Der Fall Johann König: Die Zeit hätte diesen Text nicht drucken dürfen

Vor drei Monaten erschien ein Text in Die Zeit und beschädigte die Karriere von Berlins größtem Galeristen, Johann König. Dabei hat die Zeit-Redaktion journalistische Fehler gemacht.

Gerücht und Gericht liegen manchmal nahe beieinander, besonders bei einer Verdachtsberichterstattung.
Gerücht und Gericht liegen manchmal nahe beieinander, besonders bei einer Verdachtsberichterstattung.Berliner Zeitung

Gerüchte. Das erste Wort des Textes vom 31. August 2022, um den es hier gehen wird, beschreibt vielleicht am besten dessen Inhalt. In der Printversion der Wochenzeitung Die Zeit ist das Wort so platziert, dass der erste Buchstabe, das „G“, über sieben Zeilen ragt. Der Text hat die Karriere des Berliner Galeristen Johann König schwer beschädigt. Er wirft dem 41-Jährigen unter dem Titel „Ich habe ihn angeschrien und beschimpft, damit er weggeht“ Missbrauch vor, bringt Anschuldigungen gegen König vor und behauptet, dass der Galerist sich auf Partys falsch verhalten und Frauen belästigt habe. Es geht um Grabschereien und unfreiwilliges Küssen, um das Berühren eines Rückens.

Die Grundlage der Vorwürfe bilden Angaben von zehn meist anonym bleibenden Frauen, die den drei Autorinnen des Textes – Luisa Hommerich, Anne Kunze und Carolin Würfel – eidesstattliche Erklärungen vorgelegt haben. Das, was Johann König vorgeworfen wird, soll sich demnach zum großen Teil im Jahr 2017 abgespielt haben. Bis heute läuft kein Gerichtsverfahren gegen ihn. Rein juristisch ist König, Stand heute, ein unschuldiger Mann. Mehr noch: Den juristischen Einwänden von König gegen die Veröffentlichung hat ein Gericht in Hamburg zum Teil stattgegeben. In der Online-Veröffentlichung des Zeit-Textes mussten wichtige Passagen nachträglich gelöscht werden, weil sie von den Autorinnen nicht begründet werden konnten.

International ist der Schaden bereits da. So berichten mehrere Medien in Europa und den USA mit Berufung auf die Zeit über den Fall. Wie eine Anfrage der Berliner Zeitung bei der zuständigen Staatsanwaltschaft ergibt, gab es zwei Ermittlungen gegen König, die beide nicht genügend Anlass zur Klageerhebung ergeben hatten. In keiner der Angelegenheiten sei es um sexuellen Missbrauch gegangen, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft gegenüber der Berliner Zeitung. 

Man könnte sagen: König wurde ohne Prozess schuldig gesprochen

Die Faktenlage konnte dennoch nicht verhindern, dass Königs Name nun mit einem „Sex scandal“ verbunden wird. Welche Vorwürfe im Einzelnen im Raum stehen, spielt meist eine untergeordnete Rolle. Der Spiegel berichtete online, Mitarbeiterinnen seien betroffen, bisher ebenfalls eine unbewiesene Behauptung, die in dem Spiegel-Text inzwischen gelöscht wurde. Das Art Newspaper berichtet noch heute, König habe „zehn Frauen belästigt“, was noch nicht einmal der Zeit-Text behauptet. Die Autorinnen hatten „mit zehn Frauen gesprochen“.

Man könnte sagen: König wurde ohne Prozess schuldig gesprochen. Genau das war wohl auch das Ziel des Zeit-Textes, dessen Autorinnen sich über die uneingeschränkte Schuld Königs sicher waren und bis heute davon überzeugt zu sein scheinen, wie eine Antwort der Zeit-Pressestelle auf eine Anfrage der Berliner Zeitung nahelegt.

