Die Justizvollzugsanstalt in Tegel. Hier verbüßt der Angeklagte Michael K. eine mehrjährige Haftstrafe. Mitgefangene sagen, dass sie Angst vor ihm haben.
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Berlin-MoabitDer Gegensatz könnte größer kaum sein: Auf der einen Seite Michael K., der vom Manager Magazin hochgelobte Jungmanager. Der schon Gesprächsthema Nummer eins auf den Fluren des Grand Hotels in Kitzbühel gewesen sein soll, bevor er sich in der österreichischen Kleinstadt als „CEO of the Future“ unter 19.000 Bewerbern durchsetzten konnte. Der Business-Prinz sei ein druckreifer Schnellredner mit brillanten analytischen Fähigkeiten, hieß es im Manager Magazin über ihn, ein Mann, der in die Nadelstreifen-Anzüge geboren zu sein schien.

Und dann ist da derselbe Michael K., der mit Handschellen aus der Vorführzelle des Berliner Landgerichts in den Verhandlungssaal geführt wird. Er trägt legere Kleidung – stets ein helles Hemd unter dem grauen Pullover. Nur die Farbe der Hose variiert während der Verhandlungstage. Stockend und langsam redet er und manchmal etwas unverständlich. Dort, wo man nun auf den Fluren über ihn spricht, gibt es keinen Glamour. Hier in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel sitzen Schwerverbrecher in Haft – ebenso wie der einstige Spitzenmanager Michael K.

Vom Topverdiener zum Verbrecher

Zwischen den beiden Welten des Michael K. liegen 14 Jahre. Jahre, in denen seine Karriere eine Berg- und Talfahrt machte: Vom Topverdiener zum verurteilten Verbrecher. Und noch immer ist die Talfahrt offenbar nicht zu stoppen. Glaubt man der Staatsanwaltschaft, dann hat Michael K. während seiner Strafhaft in Berliner Gefängnissen versucht, für viel Geld unliebsame Zeugen aus dem Weg räumen zu lassen. Nicht mit Brachialgewalt. Alles sollte stets wie ein Unfall aussehen, so die Anklage. Versuchte Anstiftung zum Mord in zwei Fällen lautet der Vorwurf. Es könnte sogar noch ein Fall hinzukommen. Seit drei Wochen steht Michael K. deswegen vor einer Schwurgerichtskammer.

Doch kann der Staatsanwalt die Vorwürfe gegen den 43-Jährigen beweisen? Wie aussagekräftig sind die Berichte von Belastungszeugen in diesem Verfahren? Zeugen wie Nayef A., der zwölf Jahre wegen Drogendelikten im Gefängnis gesessen hat, sieben Jahre davon in Tegel. Er erzählt, dass Michael K. jemanden gesucht habe, der einen Mitgefangenen in der JVA Heidering beseitigen könne. Der Zeuge behauptet außerdem, dass er Michael K. aus seiner Zelle geworfen habe, als er von den mutmaßlichen Mordplänen erfuhr.

Michael K. schweigt nicht zu den Vorwürfen. Im Gegenteil. Er hat dazu gleich zu Beginn des Prozesses erst vehement den Kopf geschüttelt und sich dann stundenlang geäußert. So etwas habe er nie gemacht, erklärt er. Und er habe Angst vor noch schlimmeren Missverständnissen. Irrtümer, die ihm in seinen Augen auch schon die beiden Vorstrafen eingebracht haben.

Statt Anzug trägt Michael K. nun legere Kleidung. Die Straftaten streitet er ab.
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Michael K. – blasses Gesicht, hohe Stirn, blonde Haare – spricht von einer Intrige, die die Mitgefangenen gegen seine Person geschmiedet hätten. Weil sie an sein Geld wollten. Schon am ersten Tag in der JVA Tegel sei er zu seiner Gruppenleiterin gegangen und habe sie schon einmal gewarnt: Es sei nur eine Frage der Zeit, wann jemand zu ihr kommen und ihn belasten würde.

