BerlinDer Aushang im Straßenbahn-Betriebshof Marzahn wartete mit einer traurigen Nachricht auf. Ein 49 Jahre alter Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ist am 30. Dezember gestorben, war dort zu lesen. Es ist ein Todesfall mit besonderer Brisanz, wie weitere Informationen aus dem Landesunternehmen zeigen. Denn ihnen zufolge hatte sich der Hohenschönhausener mit dem Coronavirus angesteckt. Er sei der erste Beschäftigte der BVG, der an Covid-19 gestorben ist.

BVG-Sprecherin Petra Nelken bestätigte den Todesfall. Aus Unternehmenskreisen ist zu erfahren, dass der Mann als Straßenbahnfahrer tätig war. Am 17. Dezember soll er zu Hause in Quarantäne gegangen sein. Anlass war offenbar, dass sich ein Familienmitglied mit dem Virus angesteckt hatte, wie ein Corona-Test zeigte. Danach ging es dem BVG-Mitarbeiter immer schlechter. Berichten zufolge wurde er schließlich in ein Krankenhaus eingeliefert. Dort starb er am 30. Dezember.

„Es war ein schwerer Schlag für die Familie“, hieß es bei der BVG. „Wir trauern jetzt um einen Kollegen aus unseren Reihen. Sven B. ist an Corona verstorben“, ist bei Facebook zu lesen. Der Mann, der einst in Lichtenberg zur Schule ging, war offensichtlich gern Straßenbahner. Im Internet sind Fotos von ihm zu sehen, die Berliner Bahnen zeigen.

„Nach dem, was wir wissen, hat sich der Mitarbeiter im häuslichen Bereich, außerhalb der Arbeit, angesteckt“, sagte BVG-Sprecherin Petra Nelken. Das lasse sich auch daran ablesen, dass das zuständige Gesundheitsamt für die Kollegen des Mannes keine Quarantänepflichten festgelegt habe.

Wie ist die Corona-Lage bei der BVG? Mittlerweile hat der landeseigene Konzern rund 15.500 Beschäftigte. „Daran gemessen ist die Zahl der Corona-Ansteckungen bei uns gering“, so Nelken. Von März 2020, als die Pandemie auf ihren ersten Höhepunkt zusteuerte, bis heute hätten sich 245 BVG-Mitarbeiter mit dem Virus infiziert. Weitere 335 Beschäftigte hätten sich in Quarantäne begeben. „Derzeit gibt es bei uns 21 Ansteckungsfälle und weitere 33 BVGer sind in Quarantäne“, sagte die Sprecherin. Anders als manch einer erwarten würde, stellten Fahrer bei den aktuell Infizierten nicht die Mehrheit – obwohl sie mit vielen Menschen in Berührung kommen. „Derzeit haben fünf Busfahrer, drei U-Bahn-Fahrer und zwei Straßenbahner Corona“, so Nelken.

Personal fordert mehr Desinfektionen und neue Schichtpläne

In keinem der bisher registrierten Fälle habe es Hinweise darauf gegeben, dass sich die Betroffenen während der Arbeit angesteckt haben, betonte die BVG-Sprecherin. „Wir gehen davon aus, dass die Infektionen im häuslichen Bereich stattfanden – zum Beispiel bei Feiern.“

Das Unternehmen habe viel dafür getan, um das Ansteckungsrisiko zu verringern. So würden die Fahrzeuge häufiger gereinigt als früher. Reinigungsmittel wurden an das Personal verteilt, Dienstwege neu markiert, um Begegnungen zu vermeiden. Wie berichtet hat die BVG zudem damit begonnen, in den rund 1500 Bussen der BVG Glasscheiben einzubauen, die den Fahrerbereich zusätzlich schützen. „Damit wollen wir Ende Februar fertig sein“, bekräftigte Nelken. Straßenbahn- und U-Bahnfahrer sind noch besser geschützt. Sie sitzen in Kabinen, die vom Fahrgastbereich abgetrennt sind.

Doch die BVG könne mehr tun, sagte ein Mitarbeiter. Er verweist auf eine Bestimmung der „Sars-CoV-2-Arbeitsschutzregel“, die von den zuständigen Ausschüssen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erarbeitet worden ist. Darin heißt es: „Innenräume der betrieblich genutzten Fahrzeuge sind regelmäßig zu reinigen, insbesondere bei Nutzung durch mehrere Personen bei jedem Nutzerwechsel.“ Bei der Straßenbahn müsste der Fahrerbereich bei jedem Personalwechsel desinfiziert werden, forderte der BVG-Mitarbeiter. „Doch das passiert in vielen Fällen nicht.“

Weiterhin gebe es Schichtpläne, die vorsehen, dass Fahrer ihre rollenden Arbeitsplätze mehrmals wechseln. „Solche Schichten müssten minimiert werden“ – auch wenn das den Personalbedarf erhöhen würde. Weitere Kritik: „Die Fahrer haben zwar Handschuhe bekommen, aber keine Desinfektionsreinigungstücher. Und sie bekommen auch keine Zeit dafür, um diese Reinigung durchzuführen.“

131 Todesfälle im Nahverkehr von New York

Der Nahverkehr sei kein Hotspot der Ansteckung, nicht für das Personal, aber auch nicht für die Fahrgäste, bekräftigte die BVG. Eine Untersuchung der Technischen Universität Berlin belegt diese These. Doch die Autoren knüpfen dies an Voraussetzungen: Möglichst viele Fahrgäste müssen Mund sowie Nase bedecken und die Fahrzeuge müssen belüftet werden. „Tragen 90 Prozent der Passagiere Stoffmasken, so reduziert sich das Ansteckungsrisiko um etwa 70 Prozent. Tragen 90 Prozent der Fahrgäste FFP2-Masken, so verringert es sich um etwa 95 Prozent“, sagte Professor Kai Nagel, Autor der Studie.

Es ist nicht die erste Forschungsarbeit zum Thema Corona und öffentlicher Verkehr. Als Pariser Gesundheitsbehörden im vergangenen Jahr zwischen Mai und Mitte Juli 386 Infektionshäufungen untersuchten, fanden sie in keinem Fall eine Verbindung zum Nahverkehr. In Tokio konnte keine Corona-Ansteckung auf Bahnen zurückgeführt werden. Doch ob die Ergebnisse international vergleichbar sind, wäre noch zu klären. In New York wurden mehr als 4000 Beschäftigte des Nahverkehrs positiv getestet, außerdem wurden 131 Todesfälle registriert, berichtete die New York Times Anfang Dezember. So viel steht fest: Größte Vorsicht ist weiterhin angebracht.