Der aktivistische Journalismus ist eine neue Form des Journalismus. Er will Gerechtigkeit. Um jeden Preis.
Der aktivistische Journalismus ist eine neue Form des Journalismus. Er will Gerechtigkeit. Um jeden Preis.Imago/Berliner Zeitung

„Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zu Pflicht“

Blickt man jedoch mit Abstand auf die Puzzleteile der Zeit-Recherche, ergibt sich ein Bild, das komplexer ist und unter anderem auch über den aktuellen Journalismus erzählt – einen aktivistischen Journalismus, wie er seit einiger Zeit in manchen Redaktionen Deutschlands gepflegt wird. Es gibt Aktivisten, die behaupten, die Rechtsbegriffe von heute basierten auf patriarchalischen Strukturen, Gerechtigkeit sei mit ihnen nicht möglich. Gerade bei Fällen von Machtmissbrauch oder sexueller Belästigung sei die Schuld juristisch oft nicht zu beweisen, am Ende stehe Aussage gegen Aussage, und wegen der Unschuldsvermutung laufe das stets auf einen Freispruch hinaus, in dubio pro reo – ein Juristenkniff für Täter, sich in Unschuld zu waschen.

Die Verdachtsberichterstattung, um die es sich auch im Fall Königs handelt, gilt deshalb unter Aktivisten oft als die letzte Waffe der Betroffenen. Doch was ist, wenn der Verdacht in einem Bericht sich als überzogen, vielleicht sogar falsch herausstellt? Im Fall des Comedians Luke Mockridge etwa gibt es berechtige Zweifel an der Berichterstattung, in den Fällen #LinkeMeToo oder Thomas Oberender ebenfalls – und nun bei Johann König. Die Medienberichte in diesen Fällen wirken oft wie eine Art Selbstjustiz, die dem Leitspruch folgt: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zu Pflicht“. Die Konsequenz: Im Kampf für mehr Gerechtigkeit werden traditionelle Regeln des Journalismus außer Kraft gesetzt.

Der Schuldspruch scheint vorweggenommen zu sein

Im Fall von König zeigt sich, dass den Leserinnen und Lesern des Zeit-Textes ein verkürztes Bild präsentiert wurde. Recherchen der Berliner Zeitung lassen den Schluss zu, dass dieser Bericht so niemals hätte veröffentlicht werden dürfen. Es gibt  Compliance-Konflikte bei einer der Autorinnen und einem Herausgeber der Zeit. Der Text wirkt einseitig recherchiert – und obendrein existiert ein Drehbuch-Exposé für eine Art Netflix-Serie, in dem der König-Fall ebenfalls behandelt wird und das sich wie ein Handbuch für Aktivismus liest, geschrieben von einer Autorin jenes Zeit-Textes. Es ist einer anonymen Quelle zufolge vor der Veröffentlichung des Zeit-Textes entstanden und hat die anschließende Recherche quasi präjudiziert, also den Schuldspruch vorweggenommen.

Doch der Reihe nach. Der Fall Johann König beginnt im Jahr 2017. Im Herbst werden die ersten MeToo-Fälle bekannt. Plötzlich wird auch in Deutschland über Missbrauch diskutiert. Bei Zeit Online erscheint im Oktober 2017 ein Text der Journalistin Carolin Würfel. Der Text sorgt für Aufsehen in der Redaktion und macht sie in der Szene bekannt. Er beschreibt die berechtigte Frustration darüber, dass bestimmte Fälle aus dem Graubereich der Übergriffigkeit nie zur Anzeige oder zu einer Verurteilung der Täter führen. Auch dieser Text liest sich wie eine Anleitung für aktivistischen Journalismus, er ist gleichzeitig eine Kampfansage an die Berliner „Kulturelite“. Er heißt: „Wir wissen es.“

Ist Selbstjustiz gerecht, wenn sie die Opfer schützt?
Ist Selbstjustiz gerecht, wenn sie die Opfer schützt?Imago/Berliner Zeitung

„Grundregeln des Journalismus für Effekthascherei außer Kraft gesetzt“

Die Autorin schreibt über eine Gruppe von Frauen, die Namen von Männern gesammelt habe. Es ist eine Drohung. Zwar werden keine Namen genannt, aber Würfel spricht konkret von zehn Männern, deren Verhalten sie anprangert: vom „Gastronom, der Kokain gegen Oralverkehr tauscht“ bis zum „Herausgeber, der Frauen schikaniert, die nicht mit ihm schlafen wollen“. Würfel endet mit: „Ihr wisst, wer ihr seid.“

