Das junge Jahr hat schon etliche Tage auf dem Buckel und trägt dazu die Hinterlassenschaften des alten auf den Schultern. Immer noch liegt Weihnachtsgebäck im Schrank, Lebkuchen, Schokolade mit Zimt, Dominosteine. Wie immer gab es zu viel von allem, kamen die Gaben reichlich ins Haus. Weil ich in diesen Tagen häufig an den Bahnhöfen umsteigen muss, an denen Menschen ohne Schränke sich eingerichtet haben, packe ich Tütchen und diese in eine Extra-Tasche.

Am Alexanderplatz, an der Friedrichstraße und am Zoo werde ich sie los. Lege die Süßigkeiten in ausgestreckte Hände, neben feuchte Pappbecher und Gesichter im Halbschlaf. Empfange ein Blinzeln und freundliches Grummeln, empfange dankbare Blicke und gute Wünsche. Und schäme mich.

Schäme mich, weil Geld doch mehr helfen würde oder etwa nicht? Stattdessen reiche ich weiter, was bei uns keiner mehr will. Aus Übersättigung oder geschmacklichen Gründen. Wenn ich keinen Zimt in der Schokolade mag, muss ich sie auch nicht essen. Es gibt ja noch andere Sorten, und wenn ich keine andere habe, kaufe ich mir eben welche. So einfach ist das. Für mich.

Andererseits: Zucker gibt Kraft. Kraft braucht man, wenn man auf der Straße überleben will. Und sind die Sachen dort nicht besser aufgehoben als in vollen Schränken oder gar im Abfall? Oder weiterverschenkt in den genauso vollen Schränken von Nachbarn und Freunden, die selbst nicht wissen, wohin mit den Resten?

Eine Frau mit viel zu dünnem Kopftuch, sie sitzt vor einer Bankfiliale, und ich kenne sie von früheren Begegnungen, strahlt mich an, als sie die Dominosteine entdeckt. Sie hat mehr Lücken als Zähne und ich bin froh, dass Dominosteine wahrscheinlich sogar Säuglinge essen könnten. Dem Mann wenig später fehlt hingegen ein Bein. „Gott segne Sie“, sagt er, und mir kommen die Tränen.

Vor einigen Jahren haben wir mal extra riesige Mengen Plätzchen gebacken und sie in die Bahnhofsmission gebracht. Mit dieser Gabe habe ich mich wohler gefühlt, da ich überhaupt nicht gerne backe und nur knallharte Disziplin und viele warme Gedanken mich die Stunden mit klebrigen Fingern haben durchstehen lassen. Ich habe Zeit verschenkt. Die Tütchen hingegen waren schnell gepackt und auch wenn ich weiß, dass das für die Empfänger keine Rolle spielt, werde ich bei der nächsten Übergabe ein kleines Gespräch anfangen. Nicht über Scham, aber vielleicht über Zimt und warum der immer nach Weihnachten schmeckt.