Auf Dauer wird es langweilig, über den BER zu witzeln“, sagt Engelbert Lütke Daldrup.
Berliner Zeitung/ Markus Wächter

BerlinVon dem Treppenhaus mit den altertümlichen Leuchten gehen lange Korridore ab. Die Sitzecke für wartende Besucher findet man in einer Wandnische. Es wirkt sehr schlicht, das Verwaltungsgebäude der Flughafengesellschaft FBB in Schönefeld. Kein Vergleich mit dem holzgetäfelten BER ein paar Hundert Meter entfernt, der geradezu gemütlich anmutet. Zum Interview bittet Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup in einen kargen Konferenzraum.

Herr Lütke Daldrup, wie fühlen Sie sich kurz vor Jahresschluss?

Ein bisschen müde, das muss ich schon sagen. Es war ein wirklich anstrengendes Jahr mit der baulichen Fertigstellung des BER, der Prüfung der Technik im Terminal, neben den vielen anderen Themen, die wir zu bewältigen hatten. Insofern freue ich mich auf die Weihnachtstage.  

Verschweigen Sie uns etwas? Lauert da nicht noch eine unangenehme Neuigkeit, etwas hinter dem Vorhang, was Sie uns nicht preisgeben wollen?

Ich kommuniziere immer offen und transparent.  

Immer wenn die Berliner den Eindruck hatten, dass es am BER endlich mal etwas besser läuft, kam eine neue Panne ans Tageslicht. Warum sollen sie diesmal glauben, dass es klappt?

Weil wir hart gearbeitet haben. Und weil wir die Themen, die noch erledigt werden müssen, sehr genau auf dem Radar haben. Wir haben noch gut zehn harte Monate vor uns, in denen wir aus dem schon fertigen Gebäude einen funktionierenden Flughafen machen.  

Eigentlich wollte ich das Interview mit einem BER-Witz beginnen. Doch in jüngster Zeit scheinen nicht viele Witze hinzugekommen zu sein. Werten Sie das als gutes Zeichen?

Auf die Dauer wird es langweilig, über den BER zu witzeln. Ich glaube, dass viele Menschen in der Region inzwischen erkannt haben, dass der Flughafen tatsächlich in absehbarer Zeit öffnet. Jetzt müssen sie sich auf die Veränderungen einstellen, die damit auf sie zukommen.

"Die Zukunft ist jetzt greifbar"

Ich glaube, dass die Schließung von Tegel für viele Berliner ein besonders einschneidendes Ereignis sein wird.

Im Dezember war ich im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestags zu Gast, wo wieder einmal über die Zukunft des Tegeler Flughafengeländes debattiert wurde. Die Stimmung in der Stadt hat sich gedreht, das konnte ich dort sehr deutlich wahrnehmen. Das große Thema ist nicht mehr, ob der Flugbetrieb in Tegel weitergeht. Stattdessen geht es immer mehr darum, was aus dem Areal wird, wenn dort keine Flugzeuge mehr starten. In der Stadt wird eine 495 Hektar große Fläche frei, die eine neue Zukunft bekommt: mit der „Urban Tech Republic“, dem Wissenschafts- und Gewerbepark für klimagerechte Städte. Fast 10 000 Wohnungen können gebaut werden, auch ein 200 Hektar großer Park entsteht. Das sind nicht mehr nur Versprechen, die Zukunft ist jetzt greifbar. Darauf hat Berlin, hat die Region lang gewartet.

Wie wird der Flughafen BER die Region verändern?

Schon heute haben wir im Südosten einen Schwerpunkt der Entwicklung, mit dem Flughafen Schönefeld im Zentrum. Bereits jetzt werden im Landkreis Dahme-Spreewald die höchsten Steuereinnahmen im Land Brandenburg erzielt. Weitere Investitionen kündigen sich an, Tesla ist da nur ein Beispiel. Wenn der BER in Betrieb ist, wird sich diese Entwicklung enorm beschleunigen. Es wird ein neues, viel größeres Zentrum wirtschaftlicher Aktivität entstehen, dessen Dimensionen wir heute noch gar nicht in allen Aspekten abschätzen können. 20 000 Arbeitsplätze am BER und in der Umgebung wird es bereits in einem Jahr geben. In 20 Jahren könnten es nach wissenschaftlichen Gutachten 50 000 Arbeitsplätze sein. Damit würde die jährliche Brutto-Wertschöpfung in der Flughafenregion von drei Milliarden auf acht bis neun Milliarden Euro wachsen.  