Würfels Text polarisiert und spaltet die Redaktion. Die Gerichtsreporterin und stellvertretende Zeit-Chefredakteurin Sabine Rückert verfasst zwei Tage später eine Replik. Als Antwort auf einen Text aus dem eigenen Haus ist Rückerts Replik ungewöhnlich scharf formuliert. Sie fragt: „Ist Erpressung und Rufmord jetzt eine neue Art des Journalismus?“ Würfel und verantwortliche Redakteure hätten „Grundregeln des Journalismus für Effekthascherei außer Kraft gesetzt“. Rückert hält Würfels Text für „Aktivismus“ und schließt mit einer Warnung: „Mit Strafverfolgung treibt man keinen Schindluder.“ Es ist so, als träfen zwei Rechtsauffassungen, zwei Generationen von Journalistinnen aufeinander.

König bittet um Entschuldigung

Im Jahr 2017 finden auch jene Partys statt, die in dem Zeit-Text über König eine Rolle spielen. Der Berliner Zeitung liegen sowohl die eidesstattlichen Versicherungen der Zeuginnen und Betroffenen aus dem späteren Zeit-Bericht vor als auch die Antworten von König zu jedem einzelnen Sachverhalt. Wer sie gelesen hat, bekommt zumindest ein differenzierteres Bild von den Ereignissen jener Nächte als aus dem Text. Sie sind kein Freispruch Königs, aber auch kein klarer Schuldspruch. Vieles spricht dafür, dass König sich Frauen gegenüber falsch verhalten hat. Doch wie falsch? In welcher Dimension?

Der Galerist König erklärte in einem Schreiben, dass die Ereignisse von 2017 „definitiv nicht in der beschriebenen Art stattgefunden“ hätten. Er sei manchmal ausschweifend und impulsiv, habe aber in diesen Momenten niemals absichtsvoll gehandelt, niemals jemanden gegen seinen Willen geküsst, niemals eine Zurückweisung nicht respektiert, ein Nein ignoriert. Falls er aber jemandem zu nahe getreten sein sollte, bittet er um Entschuldigung.

Interessenskonflikt zwischen Autorin und König

Um das Jahr 2019 herum kaufte Johann König für 9000 Euro ein Kunstwerk des ostdeutschen Künstlers Wilhelm Klotzek, über den Carolin Würfel eine Besprechung in der Zeit veröffentlicht hatte. König kaufte es in der Galerie von Alfons Klosterfelde, Würfels Ehemann, und verkaufte es zwei Jahre später für 25.000 Euro. Im Kunstmarkt heißt das, er „flippte“ das Werk. Es ist dieses Flippen, so sagen Menschen aus dem Kunstmarkt, das König so reich, erfolgreich und bei vielen so unbeliebt gemacht habe. Im Umkehrschluss heißt das: Es bestand ein indirekter Interessenkonflikt.

Der Kunstmarkt ist ein besonderer Markt. Viel wird bar bezahlt, viel läuft über Kontakte. Der Name einer Galerie kann für einen Künstler Aufstieg oder Fall bedeuten. Das simple Erscheinen einer bekannten Person auf einer Eröffnung oder ein Zeitungstext können plötzlich den Ort, die Kunstwerke, den Künstler beträchtlich aufwerten. Alles hängt vom Image ab.

In dubio pro reo: Für viele Aktivistinnen heißt das – im Zweifel gegen den Täter.
In dubio pro reo: Für viele Aktivistinnen heißt das – im Zweifel gegen den Täter.Imago/Berliner Zeitung

Unseriös und problematisch

Um wen handelt es sich bei dem Autorinnen-Team, das sich diesem Thema nähert? Als die Zeit-Journalistinnen Johann König Ende August konfrontieren, geben sie sich nicht als Trio zu erkennen. Nur zwei Zeit-Mitarbeiterinnen schickten König einen Katalog von 17 Fragen, nur zwei tauchten zu einem Interview auf. Erst über dem fertigen Text steht der Name der dritten Autorin: Carolin Würfel. Auf Anfrage der Berliner Zeitung an die Zeit-Chefredaktion sagt die Pressesprecherin: „Die Recherche wurde im Investigativressort der Zeit geführt, dem Carolin Würfel nicht angehört. Frau Würfel war bei einigen, aber nicht allen Recherchegesprächen als freie Mitarbeiterin beteiligt. Sie hat den Artikel weder verfasst noch war sie bei der Produktion anwesend.“ Warum steht Würfel dann in der Autorenzeile?

