Der größte Schiffslift Deutschlands – Desaster oder Zukunftshoffnung?

Das Schiffshebewerk Niederfinow nördlich von Berlin ist fertig. Es wurde mit 520 Millionen Euro doppelt so teuer wie geplant. Aber es ist ein Mosaikstein für eine grünere Zukunft.

Farbenprächtig leuchtet der Himmel zum Sonnenuntergang hinter dem alten (l) und dem neuen (r) Schiffshebewerk Niederfinow. Die Dimensionen des neuen Schiffshebewerks sind gewaltig.
Farbenprächtig leuchtet der Himmel zum Sonnenuntergang hinter dem alten (l) und dem neuen (r) Schiffshebewerk Niederfinow. Die Dimensionen des neuen Schiffshebewerks sind gewaltig.dpa

Es ist vollbracht. Der 4. Oktober 2022 ist ein guter Tag für die deutsche Binnenschifffahrt. Das mag wie ein Nischenthema für Fans von Güterschiffen klingen, ist aber ein Hoffnungsschimmer in Zeiten des Klimawandels. Der Grund: Das aktuell größte und teuerste Neubauprojekt an einer deutschen Wasserstraße ist vollendet. Am Dienstag wird das neue Schiffshebewerk Niederfinow am Oder-Havel-Kanal offiziell eröffnet. Der Bau ist nötig, weil es in der weiten platten Landschaft Nordbrandenburgs eine 36-Meter-Anhöhe gibt, die die Güterschiffe mit diesem Schiffslift überwinden können. Mit dem neuen und größeren Schiffshebewerk können nun noch viel größere Schiffe von der Ostsee aus ihre Waren nach Berlin bringen.

Güterschiffe sind eine sinnvolle Alternative zu Lastwagen, die mit fast 73 Prozent den Güterverkehr in Deutschland noch immer dominieren. Es ist fatal, dass hierzulande fast alle Waren trotz aller Krisen weiterhin von riesigen Lkw-Flotten transportieren werden. Jeden Tag rollen etwa 1,3 Millionen Laster über deutsche Autobahnen. Doch inzwischen haben wohl die meisten erkannt, dass die endlosen Schlangen der Brummis im Dauerstau ein ökologischer Problemfall sind.

Das elegante Schiffshebewerk bei Niederfinow kann helfen, die deutsche Gesellschaft wieder ein Stück mehr von ihrer chronischen Diesel-Abhängigkeit zu befreien. Denn es gibt Motorgüterschiffe, die bis zu 3000 Tonnen transportieren können – sie ersetzen damit immerhin 150 Lkw. Das ist auch deshalb wichtig, weil sich nicht mal mehr genügend Billiglohnarbeiter aus Osteuropa finden lassen, die die Lastwagen durch Deutschland lenken. Es geht also um das gute alte Motto, mehr Verkehr von den Straßen aufs Wasser und auf die Schienen zu verlagern. Nun aber wirklich.

Leider gehört auch das neue Schiffshebewerk zu den desaströsen Großprojekten, bei denen sich die Bauzeiten immer weiter gestreckt haben und die Kosten in die Höhe schossen. Das Schiffshebewerk wurde acht Jahre später fertig als geplant, der Preis hat sich mit 520 Millionen Euro fast verdoppelt.

Jeder Bau ein Unikum

Der Bau-Irrsinn nimmt inzwischen absurde Formen an. Drei Beispiele: Der Bahnhof Stuttgart 21 sollte 2,6 Milliarden Euro kosten. Das klingt schon recht teuer für einen Bahnhof, doch nach aktuellen Zahlen werden es fast zehn Milliarden sein. Bei der schön anzusehenden Elbphilharmonie in Hamburg waren 77 Millionen Euro eingeplant, nun sind es wohl 866 Millionen. Beim BER stiegen die Kosten von 1,9 Milliarden Euro auf sieben Milliarden.

Der Vergleich von Flughafen und Schiffshebewerk ist wichtig. Denn beim BER geht es „nur“ um Abfertigungshallen und Landepisten. Die sind sicher anspruchsvoll zu planen und zu bauen. Aber Flughäfen entstehen weltweit regelmäßig. Dagegen ist jedes Schiffshebewerk ein Unikat. 

Trotzdem ist es ärgerlich, wenn die Kosten steigen und steigen. 520 Millionen Euro sind mächtig viel Geld. Gleichzeitig kann nun, zur Eröffnung, auch von Glück gesprochen werden, dass der Schiffslift fertig ist. Würde das Projekt heute in Planung gehen – in Zeiten von Krieg, von explodierenden Preisen und von Fachkräftemangel –, würde das Bauwerk wohl mit einer Milliarde Euro veranschlagt, sagen Fachleute.

Trotz der Negativschlagzeilen ist es ein Bauwerk für die Zukunft, das viele Jahrzehnte seinen Dienst tun soll. Die multiplen Dauerkrisen sprechen eindeutig für den Schiffsverkehr. 

Es ist Zeit, endlich umzudenken. Ein Mosaikstein für eine echte Güterverkehrswende steht in Niederfinow.