Berlin - Der hoch umstrittene Radikalumbau der St. Hedwig-Kathedrale hat begonnen. Ihm fällt mit Ausnahme der großen Orgel praktisch die gesamte Innenausstattung dieses von Hans Schwippert entworfenen bedeutendsten deutsch-deutschen Kirchenbaus der Nachkriegszeit zum Opfer. Bis zu diesem Freitag steht nun auf dem Giebeldreieck über dem Hauptportal auch das Modell eines neuen „lateinischen“ Kreuzes mit längerem Unterbaum. Nach dem Entwurf der Architekten Sichau & Walter aus Fulda und dem Wunsch des Erzbistums soll es hier künftig montiert werden. Das zierliche „griechische“ Kuppelkreuz aus den 1960er-Jahren mit vier gleich langen Armen würde dann demontiert. Das Denkmalamt, so Stefan Förner, Pressesprecher des Erzbistums, habe auch dieser nach außen hin deutlichsten Veränderung des Schwippert-Baus zugestimmt.

Die Proportionen des in diesem Modell schlank und schlicht wirkenden Kreuzes – seine Detailgestaltung ist bisher nicht bekannt gegeben worden – verdoppeln ungefähr die Höhe des Giebeldreiecks. Es reicht damit aus der Distanz deutlich in den Sichtbereich der Kuppel hinein. Aus der Perspektive des katholischen Erzbistums reiche, so die Pressemitteilung, das inzwischen historisch gewordene Kuppelkreuz aus den 60er-Jahren nicht mehr, um die St. Hedwigs-Kathedrale neben dem golden auftrumpfenden, sehr viel größeren Hohenzollern-Kreuz auf der nachgebauten Schlosskuppel und den Kreuzen auf dem gewaltigen evangelischen Dom angemessen sichtbar zu machen. Auch werde es, wenn man etwa auf Höhe der Staatsoper vor der Fassade der Kirche steht, durch das Giebeldreieck verdeckt – kein wirklich überzeugendes Argument, da das Giebeldreieck aus dieser steilen Unteransicht die gesamte Kuppel überdeckt.

Die St. Hedwigs-Kathedrale hat die gleichen Probleme wie St. Paul’s in London

Das formale Problem ist erheblich: Schon die Kombination aus der antikisierenden Säulenarchitektur und dem Dreieck des Tempelgiebels mit der Massenarchitektur einer Kuppel brachte Architekten seit der Antike, wie etwa das Pantheon in Rom zeigt, zur Verzweiflung. Um beide zu vermitteln, wurde deswegen öfter, wie etwa an der St. Paul’s Cathedral in London oder am Berliner Dom, eine ausgreifende Figur auf die Giebelspitze gestellt. Im Allgemeinen aber bleibt diese frei. Ob ein vergleichsweise filigranes Kreuz allein genügt, sei es auch so hoch wie das in Berlin geplante, den ästhetischen Konflikt zwischen Dreiecksgiebel und Kuppelbusen zu lösen?

Stefan Förner, Sprecher des Erzbistums, teilte mit, das Modellkreuz solle nur bis Freitag stehen bleiben. Eine Verlängerung dieser Frist über das Wochenende, die es auch einer breiteren Bevölkerung möglich machen würde, den Vorschlag in Augenschein zu nehmen, sei derzeit nicht geplant, um den Bauablauf bei der Neueindeckung der Kuppel nicht zu gefährden.