Spaziergang auf dem Dach von Terminal T1. Der Flughafen Berlin Brandenburg (BER) in Schönefeld sieht vollständig aus. In der Tat ist er fertig - mit einer Ausnahme.
Foto: Berliner Zeitung/ Markus Wächter

BerlinEnde März sollten die letzten Technikprüfungen im Flughafen BER abgeschlossen sein – so die Ankündigung. Doch der Termin wurde nicht gehalten. Auch Ende der vergangenen Woche waren Sachverständige des TÜV Rheinland noch mit diesem Thema beschäftigt, teilte die Flughafengesellschaft FBB auf Anfrage mit. Damit gilt der neue Flughafen der Hauptstadt-Region weiterhin nicht als fertiggestellt – weniger als sieben Monate vor der weiterhin für Ende Oktober angesetzten Eröffnung.

Es geht um den letzten verbliebenen Problembereich im Terminal T1, die Anlagengruppe 06. Sie umfasst die Sicherheitsstromversorgung und Sicherheitsbeleuchtung. Um den damals avisierten Eröffnungstermin im Juni 2012 halten zu können, waren Kabelkanäle falsch bestückt worden. In der Hast wurden Kabeltrassen mit Leitungen überlastet, was zu Hitzeentwicklung und zu Kurzschlüssen geführt hätte. Es kam auch vor, dass Kabel, die nicht zueinander passen, zusammengepackt wurden – etwa Stark- mit Schwachstromleitungen.

Zwar wurden Sanierungen der Kabeltrassen in Angriff genommen. Doch später stellte sich heraus, dass längst nicht alle Mängel beseitigt wurden. Dass die zuständige Firma Imtech 2015 Insolvenz anmeldete, stellte einen weiteren Rückschlag dar. Erst nach Monaten übernahm ein anderes Unternehmen, ROM Technik, die heikle Aufgabe, und die Arbeiten gingen wieder voran.

„Im Moment mache ich mir keine Sorgen“

Trotzdem bereiteten die Kabel den Verantwortlichen weiterhin Kopfschmerzen. Als Engelbert Lütke Daldrup im März 2017 Flughafenchef wurde, hielt er eine Eröffnung des BER noch für 2018 für möglich. Die Kabelprobleme trugen dazu bei, dass er sich bald darauf auf Herbst 2020 korrigieren musste. Heute ist die Anlagengruppe 06 die letzte von zwölf prüfpflichtigen Bereichen im Terminal, der noch nicht fertig ist.

„Nach Ostern werden wir sprachfähig sein“, sagte Flughafensprecher Hannes Hönemann. Weiterhin gehe die FBB davon aus, dass die Dokumentation kurz nach Ostern 2020 vorgelegt wird. Sie ist erforderlich, damit die Baufertigstellungsanzeige für das Bauordnungsamt des Landkreises Dahme-Spreewald komplettiert werden kann.

„Im Moment mache ich mir keine Sorgen“, sagte Rainer Bretschneider, der Vorsitzende des Flughafen-Aufsichtsrats. Der Zeitplan sehe vor, dass die Dokumentation im April 2020 eintrifft. Er gehe weiterhin davon aus, dass das klappt.

65 Prozent weniger Passagiere im März

Unterdessen arbeiten Betriebsleiter Patrick Muller und sein Team an Szenarien, wie der Probebetrieb am BER im Zeichen der Pandemie verändert werden könnte. Bislang war als Auftakt geplant, am 29. April die Evakuierung des Bahnhofs unter dem Terminal T1 zu üben. Die übrigen knapp 30 Probetriebstage sollten zwischen dem 23. Juni und dem 15. Oktober stattfinden – mit insgesamt 20 000 Komparsen.

Nun zeichnet sich ab, dass einige Testläufe virtuell am Computer stattfinden und weniger Testpersonen zum Einsatz kommen. „Wir gehen jetzt von anderen Bedingungen aus“, sagte Hönemann. Wenn der BER im Herbst 2020 ans Netz geht, werde es viel weniger Fluggäste geben als erwartet. Möglicherweise werde das Aufkommen so niedrig sein, dass ein Teil des Probebetriebs nach der Eröffnung stattfinden kann, regte Bretschneider an.

Kurz nach Ostern werde auch erneut darüber beraten, ob der Flughafen Tegel vorzeitig geschlossen wird. „Uns ist oft genug vorgeworfen worden, dass wir Steuergeld verbrennen“, hieß es in Flughafenkreisen. Wenn der Betrieb in Tegel vorübergehend oder dauerhaft eingestellt würde, ließe sich monatlich ein einstelliger Millionenbetrag sparen.

Beobachter gehen davon aus, dass nach den Feiertagen die Faktenlage anzeigen wird, wie es mit dem einst wichtgsten Flughafen der Region weitergeht. Wenn absehbar ist, dass die Kontaktbeschränkungen bleiben und der Luftverkehr für länger auf niedrigem Niveau bleibt, könnte dies weitere Argumente für eine Schließung liefern, hieß es.

Wie berichtet hatte sich das Bundesverkehrsministerium gegen eine Schließung gewandt, weil große Flughäfen Teil der „kritischen Infrastruktur“ seien, die während der Pandemie in Betrieb bleiben sollten. Vertreter des Landes Brandenburg schlossen sich dieser Auffassung an. Die FBB wies dagegen darauf hin, dass Schönefeld mit einer Kapazität von 30 000 Passagieren pro Tag den derzeitigen Verkehr (rund 2 000 Fluggäste pro Tag) aufnehmen könne. Zudem würde es die vorübergehende Stilllegung Tegels erlauben, Mitarbeiter der dortigen Flughafen-Feuerwehr in Berlin in anderen Bereichen einzusetzen. 

Nachtflugbeschränkungen bleiben aufgehoben

In Tegel und Schönefeld wurden im März 2020 jeweils fast 65 Prozent weniger Fluggäste abgefertigt als im März 2019. Das geht aus dem jüngsten Verkehrsbericht der Flughafengesellschaft hervor. Über den gesamten Monat gerechnet, sank die Zahl der Starts und Landungen in Schönefeld um knapp 46, in Tegel ist sie um rund 47 Prozent zurückgegangen.

In den vergangenen Tagen ist die Zahl der Fluggäste aber deutlich weiter gesunken. Durch die Corona-Pandemie ist der Flugverkehr weltweit fast komplett zusammengebrochen, so die FBB. „Die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Flugverkehr haben sich im März von Woche zu Woche verschärft“, sagte Flughafenchef Lütke Daldrup. „Aktuell liegt der Rückgang bei rund 95 Prozent, und das an allen deutschen Flughäfen. Für die kommenden Wochen ist leider nicht damit zu rechnen, dass sich die derzeitige Situation absehbar verbessert. Die Pandemie hat den Passagierflugbetrieb praktisch lahmgelegt. Besserung ist erst in einigen Monaten in Sicht.“

Damit Reisende ohne Umwege nach Berlin zurückkehren können, bleiben die Nachtflugbeschränkungen in Tegel bis 14. April, Mitternacht, aufgehoben, so die Verkehrsverwaltung.