Auf Fotopirsch im Flughafen Tegel: Stephan Karl (l.) und Matthias Winkler sind Planespotter.
Foto: Berliner Zeitung/ Matthias Winkler

BerlinKann man von Toiletten schwärmen? Wenn es sich um den Flughafen Tegel handelt, auf jeden Fall. „Die Herrentoilette in der fünften Etage hat exakt die Originalausstattung aus den 1970er-Jahren“, sagt Matthias Winkler begeistert. „Alles in Rot: Waschbecken, Klos, Spülkästen, Türen!“ Alles wie zu Beginn, als der Flughafen, damals der Stolz von West-Berlin, ans Netz ging. Und dann die Damentoilette am Fuß des Treppenturms: In diesem Teil des Gebäudes hat ein Schminktisch die Zeit überdauert, berichtet Winkler. So stellt er sich den entsprechenden Bereich einer Oper vor. „Wo Damen ihre Handtaschen abstellen und den Lidschatten nachziehen“, erklärt der 54-Jährige. „Wenn ich diese Formensprache sehe, dann sage ich: Der Flughafen Tegel ist so retro, er ist einfach genial.“ Die Glasbausteine! Die Bodenfliesen! Die kurzen Wege in Terminal A! 

Keine Frage: Obwohl Matthias Winkler so häufig in Tegel ist, kann ihn das 1974 eröffnete sechseckige Terminalgebäude, das die Keimzelle des innerstädtischen Flughafens bildet, immer noch begeistern. „Für mich ist Tegel ein Musterbeispiel perfekter Architektur“, sagt er. Der Spandauer, der als Energieanlagenelektroniker seinen Lebensunterhalt verdient, steht etwas abseits des berühmten Sechsecks vor der EsS-Bahn und isst eine Currywurst. Er ist unschwer als Fan des Luftverkehrs alter Schule zu erkennen.

Auf seine Kappe hat Winkler das Logo der Modern Air sticken lassen, einer US-Airline, die einst Tegel anflog. Auf seiner Umhängetasche prangt das Emblem der PanAm, einer weiteren Fluggesellschaft, die es schon lange nicht mehr gibt. Seinen Rucksack hat Winkler mit Abzeichen von Laker Airways verziert, die als erste europäische Billigfluggesellschaft gilt. Seine gewichtigsten Accessoires sind allerdings die Spiegelreflexkamera und das Zoomobjektiv, mit denen er heute wieder einmal das Geschehen in Tegel fotografieren wird. Er ist das, was man einen Planespotter nennt.

Wie kommt man dazu, immer und immer wieder Flugzeuge zu fotografieren? Was muss passieren, damit man sich, wann immer es die Zeit erlaubt, mit anderen Fans an Zäunen und auf Aussichtsterrassen drängt? Matthias Winkler hat Stephan Karl mitgebracht, der diese Passion teilt. Karl, 32 Jahre alt und im Brotberuf biologisch-technischer Assistent, ist aus Lichtenberg nach Tegel gekommen. „Ich bin in Hohenschönhausen aufgewachsen, unter der Einflugschneise nach Tegel“, erzählt er. Dass auch der Wartenberger Garten der Familie unter der Flugroute liegt, kam ihm zupass.

Oben bereiteten sich Besatzungen und Passagiere auf die Landung vor, unten stand der junge Fan und drückte auf den Auslöser. Um den Flugzeugen näher zu kommen, beschloss er später, mit der BVG nach Tegel zu fahren. Es waren lange Expeditionen auf einem damals für ihn größtenteils fast unbekannten Terrain. Die Familie war nicht oft im Westen der Stadt. „Seit 14 Jahren bin ich ein- oder zwei Mal pro Woche hier“, sagt Stephan Karl. Fast sein halbes Leben lang kennt er Tegel schon in- und auswendig. Wobei er inzwischen meist mit dem Auto anreist: Er besitzt drei Trabis.

Am Zaun des Flughafens Tegel: Stephan Karl (l.) und Matthias Winkler.
Foto:Berliner Zeitung/ Markus Wächter

„In Tegel gab es eine Fotoposition, da hat man alle getroffen“, erzählt Matthias Winkler. Bis heute erhebt sich am Rand der Cité Pasteur, die bis 1994 eine Wohnsiedlung der französischen Garnison war, der Spotterhügel, von den meisten Spottern nur „der Hügel“ genannt. „Da konnte man über den Zaun hinweg fotografieren. Bis zum späten Nachmittag gab es dort ideale Fotomöglichkeiten.“ Doch seit etwas mehr als zehn Jahren müssen Planespotter eine Leiter mitbringen, wenn sie passable Bilder schießen wollen. Der Grund: „Dort wurde eine Lärmschutzwand hochgezogen.“ Winkler hat aber Verständnis dafür, dass die Barriere gebaut wurde. Generell sei der Lärmschutz bis heute „sträflich vernachlässigt worden“, sagt er. „Hätten Anwohner ihre Rechte genutzt, wären die Berliner Flughäfen ziemlich arm geworden.“

