Die Berliner haben sich anscheinend gut auf den Streik vorbereitet. Am Sonntagmorgen ist die Stimmung auf den Bahnhöfen Spandau und Alexanderplatz entspannt. Weit weniger Reisende als üblich sitzen auf den Bahnsteigen und warten auf die Züge, die trotz des bundesweiten Streiks der Lokführer fahren.

Bereits am Samstag herrschte eine gelassene Atmosphäre: Im Hauptbahnhof werden die Fahrgäste am Vormittag mit kostenlosem Kaffee und Tee empfangen. Eine Mitarbeiterin:sagt "Die Fahrgäste sind alle sehr freundlich." In den vergangenen zwei Stunden habe sie nicht ein böses Wort gehört. Vor den Informationsschaltern bilden sich entgegen aller Vermutungen keine langen Warteschlangen, denn "Umstiegsghelfer", so steht auf ihren roten Jacken, boten den Reisenden Hilfe per Handy an. Eine App zeigt ihnen den aktuellen Fahrplan während des Streiks an, manche fotografieren das Display der Bahnmitarbeiter mit ihrem Handy ab.

Auf der Anzeigetafel im Hauptbahnhof stehen erstaunlich viele Züge, nur wenige Verbindungen fallen offenbar aus. "Wir haben einen Notfahrplan", sagt eine Mitarbeiterin, es klingt recht stolz. Ein Paar aus den Niederlanden wollte an diesem Morgen seine Rückreise nach Amsterdam antreten. Sechs Stunden hätten sie bis dahin gebraucht, sagt der Mann. Erst am Morgen hätte er vom Streik der Lokführer erfahren. Nun hat eine Bahnmitarbeiterin erstmal einen Anschluss bis Duisburg herausgesucht. "Dann sehen wir weiter", sagte der Mann.

Die Bahn zahlt das Hotel

Auch eine ältere Frau benötigt die Hilfe der Bahnmitarbeiter. Sie erzählt, sie sei am frühen Morgen mit dem ICC in Dortmund losgefahren, und wolle von Berlin aus nun weiter nach Dresden, ihrer Heimatstadt reisen. Doch nach Dresden würden während des Streiks keine Züge fahren, erklärt der Bahnmitarbeiter. "Wir haben Ersatzbusse für Sie bereit gestellt", sagt er. Allerdings seien diese restlos ausgebucht. "Wenn sie den letzten Bus nach Dresden um 17 Uhr nicht kriegen, zahlt Ihnen die Bahn die Hotelübernachtung in Berlin", sagt er. Die Frau wirkt leicht genervt, doch was soll sie machen?. Sie geht zu den Bussen. "Ich habe ja Verständnis für den Streik der Lokführer", sagt sie. "Aber warum müssen ausgerechnet die Züge nach Dresden ausfallen?" Die Bahnsteige auf den unteren Etagen des Hauptbahnhofes sind leer, ebenso der S-Bahnhof. Den Reisenden empfehlen die Berater, mit Regionalzügen durch die Stadt zu fahren. Die Fahrgäste wirken entspannt und sehr geduldig, es scheint sich niemand darüber aufzuregen, dass der Streik mitten in die Herbstferien fällt. Und wer am Sonnabend auf den Bahnhof kommt, hat sich sicher schon im Internet informiert, ob sein Zug fährt oder ausfällt

Wesentlich chaotischer ist die Situation am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) am Messedamm. Ein Strom von Menschen mit Rucksäcken, Taschen und Rollkoffern zieht dorthin, an den Haltestellen drängeln die Menschen, wenn ein Bus kommt. Die Routen führen nach Trier, Goslar, Hamburg und Wiesbaden. Eine Frau erzählt, sie habe gerade noch rechtzeitig am Freitag Nachmittag ein Ticket nach Hamburg bekommen. Für sie sei der Streik längst nicht so dramatisch. "ich fahre öfter mit dem Bus, es ist einfach viel billiger als mit der Bahn", sagt sie.

Im gelben Verkaufs-und Wartehäuschen der Firma ADAC Postbus sind die Mitarbeiter gelassen. "Wir sind komplett ausgebucht", sagt ein Mitarbeiter. Vor allem für Fahrten nach Hamburg, München und nach Köln/Bonn gebe es seit Freitag keine Tickets mehr. Dabei sei die Nachfrage schon vor dem Streik sehr groß gewesen, wegen der Herbstferien.

Die Ringbahnlinien S41 und S42 verkehren gar nicht

Auch die Berliner S-Bahn trifft der Streik wieder mit Wucht. Die Ringbahnlinien S41 und S42 verkehren während des zweitägigen Streiks überhaupt nicht, wie ein Bahnsprecher am Samstagmorgen sagte. Auch andere Linien fallen aus, etwa die S25, die S47 und die S75. Züge der S1, S2 oder der S9 fahren in anderer Taktung, und auch in dieser ist mit Lücken zu rechnen. So fährt zum Beispiel die S1 alle 20 Minuten, mit zwei Taktlücken, die S2 nur alle 40 Minuten. Die S3 soll alle 20 Minuten fahren.