Wenn Tegel geschlossen ist und Flüge nur noch vor den Toren der Stadt am BER starten, werden viele Berliner mehr Zeit zum Flughafen brauchen.

Einige werden längere, andere kürzere Wege haben. Aus meiner Sicht ist etwas anderes entscheidend: dass die Region endlich einen Flughafen bekommt, der eine vernünftige Schienenverkehrsanbindung hat, und in dem die Wege vom Bahnhof zum Gate sehr kurz sind. Die Züge halten am BER direkt unter dem zentralen Terminal T1. Die Passagiere müssen nur noch mit dem Aufzug oder Rolltreppen nach oben fahren, dann können sie einchecken. Im Flughafenbahnhof werden im kommenden Jahr stündlich 14 Züge halten.  Ab 2025 gibt es eine weitere Verbesserung, wenn der Neubauabschnitt der Dresdener Bahn im Süden von Berlin in Betrieb geht. Der Flughafenexpress braucht dann nicht mehr 30, sondern nur noch 20 Minuten bis zum Hauptbahnhof. Am BER setzen Berlin und Brandenburg Maßstäbe umweltgerechter Mobilität für ganz Deutschland: 60 Prozent Anteil des Nahverkehrs schon im ersten Betriebsjahr. Mittelfristig werden 70 Prozent der Fluggäste mit Bahn und Bus anreisen.

Bewerbungen werden ab Ende Januar angenommen

Was passiert gerade im Terminal des BER?

Dort sind noch einige Prüfungen des TÜV im Gange. Vor allem laufen die Vorbereitungen für die Inbetriebnahme: Unsere Mitarbeiter machen sich mit den Anlagen und ihren künftigen Arbeitsplätzen vertraut. Der Probebetrieb, bei dem Abläufe und Verfahren konkret getestet werden, wird Ende April 2020 beginnen. Für den Sommer 2020 laden wir dann alle Menschen in Berlin und Brandenburg herzlich ein, als Komparsen dabei zu sein. Dafür brauchen wir 20 000 Interessierte, die uns unterstützen.

Wann kann man sich als Statist für die Generalprobe bewerben?

Voraussichtlich Ende Januar 2020 werden wir die Website, auf der man sich bewerben kann, freischalten.  

Wer darf sich bewerben?

Kinder werden sich aus Sicherheitsgründen noch gedulden müssen – bis der BER tatsächlich in Betrieb ist. Ab 18 Jahren sprechen wir alle Altersgruppen an. Auch diejenigen, die nicht so oft fliegen, die sonst nur selten auf Flughäfen unterwegs sind. Uns geht es darum, die Mitarbeiter auch mit unerfahrenen Fluggästen proben zu lassen, damit wir die Abläufe vor der Eröffnung so gut wie möglich einüben können. Das ist der Kern der Probephase. 

Werden die Komparsen bezahlt?

Jeder bekommt ein Ticket für den Nahverkehr oder einen kostenlosen Parkplatz angeboten und natürlich auch zu essen und zu trinken. Am Ende erhält jeder ein kleines Geschenk als Dankeschön. Für alle wird das ein interessanter und spannender Tag am neuen Flughafen. Und was ein echter Vorteil ist: Alle Komparsen lernen den BER vor allen anderen kennen.  

Aber nicht alle 20 000 auf einmal.

Es wird Spitzentage geben, an denen wir die Abläufe mit größeren Menschenmengen trainieren werden. Doch mehr als 1 500 Personen werden nicht zur selben Zeit im Terminal sein. Für die meisten Tage sieht unser Konzept einige Hundert Teilnehmer vor. Klar ist aber: Es werden alle Prozesse geprobt, vom Check-in und der Beförderung des Gepäcks bis hin zu den Sicherheitskontrollen und zum Einsteigen. Das Einzige, was wir nicht trainieren werden: dass die Tester tatsächlich in echten Flugzeugen vom BER abfliegen werden.  

Werden Sie auch einen Koffer tragen und probeweise am BER einchecken?