Inzwischen steht Stephan Karl stattdessen öfter mal mit seiner Kamera am Kurt-Schumacher-Damm, in dessen Nähe eine der Tegeler Start- und Landebahnen beginnt. Eine weitere Alternative ist die Besucherterrasse des Flughafens, von der man große Bereiche gut überblicken kann. Aber nicht nur deshalb gilt die Tegeler Terrasse als „weltweit einmalig“, wie Stephan Karl meint: „Sie hat kein Glas, nichts, was die Sicht versperrt.“ Wenn andere Airports überhaupt noch offizielle Aussichtspunkte anbieten, sind sie aus Sicherheitsgründen von Glasscheiben umgeben, die beim Fotografieren sehr hinderlich sein können. Längst nicht jedes Flughafenmanagement habe ein Herz für Planespotter, obwohl sie kostenlose Öffentlichkeitsarbeit leisten.

Matthias Winkler wurde vom Luftfahrt-Virus angesteckt, als in Tegel-Süd noch gebaut wurde. Er hatte das Glück, dass in seiner Charlottenburger Grundschule ein Mädchen eine prominente Mutter hatte: Regina Ziegler. Die Filmproduzentin setzte sich dafür ein, einen Klassenausflug zum Areal des künftigen Flughafens zu unternehmen, erzählt Winkler. Dass die Exkursion im Frühjahr 1974 gelang, noch vor der Eröffnung von TXL, war schon bemerkenswert genug. Vollends beeindruckt waren die Schüler allerdings, als sie erfuhren, mit welchem Fortbewegungsmittel sie die Großbaustelle besichtigen würden. „In einer Convair 990 von Modern Air sind wir über das Gelände gefahren. Mit eingeschalteten Triebwerken! Damals waren Sachen möglich, die einem heute keiner glauben würde.“ Die Fahrt in einem der schnellsten Flugzeuge der Welt, der Blick auf die kraftstrotzenden Triebwerke des Jets, die lauten Geräusche – „das hat mich geprägt“, sagt Winkler. Dass ihm eine Mitschülerin Kaugummi in die Haare klebte, kann er allerdings auch nicht mehr vergessen.

1982 kehrte Matthias Winkler mit einer Rollei 35 nach Tegel zurück, um von dann an regelmäßig zu fotografieren. „Damals war der Flugverkehr allerdings so was von langweilig, dass man keine Lust hatte, mehr als einmal im halben Jahr hier vorbeizukommen.“ Es galt alliiertes Recht, weshalb in TXL nur wenige Airlines präsent waren, davon keine einzige aus Deutschland. Und alle setzten denselben Flugzeugtyp ein: Boeing 737-200. Winkler freute sich, als der Einheitsbrei in den 1990er-Jahren Vergangenheit war.

Der bisherige Höhepunkt seiner Spotter-Laufbahn ließ jedoch bis Juli 2006 auf sich warten. Als Gast in einem offenen Doppeldecker durfte Matthias Winkler das Tempelhofer Flugfeld, auf dem mehr als 300 Maschinen parkten, von oben betrachten. Die kleinen Flugzeuge hatten Besucher zum WM-Endspiel gebracht. „Das war emotional das Maximale.“ 2008 schloss der Flughafen Tempelhof für immer. Am letzten Tag fotografierte Stephan Karl von einem Dachboden hoch über der Oderstraße aus die letzten Flugzeuge.

Als Tempelhof stillgelegt wurde, flossen Tränen. „Die Schließung Tegels wird keine extremen Emotionen hervorrufen“, sagt Karl. In einem gewissen Maße war TXL ein „normaler Flughafen, ohne die symbolische Bedeutung für die Freiheit von West-Berlin, die Tempelhof hatte.“

Am neuen Berliner Flughafen werden es Planespotter schwerer haben. „Die BER-Terrasse ist Mist“, meint Stephan Karl. Sie hat eine Barriere aus Panzerglas. „Man verkantet die Kamera etwas, und schon hat man Spiegelungen.“ Ein weiteres Thema: „In Tegel kommt man an die Hauptstartbahn sehr dicht dran. Dagegen kann man am BER vom Terminal aus die Starts nur ahnen, aber nicht wirklich fotografieren.“ Der Zaun der Südbahn ist eine etwas bessere Position. Aber dort fehlt eine Stadtkulisse wie in Tegel, sagt Karl. „Man sieht grüne Wiese und Funktionsbauten. Aber nichts von Berlin.“