Der Friedrichstadt-Palast.
Foto: camcop media / Andreas Klug

BerlinWas Kitsch ist, darüber kann man füglich streiten. Am lustigsten mit denen, die sich als die Hüter des guten Geschmacks betrachten. Davon gab es in Nachkriegsdeutschland West wie Ost viele, und seit den frühen 1960er-Jahren, seit dem Kollaps der Suche nach einer „nationalen“ Architektur im Sozialismus der DDR, durften sie sich sogar weitgehend einig sein: Die Nachfolge der Klassischen Moderne der 1920er-Jahre ist gut, alles andere ist Kitsch. Also amerikanisch. Denn Amerikaner, darin sind sich deutsche Linke, Rechte und Bildungsbürgerliche seit jeher einig, können gar nichts anderes als Kitsch, also die kommerzialisierende Nachahmung hoher Kunst. Wenn sie nicht gerade Kommerzmusik wie Jazz und Pop spielen, dazu Arbeitsklamotten wie T-Shirt und Jeans tragen statt eines anständigen Anzugs.

Doch in den späten 1970er-Jahren brach dieser Konsens auf, die Postmoderne verkündete, alles sei gleich gut – und der Friedrichstadt-Palast ward geboren. Ausgerechnet in Ost-Berlin, Hauptstadt jener DDR, die lange verklemmte Magazin-Erotik, sittliches Paartanzen und didaktisch wertvolle Mosaik-Comics als Gipfel der Vergnügungslust propagierte. 1984 war es, die Architekten hießen Walter Schwarz, Manfred Prasser und Dieter Bankert. Jetzt endlich steht ihr Werk in der Berliner Denkmalliste. Gratulation. Es ist eine Festarchitektur, mit tollen Glaskunstwerken und witzigen Ideen, ein zutiefst subversiver Bau, der verkündete: Die Grenze zwischen Hochkultur und Unterhaltungskultur, die seit Goethes Zeiten so zentral ist für die deutschen Kulturdebatten, ist Unsinn.

Der Bau zeigte damit letztlich den Sieg des freiheitlichen Amerikanismus über den dogmatischen Sozialismus: Jeder soll sich sein eigenes Glück suchen können. Ohne Angst vor denen, die wissen, was gut und schön und richtig ist. Wenn Honecker das erkannt hätte, wäre dieser Bau nie entstanden.