Mit einem Biss in eine Dattel endet traditionell das Fastenbrechen. 
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BerlinDer 24. April ist der erste Tag des Fastenmonats Ramadan. Weltweit dürfen Muslime nun von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang keine Nahrung und kein Wasser zu sich nehmen – ähnlich wie beim Jom Kippur im Judentum, aber 30 Tage infolge. Auch Rauchen, Kaugummis, Mundspülungen, starke Parfums und aufreizende Kleidung sind nicht erlaubt.

Das Ziel des Fastens ist, wie in jeder Religion, die Rückbesinnung auf das Wesentliche, auf Dankbarkeit und die Hingabe zu Gott. Es ist, neben dem Bekenntnis zu Allah, dem fünfmaligen täglichen Gebet, der Pflicht zur Almosengabe und der Wallfahrt nach Mekka, eine der fünf Säulen des Islam. Es ist für jeden Moslem Pflicht, nur Kinder, Alte und Schwache, Weitreisende und gesundheitlich Beeinträchtigte sind befreit.

Die Familie, Freunde und Fremde ebenso, kommen jeden Abend zusammen, um das Fastenbrechen beim „Iftar“ und Gebet zu zelebrieren. Es geht um das Beisammensein und das Teilen, nicht nur um den Verzicht.

Nun aber steht die große Religionsgemeinschaft, auch in Deutschland und gerade in Berlin, durch die Corona-Pandemie vor der Herausforderung, sich nicht versammeln zu dürfen. Es gibt Muslime, die dagegen protestieren. Einfach wäre es zu argumentieren, dass eben eine Verordnung erlassen wurde und alle sich daran halten müssen.

Um die Unzufriedenheit verstehen zu können, sollte man sich jedoch die tiefere Bedeutung des Ramadan für Gläubige vor Augen führen. Seinen Glauben in der Gemeinschaft zu erleben, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Verbindung zur Religion und zu Gott. Ein Fastender kommt mit Anderen zusammen, die ebenso Hunger und Durst empfinden. Die Redewendung „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ drückt das sehr gut aus.

Weltweit genießen Muslime an eindrucksvoll gedeckten Tischen gemeinsam den ersten erlösenden Biss in eine Dattel, mit der traditionell das Fasten gebrochen wird. Weltweit tun sie das genau nach Sonnenuntergang. Auch dieser Gedanke stärkt den Gemeinschaftssinn. In muslimischen Ländern tragen die Leute ihre Tische auf die Straße, jeder kocht eine besonders aufwendige Speise, es wird geteilt, was da ist. Groß und Klein, Mann und Frau essen zusammen, Arm und Reich ebenso.

Denn im Ramadan steht auch die Almosengabe im Vordergrund. Das Fasten ist eine Erinnerung daran, wie es ist, hungrig zu sein. Der Geist des Ramadan ist es, Menschen aus ärmeren Verhältnissen zu unterstützen. Er hat also nicht nur eine kulturelle und psychologische Funktion, sondern auch die des sozialen Ausgleichs.

Wäre es nicht eine Überlegung wert, denjenigen, die steuerrechtlich der Konfession des Islam angehören und von staatlichen Sozialleistungen leben, im Fastenmonat den Tagessatz für Lebensmittel zu erhöhen?

Was nun Corona betrifft: Der Islam sagt zwar, dass sich Muslime im Ramadan versammeln sollen. Der Prophet Mohammed erklärt aber auch, dass sie im Fall einer Seuche Menschenansammlungen meiden sollen (Sahieh Al-Bukhari, Sahieh Muslim). Zudem befürwortet der Islam den Gebrauch des eigenen Verstandes. Es gibt eigentlich keinen Grund, sich den Worten des Propheten, der schon vor Jahrhunderten so klug war, eine Seuche als Grund zur Selbstisolation zu sehen, zu widersetzen. Immerhin geht es ausnahmsweise mal nicht um „islamisch oder christlich“. Sondern um „tot oder lebendig“.