Berlin - Wenn es nur die Oleanderbüsche wären. An manchen Tagen muss ich sie stündlich wieder aufrichten. Das Verkeilen zwischen Stühlen bringt nichts. Irgendeine Böe findet immer einen Weg. Wie die Vögel, die neue Flugbahnen ausprobieren. Oft tief und ganz nah am Haus pesen sie über die Terrasse. Fast jeden Tag dollert auch einer gegen die Scheibe. Meistens trifft es die Kleinen, Spatzen und Meisen. Begraben musste ich noch keinen, aber das „Klonk“ tut körperlich weh. Was ist nur los mit ihnen? Alles ist, alle sind durcheinander, so scheint es. Ungestüm. Aus dem Lot.

„Ich glaube nicht, dass dieser Sommer anders ist“, sagt eine Freundin, der ich von meinen Beobachtungen erzähle. „Du hast dich verändert. Du nimmst nach dem langen Rückzug alles intensiver wahr. Das Wetter, die Natur, deine Mitmenschen. Ich wette, du hast auch früher Oleanderbäume wieder aufgerichtet nach einem Gewitter oder an windigen Tagen.“ Ich denke nach. Über den Duft der Straße nach dem Regen, der noch nie so sehr den ganzen Kopf ausfüllte. Über die Liebe, die mehr denn je die Brust ganz weit und eng zugleich macht, wenn eine nahe Person etwas Lustiges sagt. Und über Erinnerungen, die neuerdings flattern wie die verrückten Vögel, statt wie einst spazieren zu gehen.

Ein Tag im Juli vor vielen Jahren fliegt vorbei. Die Stadt glich einem Pizzaofen, nur war es in ihr gleißend hell. Als ich das Kaufhaus betrat. Als ich es verließ, war es dunkel. Gewitterwehen kündeten vom Bevorstehenden, und ich hatte Angst, weil das Kind, das sich damals fürchtete vor Blitz und Donner, allein zu Hause war. Mit dem einsetzenden Regen fiel das Mobilfunknetz aus, irgendwie der ganze Himmel auf die Erde. Die Straßenbahnen standen, die Autos auch. Als ich zu Hause ankam, saß das Kind auf dem Sofa und war stolz, dass es daran gedacht hatte, die Wäsche hereinzuholen und die Pflanzentöpfe zu sichern. „Du bist ganz schön nass“, sagte es. Das war ich. Und lachte mich auf die Knie vor Erleichterung.

Ein anderes, sehr waches Kind traf ich an, als ich vor Kurzem von einer Feier kam. Trocken und viel später, es war schon nach 23 Uhr. Völlig beseelt von einem Abend, an dem ich mit fremden Menschen Gespräche geführt hatte, die früher nur im engsten Freundeskreis stattfanden. Der Smalltalk und „Was machst Du denn so beruflich?“ waren  schnell abgehakt oder fanden gar nicht statt. Viele warme Blicke ohne konkreten Anlass füllten den Raum zwischen einem freundlichen Himmel und den Speisen und Gläsern. Ich trug die Stunden wie ein lange gesuchtes Schmuckstück nach Hause. Die Oleanderbäume standen wie dösende Kühe auf der Terrasse. Trotz der Dunkelheit sah ich: Sie blühen farbiger als all die anderen Jahre. Oder habe ich ihre Pracht nicht wahrgenommen?