Ildi Wittner, verlor ihren 17- jährigen, depressiven Sohn durch Suizid. 
Foto: Thorsten Jochim

BerlinFelix findet es gut, davon ist Ildi Wittner überzeugt. Ihr Sohn schaut runter und findet es gut, dass sie heute hergekommen ist, um diese Wanderung zu machen und dabei seine Geschichte zu erzählen. Sonst wäre sie jetzt nicht hier. Es fühlt sich an wie ein kleiner Trost, dass durch Felix‘ Tod vielleicht auch irgendetwas Sinnvolles passiert.

„Ich möchte, dass Jugendliche und Eltern erfahren, dass wirklich jeder Mensch Depressionen bekommen kann, die irgendwann das Leben nicht mehr lebenswert erscheinen lassen.“

Von den unterschiedlichen Ausprägungen von Depressionen hatte Ildi Wittner bis vor einem halben Jahr noch nie etwas gehört, aber eines wusste sie von Anfang an: Es soll nicht drumherum geredet, nichts verheimlicht werden. Felix sei unter tragischen Umständen zu Hause gestorben. Das hatten die Klassenkameradinnen und Klassenkameraden in der Schule von den Lehrern gehört. Ildi Wittner hat ihnen die Wahrheit gesagt: Felix hat sich das Leben genommen.

Heute kennt sie die Angst vor dem sogenannten Werther-Effekt. Es ist die Angst, dass es nach einem Suizid zu Nachahmungen kommt wie im 18. Jahrhundert nach dem Erscheinen von Goethes Buch, in dem der junge Werther seinem Leben ein Ende setzt. Deshalb herrscht Unsicherheit darüber, ob man überhaupt über Suizid berichten darf oder sollte. „Genau darin liegt aber auch die Krux“ sagt Ildi Wittner. „Wenn man Jugendliche nicht darüber aufklärt, dass Suizid das letzte Symptom von Depressionen sein kann, dann kann man auch zweihundertfünfzig Jahre nach Goethe Suizide schlecht verhindern.“

Die 52-Jährige erzählt, während sie flott voranschreitet. Der Weg zwischen Prien am Chiemsee und Grabenstätt verläuft hier direkt neben der Autobahn – nicht besonders idyllisch zum Wandern, aber darum geht es ihr nicht. Sie begleitet heute jemanden, der das gleiche Ziel hat wie sie: Aufklärung über Depressionen und die Enttabuisierung von Suizid.

Mario Dieringer läuft seit drei Jahren mit dem Hund Tyrion und seinem Ziehwagen zu Fuß durch Deutschland und besucht Angehörige und Freunde von Menschen, die sich das Leben genommen haben. Zusammen mit ihnen pflanzt er Bäume zur Erinnerung an die Gestorbenen. „Mario läuft“ heißt sein Projekt.

Die Bäume sollen für Liebe, Freundschaft, Mut, Hoffnung und die Unendlichkeit des Lebens stehen. Sie sollen erinnern an diejenigen, die es nicht geschafft haben, weiterzuleben und den Hinterbliebenen Mut machen.

Er ist selber ein Hinterbliebener, sein Partner beging 2016 Suizid. Noch in der Phase tiefer Verzweiflung kam ihm die Idee, etwas zu tun für Menschen, die sich das Leben genommen haben, und vor allem für die Menschen, die zurückbleiben.

„Menschen, die einen Suizid in der Familie haben, unterliegen immer noch einer relativ großen Scham, weil etwas passiert ist, was gar nicht sein darf. Da spielt sicher eine jahrhundertealte Politik der Kirche eine Rolle“, sagt Mario Dieringer. „Dazu kommt auch eine Ausgrenzung durch die Gesellschaft, die mit diesem Schicksal nicht umgehen kann. Wenn Menschen keine Worte finden für das Ungeheure und sich deshalb abwenden, dann bleiben die Betroffenen allein in ihrem Leid.“

Rund vier Millionen Menschen leiden in Deutschland an Depressionen. Ungefähr 10.000 Menschen nehmen sich jährlich das Leben, davon sechshundert Jugendliche. Bei Jugendlichen im Alter zwischen fünfzehn und vierundzwanzig ist Suizid die zweithäufigste Todesursache. Rund 100.000 Menschen sind betroffen durch den Suizid eines nahestehenden Menschen.