Doch warum sollten die Strafgefangenen lügen, wenn sie schon mit den Behörden reden? Weil der Doktor, wie Michael K. im Gefängnis genannt wird, ein Exot ist? Noch dazu offenbar ein wohlhabender. Einer, den man deshalb einschüchtern und ausnutzen kann. Aber würde sich der einst so redegewandte und nach eigenen Worten auch risikofreudige Topmanager das überhaupt gefallen lassen? Gibt es nicht Möglichkeiten, sich zu schützen? Und vor allem: Sprechen die Vorstrafen nicht gegen den angeklagten Michael K.?

Drei Strafverfahren seit 2013

Es ist das dritte Strafverfahren, das gegen den einstigen Unternehmenschef geführt wird. Und die Geschichten dahinter werden immer abstruser. Als Geschäftsführer des Textil-Discounters NKD mit einem 500.000-Euro-Jahresgehalt zweigte der Vater zweier Kinder 3,7 Millionen Euro von Firmenkonten ab, wurde deswegen Mitte 2013 verhaftet und stand wegen Untreue vor dem Landgericht im bayerischen Hof. Zwei Jahre später wurde er zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt. Doch noch während des Untreue-Prozesses hatte Michael K. in der Untersuchungshaft nach Kriminellen gesucht, die den Vorsitzenden Richter der Wirtschaftsstrafkammer entführen sollten. Eine halbe Million Euro in Immobilien bot er bei Erfolg.

Mit der Entführung des Richters wollte K. seine Freilassung und die Einstellung des Untreue-Verfahrens erpressen. Er gab den zwei Mitgefangenen, die sich auf sein Angebot scheinbar einließen, genaue schriftliche Anweisungen, wie der Richter die Freilassung begründen sollte. „Alle Argumente müssen sehr gut sein“, stand auf einem Zettel. Oder: „Alle Argumente der Verteidigung nehmen“. Sogar eine „Entschuldigung bei Angeklagten für falsche Entscheidung“ sollte der Richter abgeben. Der Plan war es, den Vorsitzenden der Kammer freizulassen und ihn dann mit einem GPS-Sender zu überwachen. Er sollte stets daran erinnert werden, dass auch seine Kinder in Gefahr seien.

Sollte sich der Richter weigern, war sein Tod geplant. Es sollte wie ein Herzinfarkt aussehen, der Entführte in einer Garage durch eine Insulinspritze sterben. Doch die Mitgefangenen offenbarten sich.   Michael K. bekam in einem zweiten Prozess einen Haft-Aufschlag. Die Gesamtstrafe belief sich nun auf neun Jahre Freiheitsentzug wegen Untreue und Anstiftung zu einem Verbrechen. Er ließ sich nach Berlin verlegen, um seiner Familie nahe zu sein. Doch in der Hauptstadt machte der Doktor offenbar dort weiter, wo er in Hof aufgehört hatte.

Die Verbrechen gingen weiter

In der Justizvollzugsanstalt Moabit sprach er laut Anklage Roy W. an. Der Mitgefangene sollte jemanden finden, der einen der „Hofer Verräter“ töten würde. Mit einer Überdosis. Roy W. und der Auftragskiller sollten dafür an den Immobilien des Angeklagten beteiligt werden. Doch auch Roy W. ging nur zum Schein auf das Angebot ein und verständigte die Sicherheitsabteilung in Moabit. Ein Anruf in Bayern ergab: Die Aussage gegen Michael K. sollte durchaus ernst genommen werden. Roy W. wurde nach Heidering verlegt, Michael K. kam nach Tegel.

Der Doktor ließ nicht locker. Als er erfuhr, dass Roy W. gegen ihn ausgesagt hatte, wuchs in ihm laut Anklage der nächste Mordplan. „Er war wie ein Krebsgeschwür“, sagt der einstige Mitgefangene und Zeuge Nayef A. Der Doktor habe innerhalb weniger Tage so viele Leute in Tegel gekannt, wie andere nicht in vier Jahren Haft. Michael K. soll den Palästinenser in Tegel angesprochen haben, weil er davon ausgegangen sei, dass Nayef A. über „Kontakte zu Personen“ verfüge, die Roy W. umbringen könnten. W. solle in der Haftanstalt Heidering beim Duschen einen tödlichen Unfall erleiden.