Es empfiehlt sich auf jeden Fall, sich vor jedem Fahrtantritt aktuell zu informieren! Lesen hier nach, welche S-Bahnen überhaupt fahren und in welchem Takt.

Wer kann, sollte auf U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ausweichen. Sie sind vom Streik nicht betroffen. Die Bahn verweist außerdem auf die Regionalzüge, von denen viele unterwegs sind

Die Lokführer-Gewerkschaft (GDL) hat am Samstag einen zweitägigen Streik im Personenverkehr der Bahn begonnen. „Betroffen ist der Fern-, Regional- und S-Bahn-Verkehr“, sagte eine Bahn-Sprecherin am frühen Morgen in Berlin. Der Ausstand trifft nicht nur Wochenendpendler, sondern auch viele Urlaubsreisende, weil in neun Bundesländern Schulferien beginnen oder enden. Stimmen aus Politik und Wirtschaft forderten die zerstrittenen Tarifpartner auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Wenige Stunden nach Beginn des bundesweiten Streiks fuhren nach Angaben der Deutschen Bahn rund 30 Prozent der Fernzüge. Wie das Unternehmen weiter mitteilte, lief auch bei der Regional- und S-Bahn der Notverkehr gut an. Der Güterverkehr sei jedoch stark eingeschränkt. Ziel sei es, mit dem Ersatzfahrplan mindestens ein Drittel der Züge auf die Schiene zu bringen. Für gestrandete Reisende stellte die Bahn eigenen Angaben zufolge Hotelzüge in Hamburg, Berlin, Frankfurt und München bereit.

Am Freitag hatte die Bahn ein neues Tarifangebot vorgelegt - ohne Erfolg. Das Unternehmen bat seine Fahrgäste, sich auf der Bahn-Internetseite über die Ersatzfahrpläne zu informieren. Die GDL will mit dem Ausstand den Bahnverkehr in ganz Deutschland lahmlegen und so den Druck auf die Unternehmensleitung erhöhen. Der Güterverkehr wird bereits seit Freitagnachmittag bestreikt. Der gesamte Streik sollte am Montagmorgen um 4.00 Uhr enden, hieß es von der Gewerkschaft.
Die GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn und eine kürzere Arbeitszeit. Außerdem strebt sie die Federführung bei Tarifverhandlungen auch für Zugbegleiter und andere Bahnmitarbeiter an, die bislang von der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vertreten werden.

Bahn-Vorstand Ulrich Weber kritisierte den Streikaufruf der Lokführergewerkschaft scharf. „So kurzfristig und in dieser Dimension sind die Streiks völlig verantwortungslos und an der Grenze zur Irrationalität“, sagte der Manager der „Bild“-Zeitung (Samstag). Weber bemängelte, dass sich die Gewerkschaft trotz des jüngsten Tarifangebots „keinen Millimeter“ bewege.

Der Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser, kritisiert die GDL ebenfalls hart. Er sagte dem Blatt: „Das ist eine riesengroße Verantwortungslosigkeit der GDL. Wenn die Kunden wegbleiben und die Ware nicht ankommt, weil die Bahn nicht fährt, ist das eine absolute Katastrophe für unsere Unternehmen und Beschäftigten.“

Der Streik der GDL stößt bei der Konkurrenzorganisation EVG auf Kritik. Der Ausstand diene nicht dazu, Tarifforderungen zu untermauern, sagte EVG-Chef Klaus-Dieter Hommel am Samstag im WDR laut Mitteilung. Vielmehr handele es sich um eine „Mitgliederwerbeaktion“. Ein Ende des Konfliktes ist nach seinen Worten nicht in Sicht. „Ich gehe davon aus, dass die Situation leider noch weiter eskalieren wird in den nächsten Tagen.“

Der Streik wirkt sich nach Hommels Ansicht auch negativ auf das Verhältnis zwischen den beiden Gewerkschaften aus. Die Stimmung zwischen den unterschiedlichen Mitgliedern werde immer schlechter. Unter anderem würden die am Wochenende arbeitenden Kollegen als Streikbrecher diffamiert, obwohl diese arbeiten müssten, weil sie selbst nicht im Arbeitskampf seien, beklagte Hommel. Er habe Drohnachrichten bekommen.

Die Lokführer verlangen aufs Jahr gerechnet fünf Prozent mehr Lohn bei kürzeren Arbeitszeiten. Kern des Konflikts ist aber, dass die GDL dies nicht mehr allein für die 20.000 Lokführer fordert, sondern auch für rund 17.000 Zugbegleiter und Rangierführer. Die Vertretung dieser Gruppe beansprucht die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) für sich. Die Bahn lehnt konkurrierende Abschlüsse für dieselbe Berufsgruppe ab. (mit dpa)