Mario Dieringer ist aber nicht nur Hinterbliebener, sondern er kennt auch selber das Gefühl, in tiefer Schwärze zu versinken. Ein despotischer, prügelnder Vater und eine lieblose Atmosphäre zu Hause lassen ihn schon als Kind an Suizid denken, Depressionen begleiten ihn, und ein Gefühl der Einsamkeit, das mal leise mitschwingt und sich immer wieder mal übermächtig stark Bahn bricht. Es gipfelt in einem Suizidversuch 2014, aus dem er gerettet wird. „Ich hoffe, dass ich in meinen vielen Gesprächen vermitteln kann, dass es Hoffnung gibt, egal wie schlecht man sich in einem bestimmten Augenblick fühlt“, sagt der 53-Jährige.

In der Corona-Zeit hat er seine eigenen Erfahrungen aufgeschrieben. „Psychisch erkältet“ erzählt, wie Depressionen entstehen können, wie sie sich auswirken und wie Mario Dieringer sie überwinden konnte. Das Buch war ihm wichtig, dennoch war er  erleichtert, ab dem Sommer wieder unterwegs sein zu können.

„Es ist wichtig, dass ich zu Fuß gehen, weil dadurch Menschen auf mich und meinen Wagen mit dem Plakat aufmerksam werden“, erklärt Mario Dieringer. „Das ist genau die richtige Geschwindigkeit, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen.“

Das Bäumepflanzen ist zu meiner Lebensaufgabe geworden“

Mario Dieringer

Im Frühjahr 2018 hat er seine Wohnung und seinen Beruf in Frankfurt am Main aufgegeben und ist aufgebrochen. 3500 Kilometer ist er inzwischen durch Deutschland gelaufen und hat dreiundzwanzig Bäume gepflanzt. Von Anfang an war sein Projekt nicht allein auf Deutschland ausgelegt, von überall her hat er Nachrichten und Anfragen bekommen. Bisher stehen dreizehn Länder auf seiner Liste – darunter Indien, Nepal, Costa Rica und Italien. Finanziert wird das Projekt von seinen Ersparnissen und Spenden. Für ihn ist vollkommen klar, dass er noch Jahre unterwegs sein wird.

„Die Aufklärungsarbeit, das Zuhören und Reden rund um das Thema Depressionen, und das Bäumepflanzen ist zu meiner Lebensaufgabe geworden“, sagt Dieringer freimütig.

Auch für Felix hat Ildi Wittner einen Baum bestellt. Ein kleines Bäumchen hatten schon die Klassenkameraden gepflanzt, aber es war ganz versteckt, weil man auf öffentlichem Grund und Boden nicht einfach etwas pflanzen darf, und wurde inzwischen herausgerissen. Jetzt hat sie eine Genehmigung bei der Stadt Erding beantragt, damit ganz offiziell im Stadtpark, durch den er jeden Tag zur Schule fuhr, ein Baum an Felix erinnern darf.

„Hast du schon überlegt, was du gern für einen Baum hättest?“, fragt Mario Dieringer „Am liebsten eine Eiche“, sagt Ildi Wittner, „die werden so schön alt.“

In Kontakt gekommen sind beide durch den Verein „Trees of Memory“, den Hinterbliebene – inspiriert durch Dieringers Wanderprojekt – gegründet haben. Es ist ein wachsendes Netzwerk von Ehrenamtlichen und eine Anlaufstelle für Menschen, die von Suizid betroffen sind. Dabei werden zum einen trauernde Hinterbliebene unterstützt, aber auch durch Trauer oder durch Depressionen suizidgefährdete Menschen. Ziel ist es, darüber aufzuklären, wie Suizidalität entstehen kann, wie Freunde und Verwandte in solchen Situationen reagieren und was Betroffene selbst tun können.