Das ist zum einen unseriös und zum anderen problematisch, weil Würfel bestens in der Kunstwelt vernetzt ist, Johann König seit langem kennt –  und, wie gesagt, mit dem Berliner Galeristen Alfons Klosterfelde verheiratet ist, einem Wettbewerber von König. Das aber wird weder im Text erwähnt, noch war es für die Zeit ein Problem. Laut einer Stellungnahme der Zeit lebt das Paar derzeit in Trennung. Würfel selbst hat sich auf Anfrage nicht geäußert. 

Hätte eine der Autorinnen über Johann König überhaupt schreiben dürfen?

Warum bleibt es nach dem Artikel der Zeit so still in der Kunstszene? Die einen schweigen, weil sie sich mit Johann König und seinen bekannten Medien-Anwälten nicht anlegen wollen; die anderen, weil die Wochenzeitung Die Zeit mächtig ist, das Traditionskunstmagazin „Weltkunst“ herausgibt und Herausgeber Florian Illies ebenfalls bestens in der Kunstwelt vernetzt ist; drittens gibt es sicherlich auch jene, die heimlich froh sind, mit Johann König einen großen, nein, den größten Berliner Konkurrenten am Boden liegen zu sehen.

Die Frage also bleibt: Hätte Carolin Würfel überhaupt über Johann König schreiben dürfen? Sie ist eine angesehene Journalistin, kämpft in ihren Texten mit guten Argumenten gegen das Patriarchat, gegen verkrustete Strukturen im westdeutsch dominierten, von älteren Männern geführten Journalismus, wird von so gut wie allen Kolleginnen und Kollegen in der Branche sehr geschätzt. Sie ist eine erfolgreiche Buchautorin und exzellente Kennerin der DDR-Geschichte.

Und trotzdem: Hätte die Redaktion nicht nachfragen müssen, warum sie sich so bedeckt hält in der Recherche? Selbst die Szene, die am Ende des Zeit-Textes steht, ist aus der Sicht von Carolin Würfel erzählt. Da zitiert sie aus einem Party-Gespräch mit König, das sie nur führen konnte, weil sie Ehefrau von Klosterfelde ist. Die Szene musste inzwischen gelöscht werden. Interessant ist sie, weil Würfel hier ein Detail unterschlägt. Die Szene spielt auf einer Party von Jorinde Voigt, einer Künstlerin, die von beiden Galerien vertreten wurde: König und Klosterfelde. Auf der Art Cologne 2022 hatten die Galerien ihre Stände nebeneinander.

Illies tauchte in Königs Podcast auf und eröffnete Ausstellungen

Im April 2019 hat die Zeit ihren eigenen Code of Ethics noch einmal neu veröffentlicht. Es ist eine freiwillige Selbstverpflichtung, deren Verstoß keine Konsequenzen nach sich zieht. Trotzdem gilt sie für alle Journalisten im Haus. Der erste Satz, Punkt 1a dieser Liste, lautet: „Die Redakteure von Zeit Online und Zeit legen mögliche Interessenkonflikte gegenüber ihrem direkten Vorgesetzten offen.“ Entweder haben Würfels Kolleginnen das nicht getan, oder es war ihren Vorgesetzten egal.

Was aber, wenn es zusätzlich Interessenkonflikte in der Herausgeberschaft gibt? Florian Illies ist einer von vier Herausgebern der Zeit, nachdem der fünfte, Josef Joffe, sein Mandat wegen Compliance-Konflikten ruhen lässt. Illies ist Autor der Bestseller „Generation Golf“ und „1913“. Er ging 2018 unter großem Protest von Autorinnen zum Rowohlt-Verlag, verließ den Posten aber nach nur einem Jahr. Er war lange Zeit mit Johann König gut bekannt, nicht ungewöhnlich für den Chef eines großen Berliner Auktionshauses.