Ich werde sicher einmal den ganzen Prozess zu absolvieren, vom Check-in bis zur Gepäckausgabe. Schließlich will ich auch testen, ob alles funktioniert. Und ich will mir das Vergnügen machen, die Atmosphäre beim Probebetrieb mitzubekommen.

Hunderte Fahrzeuge unterwegs auf der Stadtautobahn

Gilt in der Flughafengesellschaft eine Urlaubssperre?

Wir haben Regelungen verabredet, die sicherstellen, dass wir personell gut aufgestellt sind. Darüber haben wir uns schon vor einigen Monaten mit dem Betriebsrat verständigt. Viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten sich über Jahre anhören, dass der BER nicht fertig wird. Jetzt wird er endlich fertig, und ich habe den Eindruck, dass alle dabei sein wollen, wenn der BER in Betrieb geht. Wann erlebt man schon mal, dass ein Flughafen eröffnet wird? Das jüngste Ereignis dieser Art, die Eröffnung des neuen Münchener Flughafens, liegt 27 Jahre zurück.

Sie haben angekündigt, dass der BER am 31. Oktober 2020 öffnet. Warum ausgerechnet an diesem Tag?  

Wir haben die Eröffnung des BER auf den 31. Oktober 2020 gelegt, weil nach Ende der Herbstferien und mit dem ausgedünnten Winterflugplan an diesem Wochenende relativ wenig Flugverkehr erwartet wird. Wir haben vorher die Flugpläne genau analysiert, verschiedene Szenarien geprüft und simuliert. Der 31. Oktober, ein Sonnabend, hat sich als der geeignetste Tag für den Beginn des Umzugs herausgestellt.

Was wird an diesem Tag passieren?

In Tegel und Schönefeld wird der 31. Oktober 2020 ganz normal beginnen, mit Starts und Landungen. Doch später am Tag werden wir etwas Neues erleben: Die letzten Maschinen des Tages werden nicht mehr in Tegel, sondern am BER landen. Diese sogenannten Nightstopper werden dann die ersten Linienflugzeuge sein, die am nächsten Morgen vom neuen BER starten. Die ersten Maschinen, die am BER landen, werden schon am Nachmittag eintreffen, die anderen dann am Abend. Mit diesen Ankünften wird das Terminal T1 des BER in Betrieb gehen, das wird der offizielle Start sein. Die ankommenden Fluggäste werden die ersten sein, die am neuen Flughafen aussteigen und ihr Gepäck in Empfang nehmen. Am 1. November 2020 werden die Flugzeuge, die am Tag zuvor am BER eingetroffen sind, dann ganz normal starten. Das wird der erste Tag mit Starts sein. Ab 6 Uhr morgens geht es los.    

Wird es eine Party mit Politikern und anderer Prominenz geben?

Natürlich wird das ein besonderer Tag – keine Frage. Aber wir werden keine Party veranstalten.

Easyjet gehört zu den ersten Airlines am BER

Wissen Sie schon, welche Airline am BER den Anfang machen wird?

Wer den ersten Flug ausführt, steht noch nicht fest. Wer in der ersten Welle von Tegel zum BER umziehen wird, können wir aber sagen: Easyjet, gemessen an der Zahl der Passagiere die größte Airline in Berlin, ist dabei. Aber auch Gesellschaften mit Widebodies, großen Langstreckenflugzeugen, werden in der Nacht zum 1. November ihre Operations verlagern. Dazu zählen Quatar Airways, Scoot, United Airlines, MIAT und Hainan Airways.  

Der Flughafen Tegel soll in drei Nächten nach Schönefeld umziehen, in der Nacht zum 1. November 2020 geht es los. Wie groß wird der Konvoi sein?

Ich gehe davon aus, dass eine höhere dreistellige Zahl von Fahrzeugen über die Autobahn rollen wird. Viele werden den 27 Kilometer langen Weg aus eigener Kraft bewältigen. Doch es müssen auch zahlreiche Tieflader-Lkw bestellt werden, damit Gepäcktransportwagen, Koffertrolleys, Fluggastbrücken und andere Fahrzeuge, die keinen Antrieb haben, zum BER kommen. Die Konvois werden wohl jeweils die halbe Nacht unterwegs sein.  

Wird die Autobahn gesperrt?