Die Mission von Mario findet Ildi so wichtig, dass sie schon länger vorhatte, ihn als Unterstützung einen Tag lang zu begleiten, heute klappt es endlich. Einige Tage will er noch entlang des Chiemsees laufen, bevor er in der kalten Jahreszeit eine Pause einlegt. Seine Winterwahlheimat ist Berlin-Spandau geworden. Dort hat er eine kleine Wohnung angemietet, direkt am Spandauer Forst, damit er mit Tyrion lange Spaziergänge machen kann. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er dort als Trauerredner. Alles, was er sparen kann, fließt in das Wanderprojekt.

Sechs Monate ist der Suizid von Felix her. Der Schmerz ist nach wie vor so stark, dass Ildi Wittner sich manchmal vorstellt, dass Felix so weit weggereist ist, dass sie ihn telefonisch nicht erreichen kann. Neben dem Schock und dem unbeschreiblichen Schmerz bringt der Suizid ihres 17-jährigen Sohnes Fassungslosigkeit und die Frage nach dem Warum.

„Der Felix war als Kind ein richtiger Sonnenschein“, sagt Ildi Wittner, „wir fanden, dass der Name so gut zu ihm passt.“ Er ist auch ein eigenwilliger Mensch, trifft schon als Kind viele Entscheidungen allein, will oft der Beste sein und lässt sich ungern helfen.

Er, sein älterer Bruder, Vater und Mutter Ildi leben in der Kleinstadt Erding am Rand von München. Felix ist nach der achten Klasse auf eigenen Wunsch vom Gymnasium auf die Realschule gewechselt. Er begründet es damit, dass ihm Französisch keinen Spaß macht. Im Zeugnis steht, dass Felix sehr ruhig in diesem Schuljahr war. Zu ruhig, denkt Ildi Wittner heute. Felix ist aber beliebt, und er hat Freunde. Als Kind hat er viel mit ihnen unternommen und Sport gemacht. Jetzt, als Jugendlicher, sitzt er nach der Schule meistens in seinem Zimmer vor dem Computer und daddelt.

Eine Sache ist auffällig. Seit Jahren klagt er immer wieder über Kopfschmerzen. Etliche Male geht seine Mutter deswegen mit ihm zum Arzt. Alles in Ordnung – das ist stets das Ergebnis aller Untersuchungen. Irgendwann schickt die Hausärztin Felix sogar zur Psychologin. Die erklärt nach einer Sitzung mit Felix, dass keine weiteren Gesprächstermine nötig sind.

„Ich dachte, dass die häufigen Kopfschmerzen Teil einer Null-Bock-Einstellung gegenüber der Schule waren“, sagt Ildi Wittner. „Das fand ich nicht gut, aber weil der Felix auf der anderen Seite gute Noten nach Hause gebracht hat, fand ich es wiederum auch nicht so schlimm, dass er immer wieder mal zu Hause geblieben ist.“

An eine einzige Situation kann sie sich erinnern, in der Felix einmal den Tod erwähnt hat. Als sie an einem stürmischen Morgen kurz mit ihm darüber diskutiert, ob er nach einem Sturz am Vortag nicht lieber mit dem Bus statt mit dem Rad zur Schule fahren will, verneint er und antwortet: „Nur der Tod kann Dir die Angst vorm Sterben nehmen.“ Es kommt Ildi damals vor wie flapsiger schwarzer Teenager-Humor. „Wie der Spruch: Wer früher stirbt ist länger tot.“ Immer wieder fragt sie sich, ob sie an dieser Stelle durch hartnäckiges Nachhaken mehr hätte herausfinden können über seinen Gemütszustand.