Illies tauchte in Königs Podcast auf und eröffnete Ausstellungen. War den Autorinnen diese Verbindung bewusst? Interessierte es sie nicht, dass Illies‘ Partnerin bis 2020 für Johann König arbeitete und davor als abhängig Beschäftigte bei Grisebach, wo Illies eine leitende Position hatte und die beiden sich kennengelernt haben sollen? Hat ihre spätere Kündigung bei der Galerie König Einfluss auf eine Berichterstattung gehabt? Die Zeit schreibt auf Anfrage, dass es keinen Kontakt zwischen den Autorinnen und Florian Illies vor der Veröffentlichung gegeben habe.

Manchmal beginnt eine Geschichte mit einem Gerücht.
Manchmal beginnt eine Geschichte mit einem Gerücht.Berliner Zeitung

Echte Wut und das Gefühl der Ungerechtigkeit

Zudem gibt es Textnachrichten, die zweifelsfrei zeigen, dass die Autorinnen des Textes sehr wohl bei mehreren weiblichen Mitarbeitern und Ehemaligen der Galerie König nachgeforscht hatten. Die Antworten, die ebenfalls der Berliner Zeitung vorliegen, zeichnen ein differenzierteres Bild von Johann König im Umgang mit Frauen in seinem Umfeld. Sie sind allerdings nicht in den Text eingeflossen. Passten sie nicht ins Narrativ? Stand das Ergebnis der Recherche von Anfang an fest?

Ein Hinweis, wie sehr die Entstehung des König-Textes durch echte Wut und das Gefühl der Ungerechtigkeit angetrieben gewesen sein könnte, gibt ein besonderes „Kunststück“. So heißt ein Drehbuch-Exposé, das der Berliner Zeitung vorliegt. Auf 16 Seiten wird darin eine Art Netflix-Serie beschrieben. Der Inhalt ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Es gewährt weniger einen Einblick in die Kunstwelt, sondern vielmehr einen in die Gedankenwelt der Autorin Carolin Würfel. Auf der ersten Seite steht unter dem Titel: „Inspired by true events.“

Wie Johann König hat auch Fürst eine Behinderung

In sieben Teilen handelt das Drehbuch-Exposé von der „schillernden Berliner Kunstwelt“, in der „Machtmissbrauch zum täglichen Geschäft“ gehöre. Drei Haupt-Protagonisten gibt es im Manuskript: Elena Baum, die in einer Berliner Galerie anfängt zu arbeiten. Ihr Ehemann verschaffte ihr den Job, er ist mit dem Galeristen befreundet. Dann gibt es Maxi Rosenthal, „Journalistin einer großen deutschen Tageszeitung“. Das große Thema der fiktiven Maxi ist Feminismus. Außerdem verfolgt sie das Ziel, einen Fall von sexuellem Machtmissbrauch öffentlich zu machen, „auch wenn ihre Redaktion sie davon abhalten will“.

Die dritte Hauptperson ist Alexander Fürst – so heißt „der erfolgreichste Galerist und Kunsthändler Deutschlands“ in Würfels Serien-Exposé. Wie alle Figuren im Plot ist auch dieser leicht der Realität zuzuordnen und stark überzeichnet: „Die einzigen Dinge, die Fürst interessieren, sind Frauen erobern und Kunstwerke flippen.“ Wie Johann König hat auch Fürst eine Behinderung. König hatte in seiner Kindheit einen Unfall und sieht seitdem schlecht. Fürst in Würfels Exposé hatte Kinderlähmung und zieht das linke Bein nach.

Echte Wut und das Gefühl der Ungerechtigkeit können manchmal der Antrieb für Recherchen sein.
Echte Wut und das Gefühl der Ungerechtigkeit können manchmal der Antrieb für Recherchen sein.Berliner Zeitung

Ein Drehbuch-Exposé, das sich liest wie die Realität

Auch im Exposé von Carolin Würfel sind es zehn Frauen, die sich an die Presse wenden wollen. Doch ab der dritten Folge weicht die Fiktion stark von der Realität ab: Die Redaktion von Maxi nämlich lehnt den Text über den Kunsthändler Fürst ab. Maxis Ressortleiterin sei „eine Kunstbanausin“, schreibt Würfel, und „keine Kennerin der Szene“. Außerhalb der Kulturblase kenne Fürst niemand, sagt die Chefin. „Mein Gott, der hat halt mal bisschen gegrabscht.“ Maxi wendet sich an den Chefredakteur, der sagt: „Aus diesem MeToo-Wahnsinn, der doch hauptsächlich aus Geraune besteht, will ich die Zeitung lieber raushalten.“ Maxi erhält eine Verwarnung.

