Wer hätte gedacht, dass die Weddinger „Rentnergang“ einmal groß herauskommen würde – jene zwei Dutzend Senioren, die im Winterhalbjahr praktisch jede Mittagszeit im Erika-Hess-Stadion verbringen. Mit großem Spaß drehen die Rentner ihre Runden auf dem Eis, ein Eistänzer ist darunter, der stets mit Rollkoffer anreist, aber auch Herren in Hockeyschuhen mit eher rustikalem Fahrstil. Wer genug hat, macht ein Päuschen hinter der Bande, stärkt sich mit mitgebrachter Verpflegung und plaudert mit dem Banknachbarn. Gern werden die anderen Eisläufer inspiziert, die die Seniorenlaufzeit in der Mittagsstunde nutzen. Die Truppe gehört seit Jahrzehnten zum Inventar des Eisstadions, ohne dass sie wohl jemals in der Öffentlichkeit eine Rolle spielte.

Drill und Spaß

Der Filmemacherin Alexandra Sell aber ist sie nicht verborgen geblieben, als sie 2010 mit ihrer Recherche im Eislaufmilieu begann. Jahrelang hielt sie sich in den Eishallen auf, erst in über Jutta-Müller-Stadt Chemnitz, später in Berlin. Sie beobachtete die von den Trainern gedrillten Meisterklassen, die Nachwuchsathleten von der Sportschule, die ambitionierten Hobbyläufer in den diversen Vereinen. Und sie stieß auf Berlins einzige Eiskunstlauf-Weltmeisterin Christine Errath, die just in jener Zeit die Erinnerungen an ihre Sportkarriere als Buch veröffentlichte.

Eine Weltmeisterin spielt mit

Christine Stüber-Errath, wie der einstige Eislaufstar heute heißt, wurde zu einem Puzzleteil in der Geschichte, die der Kinofilm „Die Anfängerin“ erzählt, der diese Woche in die Kinos kommt. Die 61-Jährige spielt sich darin selbst. Eine in die Jahre gekommene Spitzenathletin, deren leichtfüßig-eleganter Eislauf immer noch zahlreiche Bewunderer findet. Ein anderes Puzzleteil ist eine fidele Gruppe von Eisläufern im Rentenalter – angeführt vom früheren Berliner Eiskunstlauf-Landestrainer Reinhard E. Ketterer.

Die Hauptrollen spielen zwei wirkliche Schauspielgrößen: Annekathrin Bürger sowie Ulrike Krumbiegel, die für die kurz vor dem Drehstart abgesprungene Katrin Sass übernahm. Die beiden geben Mutter und Tochter, eine hartherziger und erbarmungsloser als die andere, zumindest zu Beginn des Films. Als Kind träumte Annebärbel (Ulrike Krumbiegel) vom Eislaufen, doch ihre Mutter Irene (Annekathrin Bürger ) fand sie dafür zu dick und ungelenk. Deshalb verschenkte sie die Schlittschuhe des Mädchens. Aus der Traum von der Eisprinzessin.

Kalt wie Eis

Annebärbel wird – wie ihre Mutter – Ärztin, aber sie geht so gefühlskalt mit ihren Patienten um, dass man sie Dr. Fürchterlich schimpft. Nicht gerade warmherzig geht es auch in Annebärbels Ehe zu. Als ihr Mann (Rainer Bock) sie – wegen einer Älteren – verlässt, bekommt sie Schimpfe statt Trost von ihrer Mutter. An diesem Tiefpunkt ihres Lebens will es der Zufall, dass ein Notfalleinsatz sie in die Nähe einer Eishalle führt. Ein Blick hinein genügt – und ihr Kindheitstraum kommt ihr wieder in Sinn.

"Die kleine Maus ist 58"

Nun lässt sie sich nicht mehr abbringen – nicht vom abweisenden Eissportfunktionär (Stephan Grossmann), nicht von den bösen Kommentaren ihrer Mutter, nicht von der übervollen Arztpraxis. Sie schleicht sich in eine Hobbyläufergruppe ein, die sie anfangs nicht gerade begeistert aufnimmt. Man verfolgt mit heimlicher Schadenfreude ihre Stürze. Und lässt die Unwissende aufs Eis stolpern, obwohl gerade die vorfahrtsberechtigten Leistungssportler trainieren. Aber dann begegnet Annebärbel der Berliner Nachwuchsmeisterin Jolina (Maria Rogozina). Da nimmt der an amüsanten Wortwechseln („Die kleine Maus ist 58“) reiche Film eine Wendung.

Regisseurin: Nie zu spät für Neuanfang

Der Film erzähle die Geschichte einer späten Befreiung, sagt Regisseurin Alexandra Sell: „Es ist nie zu spät, die Richtung zu wechseln, nie zu spät für einen Neuanfang.“ Das Leben, sagt Sell, „wird nicht von allein besser, man muss es in die Hand nehmen“. Der Film sei aber auch ein Ausflug in ein Milieu, „das bisher nur im süßlichen Genre des Sport- und Tanzfilms verklärt wurde“. Beschönigt, überspitzt oder verzuckert wird in „Die Anfängerin“ nichts. Marina Kielmann, mehrfache Deutsche Meisterin im Eiskunstlauf und Vize-Europameisterin von 1992 sowie eine Zeit lang Trainerin in Berlin, bescheinigt der Regisseurin bei einer Voraufführung des Films eine „wunderbare Recherche“.

Der Berliner Eissportverband ist natürlich auch sehr angetan. „Der Film rückt unseren Sport wieder stärker in den Fokus. Das ist ausgesprochen hilfreich und gut“, sagt Eiskunstlauf-Obmann Dirk-Carsten von Loesch. Und er zeige alle Facetten: die unter Leistungsdruck stehenden Spitzenathleten wie die Hobbyläufer, die aus reinem Vergnügen ihre Schlittschuhe schnüren.

Einige Berliner Eissportler haben es sogar in den Film geschafft. Maria Rogozina ist wirklich eine Berliner Nachwachsspitzensportlerin. Aber mit von der Partie ist auch eine Frau aus der Weddinger Rentnertruppe.

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Wer nun auch Eislaufen lernen will, hat in Berlin zwei Möglichkeiten: Er kann sich an einen der acht Eiskunstlaufvereine wenden, Erwachsenen-Hobbygruppen gibt es unter anderem beim SCC und beim BTSC. Den Überblick hat der Berliner Eissportverband.

Eine Alternative ist die Eislaufschule des früheren Leistungssportlers Dirk Beyer, dort kann man Einzelstunden oder auch ganze Kurse buchen.