Nach Felix‘ Tod kommt eine Kollegin zu Besuch. Als Ildi Wittner von Felix und seinem Verhalten in der letzten Zeit erzählt, ist die Kollegin sicher, dass er unter Depressionen gelitten hat. „Da habe ich erst angefangen, mich mit Depressionen zu beschäftigen“, sagt sie.

Mit ihrem neuen Wissen sieht sie Felix und sein Verhalten rückblickend anders, kann einiges als Symptome einer Depression einordnen. „Felix ist immer extrem früh morgens aufgewacht, er mochte keine Sonne mehr, sondern wollte immer im verdunkelten Zimmer vor dem Rechner sitzen. Er hatte keinen Spaß mehr an Unternehmungen, die er sonst gerne gemacht hat.“ Wenn Ildi heute neuere Fotos von Felix ansieht, sieht sie zwar ein Lächeln, aber es kommt ihr jetzt versteinert vor. Auch dass gute Schulnoten nicht zwangsläufig bedeuten, dass alles in Ordnung ist, weiß sie heute.

Vieles, was sie heute als Zeichen einer Depression einstuft, hat sie vor Felix Tod als typisches pubertäres Verhalten gedeutet. Und tatsächlich ist es nicht leicht, bei Jugendlichen eine Depression von üblichen pubertären Stimmungsschwankungen zu unterscheiden.

„Ich glaube, dass der Felix irgendwie durch alle Maschen gerutscht ist“, sagt sie, „er konnte und wollte sich nicht erklären, und alle waren ein bisschen zu unaufmerksam, um zu begreifen, dass es ihm schlecht ging– ich auch.“ Es quält sie, nach den zahlreichen, ergebnislosen Arztbesuchen die Kopfschmerzen als Faulenzerei abgetan zu haben.

Auch Mario Dieringer kennt die quälenden Schuldgefühle von Partnern, Eltern und Angehörigen, das Gefühl, nicht genug erkannt und getan zu haben, um den Suizid zu verhindern. „Erstens ist es so, dass man nicht erkennen kann, was man gar nicht kennt“, sagt er, „und zweitens ist es so, dass viele depressive Menschen es nicht schaffen, hinter einer Art Maske hervorzukommen. Sie geben sich in Gesellschaft von anderen stark und gut gelaunt und täuschen so selbst manchmal ihre Therapeuten, so war es bei meinem Partner auch.“

Ildi Wittner merkt immer wieder, dass noch immer nicht offen über Depressionen geredet wird. Erst nach Felix' Tod hört sie von mehreren Freundinnen, dass deren Kinder auch an Depressionen leiden, was rechtzeitig herauskam, da sie ihren Eltern irgendwann anvertraut hatten, dass es ihnen nicht gut ging.

Ihr selber hat sehr geholfen, viel über ihren Kummer, ihre Schuldgefühle und ihre offenen Fragen zu reden. „Ich habe einfach offensiv das Gespräch gesucht mit Freunden und auch mit Ehrenamtlichen von Hilfsorganisationen und anderen Betroffenen“, sagt sie, „das war für mich der beste Weg, um schnell anzufangen, den Tod vom Felix zu verarbeiten.“

Sie ist Mitglied bei „Trees of Memory“ geworden und möchte eines Tages auch Ansprechpartnerin für Suizidbetroffene werden. Bei ihren Recherchen hat sie gesehen, dass es bereits eine Reihe Initiativen gibt für Aufklärungsarbeit an Schulen. Sie möchte sich dafür einsetzen, dass die Schulen sich dafür öffnen. „Ich denke, das kann Leben retten.“

Mit Sonnenuntergang ist die Tagesetappe geschafft. Mario Dieringer und Ildi Wittner sind am Campingplatz in Grabenstätt angekommen. Sie wird zurückfahren nach Erding und er noch weiterwandern.

Im kommenden Frühjahr werden sie sich wiedersehen, wenn Felix seinen Erinnerungsbaum bekommt.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110-111 oder 0800-1110-222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus scheinbar aussichtslosen Situationen aufzeigen konnten.