Auch da, wo heute Berlin ist, spielten sich solche Szenen ab.
Foto: imago images/Nature Picture Library

BerlinEin Vulkan für das Silvesterfeuerwerk kostet um die sechs Euro und erzeugt als pyrotechnischen Effekt eine Fontäne. Man kann auch Feuerpakete mit deutlich mehr Sprengkraft kaufen. 432 Brände beschäftigten die Berliner Feuerwehr zum Jahreswechsel 2019. Um 0.25 Uhr am Höhepunkt der Nacht 2017 registrierte die Luftmessstation in der Frankfurter Allee 1832 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft – der Grenzwert liegt bei 50 Mikrogramm. Aber selbst alles Berliner Silvesterfeuerwerk seit Beginn jeglicher Feuerwerkerei zusammen könnte nicht annähernd das Spektakel erreichen, das einst auf Berliner Gebiet auf ganz natürliche Weise erzeugt wurde – durch den Berliner Vulkan.

Kein Scherz: Ein Feuerberg von eindrucksvollen Ausmaßen erhob sich einst auf dem heutigen Stadtgebiet, der Gipfel, zu aktiven Zeiten mehr als 2000 Meter hoch, befand sich im Nordosten der heutigen Stadt, der Kraterkessel von etwa zwei Kilometern Durchmesser breitet sich unter Pankow aus, die Flanken dehnten sich weit in den Südosten. Das Magma floss bis Potsdam. Die Ausmaße des Berliner Vulkans entsprechen jenen der Kanareninsel La Palma.

Fünf weitere Vulkane liegen um Berlin

Das alles weiß man, weil Tiefenbohrungen und andere geologische Untersuchungen den Berliner Vulkan zu einem der besterkundeten der Gegend machen – er war nämlich, wie die Karte zeigt, nicht der einzige. Fünf weitere Vulkane liegen wie ein Gürtel um den Berliner herum: Drei davon, der Altmark-Vulkan im Westen, der Mirow-Vulkan im Nordwesten, dessen Krater unter der heutigen Müritz liegt, und der Uckermark-Vulkan mit Zentrum 25 Kilometer östlich von Prenzlau, gehören zu den kegelförmigen Stratovulkanen.

Position der sechs Vulkane im Berliner und Brandenburger Untergrund. Die Linien zeigen die (Rest-)Mächtigkeiten der vulkanischen Gesteine, der Vulkanite, aus der Perm-Zeit an (unter Berlins Zentrum mehr als 800 Meter, unter Potsdam mehr als 100). Datengrundlage sind Messungen aus der DDR
Grafik: Werner Stackebrandt

Die waren höher, und stießen sehr zähes Magma aus, das in gewaltigen Explosionen nach draußen drängte. Den Berliner nennt der promovierte Geologe Werner Stackebrandt, früherer Brandenburgischer Landesgeologe, einen vergleichsweise „stillen Gesellen“. Erforscht wurden die erdgeschichtlichen Verhältnisse, als zu DDR-Zeiten das ganze Land nach Bodenschätzen abgesucht wurde: Erdöl, Erdgas, Kohle, Kupfer, Eisen, Salz …

Wie auf Hawaii

Als „wahren Hexenkessel“ charakterisiert Stackebrandt das heutige Brandenburg zu jener Zeit, als hier die Erdkruste weit mobiler war als jemals in von Menschen erlebter Zeit. „Es dampfte und zischte, und häufig schossen glühende Fontänen aus den Vulkankegeln, begleitet vom dumpfen Grollen der sich zu Tal schiebenden Lavaströme“, so beschreibt er diese wichtige erdgeschichtliche Phase in seinem Buch „Mehr als nur ‚die Streusandbüchse‘ – Zur Erdgeschichte von Brandenburg“.

So wie der Mauna Loa auf Hawaii oder der einzige aktive Vulkan auf europäischem Festland, der Vesuv, gehört der Berliner Vulkan zu den Schildvulkanen – Schicht um Schicht legte sich sehr dünnflüssige und somit schnell fließende Lava übereinander und bildete einen vergleichsweise flachen Kegel. Heute liegt der Berliner Vulkan in etwa 4000 Metern Tiefe. Aus Bohrungen, die den Berg teilweise vollständig durchstoßen haben, haben die Forscher seine Maße abgeleitet: Die Basisfläche reicht weit über das Stadtgebiet hinaus, heute weist er noch eine Mächtigkeit von tausend Metern auf.

Erosion fraß bereits zur Zeit seines Wachstums an ihm. Etwa 100 Lavaschichten sind noch vorhanden. Sie entstanden, eine über der anderen, bei unzähligen Ausbrüchen. Tatsächlich ist die feurige Geschichte unserer Region, der Tanz der Vulkane, wahrlich eine Weile her – etwa 295 Millionen Jahre.

