nicht attraktiv, auf dem Land zu leben.“ 

Viele deprimierten die leer gefegten Dörfer, in denen es nicht mal mehr Restaurants oder Bars, Versicherungs-Zweigstellen oder Tante-Emma-Läden gebe. 

Brandenburg steht nicht alleine da. Fast alle Bundesländer in Deutschland haben mit dem Ärztemangel zu kämpfen. Überall suchen Landesregierungen – oft in Einklang mit Ärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) – nach Lösungen. Roland Stahl, Sprecher des Bundesverbandes der Kassenärztlichen Vereinigungen: „Es ist sehr schwierig, den Mediziner-Nachwuchs in die ländlichen Regionen zu bekommen.“ 

Es gilt zu handeln

Seit Jahren schaffen die Kassenärztlichen Vereinigungen Anreize – helfen finanziell beim Praxisaufbau, stellen kostenlos Wohnungen zur Verfügung. Je nach Region bekommen Mediziner bis zu 55.000 Euro Lockprämie. Im Angebot sind ebenso Vergütungszuschläge oder Umsatzgarantien für niederlassungswillige Mediziner. Denn es gilt zu handeln: Bis 2030, so die Prognosen, gebe es zu wenig Ärzte. „Viele sind heute um die 50, 60 Jahre alt und haben Probleme, einen Nachfolger zu finden“, sagt Stahl. 

Einer, der das kennt, ist Rainer Fricke. 78 Jahre alt ist er, seine Praxis im Oderbruch führt er seit 50 Jahren. 5000 Patienten stehen in seiner Kartei. Fünf Jahre lang hat er einen Nachfolger gesucht. In anderthalb Jahren könnte eine junge, aus Dresden stammende Ärztin die Praxis übernehmen. Ein Lichtblick für den Rentner. 

Amin Ballouz hat sich damals mit Engelszungen überreden lassen, nach Brandenburg zu ziehen. 

Immer noch verlassen mehr Menschen die Stadt als kommen

Eigentlich wollte er nach Berlin. Dort hieß es, man habe genug Hausärzte. Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB) pries ihm Schwedt an. Und auch seine vier Kinder, die verstreut in der Welt leben, bestärkten ihn, dass allein die Natur gut für ihn sei. Dort könne er jagen, Fliegen und Trabi fahren. Seine Hobbys leben. Neben dem Malen. 

Ballouz grinst: „Sie haben mir die Region schmackhaft gemacht.“ 

Also zog der gebürtige Libanese, der in London, Paris und Schottland gelebt hatte, nach Schwedt an der Oder. 100 Kilometer von Berlin entfernt, fünf Kilometer nah zur polnischen Grenze, 50 Kilometer sind es nach Stettin. 

Ballouz mag die Landschaft mit den Seen, Alleen, Wäldern, Kranichen und Rehen – aber er weiß um die Tristesse der Papierfabriken, der Raffinerie und den Plattenbauten. Von 52.000 Einwohnern in den 1980ern leben noch gut 35.000 dort, immer noch verlassen mehr Menschen die Stadt als kommen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 13,5 Prozent. 

Der Krieg in Beirut und die die Jahre danach

Ballouz stört das nicht: „Ich habe den Umzug nach Schwedt bis heute nicht bereut.“ Und wenn ihm die Stadt fehle, fahre er eben eine Stunde mit dem Zug nach Berlin oder nach Stettin. Dort entdeckte er mal ein Restaurant einer syrischen Flüchtlingsfamilie. Ballouz liebt ihr Essen, Lammkeule mit Couscous, Falafel, Taboulé, ihn erinnert das an früher. Und an die Odyssee, die er hinter sich hat. 

Als Amin Ballouz 16 war, kam der Krieg nach Beirut. Christen und Muslime bekämpften einander. Seine Familie war bedroht, seine Mutter ist Muslima, der Vater Christ. Als Teenager half Ballouz Verletzten, sah das blutige Leid. Sein Lehrer starb bei einem Bombenangriff.

„Wir waren so jung, wir wurden um unsere Jugend betrogen“, erzählt er, während er mit dem Trabant über die Straßen holpert. „Mein Vater wollte uns Kinder außer Landes haben.“ Also kam Ballouz allein nach Syrien, machte dort sein Abitur. Da war er 17. 

Seine Mutter gab ihm damals mit auf den Weg: „Wenn du mit Menschen sprichst, denke immer daran, dass sie besser sind als du.“ Gerne erinnert er sich auch an die Geschichte, als seine Mutter einer Kundin ein Kleid schneidern sollte. Sie brauchte nicht einmal eine Schablone. „Sie hat zu mir gesagt, entweder man kann etwas oder nicht.“ Das präge ihn bis heute.

„Es war schon mal schlimmer.“

Inzwischen ist es fast 15 Uhr. Amin Ballouz ist unterwegs in eine Plattenbausiedlung. Dort betreut er Manfred M. palliativ. Er sitzt auf dem Sofa, seine Wangen sind eingefallen. Er ist sehr schmal. 

Der einstige Fabrikarbeiter hat Metastasen in der Lunge und leidet an der unheilbaren Krankheit COPD. 