Wenn es notwendig ist, werden wir bei den Behörden beantragen, dass wir die Autobahn in der Nacht einige Stunden lang zur Verfügung gestellt bekommen. Die Logistik wird gerade im Detail ausgearbeitet.

 Wie geht es weiter?

In der Nacht vom 3. auf den 4. November 2020 findet die zweite Umzugswelle statt, unter anderem mit Ryanair und Eurowings. Dann wird eine weitere wichtige Phase beginnen: Die südliche Start- und Landebahn des BER geht in Betrieb, und von diesem Zeitpunkt an wird dort erstmals auf beiden Bahnen geflogen. Der BER und Tegel werden einige Tage lang parallel in Betrieb sein. Mit der Inbetriebnahme der Südbahn gilt der neue Flughafen auch im rechtlichen Sinne als eröffnet. Die Uhr für Tegel beginnt dann zu ticken.  

Wann wird der endgültig letzte Flug in Tegel stattfinden?

Die letzte Umzugswelle ist für die Nacht vom 7. auf den 8. November 2020 geplant. Am Abend werden die Maschinen der Lufthansa-Gruppe, aber auch von Air France, British Airways und anderen Airlines nicht mehr in Tegel, sondern am BER landen. Am 8. November werden noch einige Flüge in Tegel stattfinden, bevor dort dann endgültig Schluss ist. Der 8. November wird auch der Tag sein, an dem wir uns von dem Flughafen verabschieden werden. Wir bereiten etwas Besonderes vor. Es ist uns sehr wichtig, Tegel Danke zu sagen, und wir hoffen, dass möglichst viele Menschen dabei sind.  

Wie sieht das Abschiedsfest aus?

An den Details arbeiten wir noch. Der 8. November 2020 wird für uns und für diese Region ein besonderer Tag, und er wird sicher auch ein festlicher Tag sein. Der Flughafen Tegel hat eine Seele. Viele Berliner hängen an ihm, sie verbinden persönliche Erinnerungen mit ihm. Der Flughafen geht auf die Zeit der Berlin-Blockade 1948/49 zurück. Er ist ein wichtiger Teil der Berliner Geschichte.

Gesamtkosten: rund sechs Milliarden Euro

Werden in Tegel bis 2021 weiterhin Starts und Landungen möglich sein?

Rechtlich muss die Betriebsfähigkeit aufrecht erhalten bleiben. Es wird aber definitiv keinen regulären Flugbetrieb mehr geben. Weder die Deutsche Flugsicherung noch wir haben das Personal, um Tegel und den BER mehr als ein paar Tage lang gleichzeitig zu betreiben. Für einen solchen Parallelbetrieb würden zum Beispiel mehr Fluglotsen benötigt, und unsere Flughafen-Feuerwehr müsste viele zusätzliche Schichten besetzen. All das ist nur für eine sehr kurze Übergangszeit von einigen Tagen möglich.  

Wie viel Geld wird der Flughafen BER am Ende gekostet haben?

Wir gehen unverändert von rund sechs Milliarden Euro Gesamtkosten aus. Darin sind auch 800 Millionen Euro für den Schallschutz enthalten und alle Aufwendungen für die Erschließung. Der BER ist nicht nur das Terminal T1, das lange unser Sorgenkind war. 39 weitere Gebäude gehören dazu.  

Würden Sie darauf wetten, dass der BER wie geplant in Betrieb geht?

Ich bin kein Spieler, der Flughafen ist kein Wettbüro. Der BER wird am 31. Oktober 2020 in Betrieb genommen.

Neun Jahre Verspätung

Engelbert Lütke Daldrup ist seit März 2017 Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB), die Berlin, Brandenburg und dem Bund gehört. Der 63-Jährige ist Stadtplaner, er wurde am Niederrhein als Sohn eines Landwirts geboren und wuchs im Münsterland auf. Stationen seines Berufswegs waren der Senat, die Leipziger Stadtverwaltung und das Bundesbauministerium. Zuletzt war er Flughafenkoordinator des Landes Berlin.                                                                                                  Der Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ sollte 2011 öffnen. Der nächste Termin, der 3. Juni 2012, wurde kurz vorher abgesagt, weitere Absagen folgten. Nun steht der 31. Oktober 2020 auf dem Plan:  Reformationstag, Halloween und  Lütke Daldrups 64. Geburtstag.