Absenkung ließ Vulkane verschwinden

Mit dem Auseinanderbrechen des Urkontinents Pangäa dehnten sich die Erdkrustenfugen, vulkanisches Magma stieg auf. Rund fünf Millionen Jahre lang entfaltete sich eine erhebliche vulkanische Aktivität, die schließlich zur Bildung der ausgedehnten Vulkane führte. Mit der Erdkrustendehnung einher ging der Beginn der Einsenkung des Norddeutschen Beckens, dessen zentrale Senkungs- achse sich von der südlichen Nordsee bis nach Südwest-Polen erstreckte und auch Brandenburg querte.

Im Laufe der Senkung verschwanden dann schließlich auch die Vulkane unserer Region in der Tiefe. Eine Tausende Meter dicke Sedimentschicht bedeckt sie heute und bewahrt sie vor weiterer Erosion.

Aus 4670 Meter Tiefe, aus der sogenannten Bohrung Oranienburg, stammt das sicherlich spektakulärste Objekt, das die DDR-Geologen seinerzeit erlangen konnten: eine etwa 20 Zentimeter lange, zehn Zentimeter dicke Gesteinsprobe vom Fuß des Berliner Vulkans. Sie lagert heute im Bohrkernlager Wünsdorf. Den Wissenschaftler Werner Stackebrandt begeistert ein solcher, aus der Tiefe hochgezogener „Stein zum Anfassen“.

Hinabgelassene Sonden brächten zwar Messdaten, aber nur der reale Stein erlaube zu sehen, „was wirklich dort unten ist“. Doch viele solcher Puzzleteile sind nötig, um ein reales Bild der damaligen Landschaft abzuleiten. Seit dem Absinken im Erdzeitalter Perm haben immer wieder Meere das Land überflutet, sie verdunsteten, ließen Salzschichten zurück, kamen wieder, lagerten Muschelkalk und Kreide ab. All das findet sich im Brandenburger Untergrund und wird an manchen Stellen, so in Rüdersdorf, abgebaut oder kann als Solewasser für Thermalquellen wie in Burg oder Bad Belzig genutzt werden.

„Der schläft nicht. Der ist tot.“

Ansonsten herrscht dort unten relative Ruhe – wenn auch die Erdkruste nirgendwo völlig still steht. Ist also der Vulkan unter unseren Füßen ein Langschläfer, der doch irgendwann wieder erwacht? Torsten Dahm, Vulkanologe und Seismologe vom Deutschen Geoforschungszentrum Potsdam beruhigt: „Der schläft nicht. Der ist tot. Da ist – trotz der bewegten Vergangenheit – nichts mehr zu erwarten.“

Die zähflüssige Zone im Erdmantel, auf dem die tektonischen Platten gleiten, liege in Tiefen um 100 bis 150 Kilometern. Gefahr lauere eher in der Eifel, so der Professor. Dort brach vor erst 13.000 Jahren ein Vulkan aus, die Aschewolke zog bis nach Südschweden; in Brandenburg lässt sich mancherorts noch eine etwa zwei Zentimeter dicke Ascheschicht finden. Und im Vogtland messen die Seismologen mit ständig verbesserten Methoden Gase, die vulkanische Aktivität signalisieren.

Aus dem Norddeutschen Becken interessiert die Seismologen, so Torsten Dahm, ob und wo im Grundgebirge geologische Schwächezonen, sogenannte Verwerfungen, verlaufen. Die kilometerdicke Sedimentschicht mache genaue Messungen unmöglich. „So kam für uns ein Erdbeben bei Rostock, das 2001 die Magnitude 3,4 erreichte, völlig überraschend.“

Märkische Sandbüchse ist sehr sehr jung

Und wie steht es mit der Hitze im Untergrund? Berlin gibt ja gerne damit an, man tanze hier auf dem Vulkan. In Wahrheit ist es damit nicht weit her. Wie Torsten Dahm sagt, müsse man schon drei Kilometer tief gehen, um etwa hundert Grad Celsius zu messen. Auf Vulkanhöhe, also in vier Kilometern Tiefe, steigt die Temperatur auf etwa 130 Grad Celsius.

Das ist selbst für eine wirtschaftlich effiziente energetische Nutzung zu tief. Heute haben wir die von mächtigen Gletschern diverser Eiszeiten geformte Landschaft aus Seen, Flüssen und Hügeln vor Augen – unsere schöne märkische Streusandbüchse. Sie ist aus geologischer Sicht eine Mikromomentaufnahme, mit knapp über 10.000 Jahren sehr, sehr jung und ganz bestimmt nicht von Dauer. Jedenfalls macht die Beschäftigung mit der ganz alten „Stadtgeschichte“ demütig.