Wörtlich steht im Exposé: „Die deutsche Presse hat Maxi abserviert, aber ihr Kampfgeist ist ungebrochen.“ Später lernen die beiden Frauen, die im Laufe der Geschichte ein lesbisches Paar werden, noch einen Redakteur kennen, der die Geschichte drucken würde, wenn eine Vergewaltigung darin vorkommt. Maxi schläft auf einer Sexparty auf einem Brandenburger Schloss dann wirklich mit dem Galeristen Fürst. Sie ist high und beide tragen eine Maske. Trotzdem überlegt Maxi: Könnte das die Vergewaltigung sein, die ihr noch fehlt?

König erhält Drohbriefe

Menschen aus dem Berliner Kunstbetrieb können leicht jede Person in diesem Fiebertraum wiedererkennen. Am Ende wird die Geschichte gewalttätig. „Maxi will nur noch Rache. Vergeltung. JETZT.“ Die Gruppe von Frauen vollzieht Selbstjustiz, die Feministinnen entführen den Galeristen, fesseln ihn an einen Stuhl und quälen ihn abwechselnd. Wörtlich: „Ihn umzubringen scheint vor allem für Maxi eine echte Option.“ Sie verabreichen Fürst schließlich Drogen, daran droht er zu ersticken. Elena steht am Ende vor der Entscheidung: Wie weit würde sie gehen für ein selbstbestimmtes Leben?

Der Galerist Johann König stellte nach der Veröffentlichung des Zeit-Textes im August seine Kunstzeitschrift „König“ ein und entließ mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Er schloss die Dependance seiner Galerie in Wien. Von der Art Basel wurde er ausgeladen. Zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung haben mindestens zehn der mehr als 40 Künstler die Galerie verlassen. Jorinde Voigt wird in Berlin nur noch von Klosterfelde vertreten. König, so berichten Menschen, die ihm nahestehen, muss sich von Freundschaften verabschieden, verbale Angriffe erdulden. Für viele Frauen ist der Zeit-Text aber eine Genugtuung, späte Gerechtigkeit. Aus Königs Umfeld heißt es wiederum, dass er seit zwei Jahren nicht mehr trinke, keine Drogen mehr nehme. Vor der Tür seiner Galerie werden Kränze abgelegt, die ihn anprangern sollen, er wird telefonisch bedroht, ein anonymes Feministen-Netzwerk fordert Königs Künstlerinnen dazu auf, sich von ihm abzuwenden.

Was man sieht, ist schmutzige Wäsche

Sie haben damit Erfolg: Das wird deutlich in dieser Woche, als am Mittwoch gegen 11 Uhr morgens eine besondere Pressekonferenz in der Neuen Nationalgalerie stattfindet. Im berühmten Mies-van-der-Rohe-Bau hinter der Glasfassade werden Kunstwerke von Monica Bonvicini ausgestellt, die rund ein Jahrzehnt lang von Johann König vertreten wurde. Manche sagen, er habe sie richtig groß gemacht. Bonvicini lächelt trotz des großen Erfolgs etwas gequält. Zur Causa König möchte sie nichts sagen, hieß es vorher. Doch im Publikum hört man den Namen immer wieder.

Ihre Ausstellung „I do you“ zeigt, dass Monica Bonvicini sich sehr wohl auskennt in jener Welt aus Macht und Sex und Spiel und Zwang. Da hängen Ketten von der Decke, mit Lederfetzen, an den Seiten sind englische Sprüche auf Glas zu lesen: „Eine gescheiterte Romanze“ steht dort. Oder: „Es war eine unangenehme Nacht“. Daneben hängen Handschellen, an die sich Besucher ketten können – „um einmal die Erfahrung zu haben, ausgeliefert zu sein“, so sagt eine Kuratorin. Das größte Kunstwerk der Ausstellung ist ein Teppich, auf dem Kleidung abgebildet ist. Sie sieht aus wie achtlos weggeworfen, auf dem Weg zum Bett. Oder sind es die Beweisstücke einer Gewalttat? Was man sieht, ist schmutzige Wäsche.

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