Bernau - Heutzutage heißt es oft: Teilen ist das neue Besitzen. Gemeint ist, dass die Leute sich nicht unbedingt einen Motorroller oder ein Elektroauto kaufen müssen, um ab und an mal kurz durch Berlin zu düsen. Früher konnten sie sich ein Fahrzeug mieten – meist ging das nur für einen ganzen Tag, heute aber können sie sich die Dinger bei einer Sharing-Firma  sogar minutenweise ausleihen. Das ist die neue Zeit – und da ist es  nicht verwunderlich, dass seit einiger Zeit auch  Wohnmobile geteilt werden. Der bundesweit erste und größte Anbieter namens „Paul Camper“ sitzt in Bernau (Barnim).

Kurze Hose im Büro

Dirk Fehse hat die Firma vor vier Jahren gegründet, und inzwischen ist der 35-Jährige   der Chef von 30 Mitarbeitern. Aber er ist kein klassischer Anzugträger, sondern jemand, der auch im Büro kurze Hose und T-Shirt bevorzugt. Er sieht aus, als würde er gleich mit dem 30 Jahre alten grünen VW-Bus einer Mitarbeiterin vom Hof fahren. „Es ist für mich die beste Art zu reisen“, sagt er.  „Ich brauche nicht viele materielle Dinge: den Camper, einen Kocher, ein Bett, zwei Campingstühle. Ich bin draußen in der Natur – mehr brauche ich nicht zum Glück.“

Aber ist die eigene Urlaubsvorliebe ein ausreichender Grund, um darauf eine Firma zu begründen?

Passt in den Zeitgeist

Durchaus, findet Fehse. Denn zum einen spiegelt die Firmengeschichte einen wichtigen  Teil seines Lebens wider  – und die ist  eine Geschichte, in der das Scheitern eine entscheidende Rolle spielt. Aber zu allererst  beruht die Sache auf einer einfachen und bestechenden Idee und passt gut in den Zeitgeist. Denn die Firma bringt übers Internet einfach zwei Seiten zusammen, und beide profitieren auch noch davon. Auf der einen Seite sind die Besitzer der Wohnmobile, auf der anderen die Urlauber.

Fehse erzählt, dass es bundesweit etwa eine halbe Million solcher Fahrzeuge gibt. „Die werden von den Besitzern meist nur im Urlaub genutzt und stehen 90 Prozent des Jahres ungenutzt rum.“ Also können sie auch vermietet werden.

Anders als bei Airbnb

Das ist durchaus etwas anderes als beispielsweise bei der inzwischen massiv kritisierten US-Firma Airbnb. Die bietet nach eigenen Angaben weltweit zwei Millionen Wohnungen in 190 Ländern zur Vermietung an. Das Geschäftsmodell ist hoch umstritten, weil zum Beispiel in Berlin viele Eigentümer ihre Wohnungen lieber über die Plattform an Urlauber vermieten als an die vielen wohnungssuchenden Berliner. Das sorgt dafür, dass der Wohnungsmarkt immer weiter überhitzt.

Beim dem Geschäftsmodell mit den Wohnmobilen gibt es einen entscheidenden Unterschied, denn es wird niemandem etwas weggenommen, und aus dem Profit einzelner entsteht kein gesellschaftlicher Notstand.

30 Prozent billiger

Die Sache hat durchaus einen sympathischen ökonomischen Aspekt. Denn es profitiert nicht eine Firma, die sich  erst einen großen Fuhrpark anschaffen  und deshalb hohe Preise verlangen muss. Hier verleihen  Privatleute an  Privatleuten und die zahlen  weniger, als bei einer professionellen Vermietung. Fehse sagt, dass es etwa 30 Prozent billiger ist. „Bei Firmen kostet ein Supercamper schon mal 150 Euro am Tag“, sagt er. „Dazu kommen die Kosten für Sprit und den Stellplatz.“ Auf ihrer Internetseite gibt es Camper ab 59 Euro, der Durchschnittspreis sei  85 Euro.

Auch Fehse bietet noch immer seinen eigenen VW-Bus auf der Seite an –  Baujahr 1999, Farbe weiß. „Den habe ich  damals Paul getauft“, erzählt er. So hießen beide Großväter von ihm. Später wurde Paul der Namenspatron für die Firma.

Die große Lebenskrise

Alles begann mit einem großen Ausbruch aus dem Alltag. Fehse, geboren in der Nähe der südbrandenburgischen Stadt Herzberg, war eigentlich von Haus aus kein Campingfreund, aber dann als zielstrebiger BWL-Student wollte er mal weg und machte  ein Auslandssemester in Australien. Dort  studierte er nicht nur, sondern wollte das Land erkunden. Er besorgte sich einen Camper, und fuhr damit 17074 Kilometer. „Es war einfach ein geiles Gefühl.“

Nach seinem Studienabschluss bekam er schnell einen Job bei einer der weltweit größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und war ständig im Stress.  „Ich war erfolgreich, aber nicht glücklich“, sagt er. Irgendwann kam die große Sinnkrise, auch seine Beziehung zerbracht. Er kündigte.

Expansion in andere Länder

„Im Nachhinein war es gut, gegen die Wand gelaufen zu sein“, sagt er. Denn er hatte sich einen Kleintransporter zum Wohnmobil umgebaut – immer mit der Absicht, ihn zu vermieten, wenn er ihn selbst nicht brauchte. Das ging drei Jahre so. „Paul war jeden Februar für den Rest des Jahres ausgebucht und nach drei Jahren refinanziert“, erzählt er. „Ihn zu vermieten, war damals schon echte Arbeit, und ich merkte zum ersten Mal, dass Arbeit Spaß machen kann.“

Die Idee für die Firma war geboren. Heute hängt in einem Büro der Firma ein hoch kompliziertes Diagramm mit 17 Schritten, die unsichtbar für die Kunden ablaufen: von der  Anfrage im Internet bis zur Vermietung. Heute sitzen dort auch zwei Holländer, denn die Firma expandiert gerade in die Niederlande und nach Österreich. Erste Wagen werden auch  in Lissabon angeboten, auf Mallorca und Sardinien. Auf der Internetseite sind etwa 1400 Camper dabei. „Wir sind fast immer ausgebucht“, sagt Fehse.  Nun merkt  man doch, dass der Mann in den kurzen Hosen ein echter Geschäftsmann ist. „Paul darf ruhig weiter wachsen“, sagt er. „Paul muss sogar wachsen. Paul darf ruhig der größte Anbieter in  Europa werden.“