Das Kriminalgericht in Moabit. 
Foto: Davids

BerlinAm 3. März 2020 hatte Kay S. einen Termin. Um 14.15 Uhr wollte das Amtsgericht Tiergarten darüber verhandeln, ob der 31-jährige Rettungsassistent eine ehemalige Partnerin gestalkt hatte. Dazu sollte es jedoch nicht kommen: Kurz nach 14 Uhr musste das Kriminalgericht geräumt werden, weil es im ganzen Haus brannte und qualmte.

Fast sechs Monate später muss sich Kay S. wegen schwerer Brandstiftung verantworten. Die vergangenen Monate hat er in Untersuchungshaft verbracht. Weil ihm ein Verbrechen vorgeworfen wird, ist nun das Landgericht Berlin für ihn zuständig. Laut Anklage soll er an sieben Stellen des Gerichtsgebäudes Feuer gelegt haben: Im Sockelgeschoss brannte Baumaterial, außerdem ein mit Elektroschrott beladener Rollwagen. Die Flammen waren noch nicht erloschen, als die Feuerwehr ihn in den Hof schob.

Im Erdgeschoss brannte an einer Tür ein in Plastik eingeschweißtes Blatt Papier. Ein Stockwerk darüber war es eine Rolle Toilettenpapier in der Herrentoilette, im zweiten Stock das Gleiche in der Damentoilette. Außerdem soll er in der Herrentoilette die Mülltüte eines Papierkorbes angezündet haben. Und im obersten Stockwerk war in einer Toilette eine Kunststoffbox für eine Handtuchrolle angezündet worden, ein Plastik-Mülleimer geschmolzen.

Am ersten Verhandlungstag weisen die Verteidiger für Kay S. die Vorwürfe zurück. Während der große, kräftige Glatzkopf mit den kindlichen Gesichtszügen gelassen wirkt und zuweilen grinst, spricht Rechtsanwalt Kolja Zaborowski davon, dass man sich sehr früh auf seinen Mandanten als Täter fokussiert habe. So etwas nenne man Othello-Effekt: Der hatte so lange nach Beweisen für die Untreue seiner Desdemona gesucht, bis er aus der Unschuldigen eine Schuldige gemacht hatte. Sein Mandant sei an jenem Brandtag lediglich bei Löscharbeiten angetroffen worden – und habe sich an einigen Stellen merkwürdig verhalten.

Davon berichten am ersten Verhandlungstag insgesamt acht Zeuginnen. Es begann bereits beim Betreten des Gerichtsgebäudes. Gegen 13.45 Uhr wollte Kay S. die Sicherheitskontrolle passieren. Er trug ein rotes T-Shirt und legte seine Sachen in eine Box, die anschließend durch den Scanner geleitet wurde. In seinem Rucksack entdeckten die Justizwachtmeisterinnen ein Tierabwehr-Spray. Kay S. meinte, das sei eine Abwehr gegen Beamte. „Ich hasse Beamte“, mit diesen Worten zitierte ihn die Justizwachtmeisterin im Zeugenstand. Sie habe versucht, ihm klarzumachen, dass nicht alle Beamten schlecht seien und warnte ihn: „Wenn Sie Stress machen, muss ich den Alarmknopf drücken.“

Alkoholgeruch habe sie wahrgenommen, auch sei die Körperhaltung von Kay S. „nicht stabil“ gewesen. Weil die Wachtmeisterin wusste, dass er sich bei der Loge im 1. Stock melden sollte, informierte sie vorsichtshalber ihre Kollegen. Doch bei denen kam der Angekündigte nicht an. Stattdessen wurde er beim Verlassen einer Damentoilette gesehen. Einer Staatsanwältin und einer Justizangestellten gelang es, das dort brennende Toilettenpapier auszutreten.

Einer Richterin fiel Kay S. auf, als er eine Wendeltreppe vom zweiten Stock heraufkam. Sie hatte bereits den Brandgeruch bemerkt und fragte den großen, kräftigen Glatzkopf, den sie wegen seines Logos auf dem T-Shirt irrtümlich für einen Justizwachtmeister hielt, ob es im Gebäude brenne. „Da hat er ganz schräg aus der Hüfte geschossen“, erinnert sich die Zeugin. Unwirsch habe er ihr zu verstehen gegeben, dass sie ihn stören würde. Mittlerweile hatte die Richterin erkannt, dass es sich bei dem Logo um das der Berliner Feuerwehr handelte und dass der Mann einen Feuerlöscher bei sich trug. Erst im Nachhinein wurden ihr die Ungereimtheiten ihrer Beobachtungen bewusst: Warum befand sich der Feuerwehrmann im Gebäude, obwohl noch gar kein Alarm ausgelöst worden war? Warum trug er keinen Helm und auch sonst kein Rettungsgerät bei sich?

Zwei weitere Justizangestellte wunderten sich ebenfalls über die Patzigkeit des vermeintlichen Feuerwehrmannes. Sie sahen den erschöpft auf dem Boden sitzenden Kay S. Ob sie ihm helfen könnten, erkundigten sich die Frauen und erhielten die unfreundliche Anweisung, die Feuerwehr zu alarmieren.

Alle Zeugen beschrieben den Angeklagten sehr eindeutig mit dem einzigen Unterschied, dass dieser zunächst ein rotes und dann ein schwarzes Feuerwehr-T-Shirt trug. Ein solches kann man für 19 Euro im Fanshop erwerben. Seinen Rucksack soll Kay S. im Gebäude stehengelassen haben, wo genau, wird vom Gericht noch erörtert werden. In den nächsten Verhandlungstagen wird auch zur Sprache kommen, wie massiv der Angeklagte zwei ehemalige Partnerinnen belästigt haben soll: Mit E-Mails, die er an den Arbeitgeber seiner Berliner Ex-Freundin geschickt hätte und in denen er die Frau als sex- und drogensüchtig beschrieb. Und mit 120 Anrufen täglich, mit denen er eine Brandenburger Ex-Freundin gestalkt haben soll. Die beiden Strafverfahren konnten bislang noch nicht abgeschlossen werden.