Ballouz: „Wie fühlen Sie sich auf einer Skala von 1 bis 10?“

Manfred M.: „3“

Seine Ehefrau lächelt. „Es war schon mal schlimmer.“ Sie fügt hinzu: „Er quält sich schon seit sieben Jahren.“ Fotos erinnern an die Zeiten, bevor der Krebs ihn auffraß. Das Paar trägt Cowboyhüte, sie waren aktive Line-Dancer. „Heute geht das natürlich nicht mehr“, sagt sie.

„Meine Patienten sind meine Familie“

COPD haben viele in Schwedt und Umgebung, nickt Ballouz. Das sei die Industrie, die giftigen Chemikalien, die jahrelang von den Arbeitern ohne Mundschutz eingeatmet wurden.
Manfred M. bekommt heute eine höhere Dosis Schmerzmittel. Der Arzt geht und verspricht, das nächste Mal einen Kaffee mitzutrinken. Die Ehefrau nickt dankbar: „Wenn wir diesen Arzt nicht hätten. Mein Mann ist viel zu schwach, um in die Praxis zu fahren. Und die Bazillen dort hauen ihn wahrscheinlich um.“ Ob einen Kaffee, Gebäck, Eier, Honig oder einen Broiler – viele empfangen den Hausarzt mit Naturalien. Das kennt er aus seiner Heimat. Man hilft und unterstützt sich. „Die Gastfreundschaft ist großartig hier“, sagt Ballouz: „Meine Patienten sind meine Familie“, sinniert er, fügt hinzu: „Bei uns im Libanon betreut man medizinisch eine ganze Familie. Auch den Hund und die Katzen. Hier ist es ähnlich.“ 

Das möge er am Landarztleben und biegt scharf um eine Kurve. Jetzt sind wir in einer Kleingartenkolonie. Klaus T. (53) bekommt schnell eine Spritze, Ballouz dafür ein Glas Wasser und eine Zucchini und weiter geht’s – die Praxis macht wieder auf. Rentner Paul B. wartet schon seit einer Stunde, grinst. „Macht mir nichts. Ich fühle mich hier wenigstens aufgehoben.“ Vor Ballouz war er bei einem anderen Arzt. „Der hat mich gar nicht mehr richtig durchgecheckt. Als ich dann hierhin wechselte, stellte sich raus, dass ich eine verschleppte Lungenentzündung hatte.“ Heute wartet der Ultraschall auf ihn. 

Trist sieht anders aus

Dann kommt Hermann F. an die Reihe. Er hat es an der Prostata. Sie ist entzündet. Ballouz handelt. „Ich bin 60 Kilometer hierher gefahren, weil alle den Doktor anpreisen“, sagt er: „Die Fahrt hierhin hat sich gelohnt.“

Im Behandlungsraum flucht derweil Ballouz. Eine Angestellte habe ihn das dritte Mal versetzt, sei einfach nicht erschienen. „Ich musste sie leider entlassen“, sagt Ballouz. Personal zu finden, sei nicht einfach. 

In seiner Praxis stehen Fotos seiner Kinder, seine selbst gemalten Bilder. Er benutzt glühendes Rot und Orange. Trist sieht anders aus. 

Deutschland kennt er seit den 1970er-Jahren. Seine Eltern wollten, dass er etwas Anständiges lernt, also studierte er Medizin in Halle und Aachen. 

Die rechte Szene bringt Unsicherheit

1976 kam er in Berlin an. In Ost-Berlin. Ballouz wusste nicht, dass die Stadt geteilt ist, dachte auf dem Flug, jetzt sehe er überall einen Mercedes rumstehen. Er sah als Erstes einen Trabi. „Ich verliebte mich sofort in diesen Zweitakter“, grinst er. 

Seinen Facharzt machte Ballouz später in Düsseldorf. In Peking bildete er sich zum Naturheilkundler weiter. Und er praktizierte in Schottland. „Auch dort bin ich mit einem Landarzt manchmal bis zu 100 Kilometer gefahren. Die Menschen auf dem Land brauchen einen“, sagt er. 

Amin Ballouz ist Pazifist. Beirut habe ausgesehen wie Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg, sagt er. In Schwedt sei es friedlicher, wenn auch nicht sicherer. 2011 legte der Ausländerbeauftragte Ibraimo Alberto, ein gebürtiger Mosambikaner, sein Amt nieder und verließ die Stadt. Die rechte Szene ist geblieben. Bis heute. 

Verletzter Frieden und bunte Bilder

Auch Amin Ballouz erlebte rassistische Anfeindungen. Einmal warf jemand einen Stein in sein Fenster. Darauf war ein Hakenkreuz. Er trotze dem, sagt er: „Wer mir Guten Tag sagt, dem sage ich auch Guten Tag. Und wer mir nicht Guten Tag sagt, dem sage ich trotzdem Guten Tag.“ Die meisten in Schwedt allerdings seien nett zu ihm, grüßten ihn, den etwas anderen Doktor. Trotzdem sei seitdem sein Frieden ein wenig verletzt. 

Der Tag neigt sich dem Ende zu. 102 Patienten hat er heute behandelt. Morgen, um 7 Uhr, geht es weiter. Dann besucht er wie jede Woche zusätzlich ein Flüchtlingsheim und untersucht die Menschen dort. Jetzt will er noch ein bisschen abschalten. Es ist 20 Uhr. Zeit, vielleicht ein Bild seiner neuen Heimat zu malen. Auf seinen Bildern ist sie nicht grau, sondern bunt.