Nayef A. ist 49 Jahre alt. Er sagt aus, er habe Familie und seine lange Haftstrafe mittlerweile abgesessen. Er spricht nicht besonders gut deutsch, deswegen übersetzt eine Dolmetscherin seine Worte aus dem Arabischen. Während Nayef A. seine Aussage macht und vom Vorsitzenden Richter über Stunden detailliert befragt wird, schaut ihn Michael K. nicht einmal an. Demonstrativ dreht sich der Angeklagte zur Richterbank. Nayef A. erzählt, dass die meisten Jungs in Tegel Michael K. aus dem Weg gegangen seien. Weil sie Angst vor ihm gehabt, ihn für einen verdeckt arbeitenden Polizeibeamten gehalten hätten.

Kontakt zu Nayef A. 

Das Kennenlernen beschreibt der Zeuge so: Der Doktor sei eines Tages in seine Zelle gekommen, sie hätten Kaffee getrunken und sich ganz normal unterhalten. Erst auf Deutsch, dann auf hocharabisch. „Er sprach gut hocharabisch“, erinnert sich Nayef K. und nickt zu dem Angeklagten, der schon bei seiner ersten Aussage bestritt, des Arabischen mächtig zu sein. Nach Angaben von Nayef K. habe man sich einige Male getroffen, bis Michael K. ihn gefragt habe, ob er ihm vertrauen könne. Dann habe er immer wieder davon angefangen, jemanden beseitigen zu wollen. Er habe nichts mehr hören wollen und den Doktor aus der Zelle geschubst. Er habe seine Ruhe haben wollen.

Warum ausgerechnet er von Michael K. angesprochen worden sei, will der Vorsitzende Richter von dem Zeugen wissen. Nayef A. zuckt mit den Schultern, sagt dann aber doch nach kurzem Überlegen: „Wahrscheinlich dachte er, dass ich das arrangieren kann. Er wusste, dass ich Palästinenser bin. Und vielleicht glaubte er, Palästinenser bringen Menschen um.“ Der Zeuge berichtet, dass der Doktor ihn auch nach einem der arabischen Clans gefragt habe. „Ich hatte aber keinen Kontakt zu denen“, sagt Nayef A. Später will er gehört haben, dass K. auch andere Gefangene angesprochen habe.

Nayef A. meldete sich im November 2016 bei der Sicherheitsabteilung der JVA. Dem Beamten erklärte er, Kenntnis darüber zu haben, dass Michael K. die Ermordung eines gewissen Roy plane. Der Sicherheitsbeamte, als Zeuge vor Gericht befragt, gibt an, damals sofort die JVA Heidering informiert zu haben. Auch an einen anderen Gefangenen, der von einem Mordkomplott gesprochen habe, erinnert sich der Sicherheitsmann. Den habe er allerdings nur für einen Wichtigtuer gehalten.

Vertrag mit einem Mithäftling

Diesen anderen Insassen erwähnt auch Michael K. Mit ihm habe er einen Vertrag geschlossen. Der Mitgefangene sollte die Verwaltung von Wohnungen übernehmen und dafür Geld bekommen. Das Papier nennt der Angeklagte einen Darlehensvertrag. Er habe den Mitinsassen damit beschäftigen und von „abstrusen Mordkomplottgeschichten gegen mich“ abbringen wollen, wie er erklärt.

Roy W., der in dem Verfahren gegen Michael K. als Zeuge aussagen sollte, wird wohl nicht bei Gericht erscheinen. Er weigert sich, Heidering zu verlassen. Seine belastende Aussage gegen den Doktor hat er mittlerweile zurückgenommen. Es sei alles eine Lüge gewesen, ließ er mitteilen. Michael K. schüttelt den Kopf, als der Richter ihn fragt, ob er Roy W. bedroht habe. „Nein, niemals“, sagt er. Er habe weder den Zeugen noch dessen Familie unter Druck gesetzt.

Michael K. wird in dem Verfahren von drei Anwälte verteidigt. Sie sagen, das angebliche Mordkomplott sei durch Schwätzereien der Häftlinge auf dem Flur entstanden. Es müsse doch stutzig machen, dass selbst die Sicherheitsbeamtin in Moabit nicht von den angeblichen Mordplänen des Angeklagten aufgeschreckt worden sei und nicht sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt habe – sondern erst am nächsten Tag. Es gebe in dem Verfahren viele kolportierte Mordaufträge, die nie einen Menschen in Gefahr gebracht hätten.

Michael K. nickt.