BerlinZu Wolfgang Zimmer steigt man Treppen oder nimmt den Aufzug, dann steht man unter dem Dach der Rosenhöfe in Mitte. Zimmer ist ein bekannter Friseur, einer, bei dem sich auch Sharon Stone, Linda Evangelista oder Vivienne Westwood schon die Haare haben machen lassen. Der Friseur residiert also nicht nur in zentraler Lage über den Dächern der Stadt, sondern er steht auch an der Spitze seiner Branche - und ist er gerne bereit, über ihre Trends und die Lage der Friseure Auskunft zu geben.

Mit Corona sind die Möglichkeiten erstmal eingeschränkt. An diesem Tag ist er ganz allein zwischen den vielen Waschbecken. Es ist Montag, Ruhetag also, aber auch sonst ist zurzeit einfach weniger los. 

Es steht eine ganz schöne Menge auf dem Spiel für Wolfgang Zimmer in dieser Pandemie-Zeit. Um zu beschreiben, was seinen Erfolg ausmacht und worauf er Wert legt, erzählt er eine Geschichte über Hollywood-Ikone Barbra Streisand. Die Frau mit der markanten Nase habe nie versucht, irgendetwas zu kaschieren. Sie stehe zu sich. „Ich möchte, dass meine Kundinnen von sich sagen, dass sie ein toller Mensch sind. Und das möchte ich durch meinen Haarschnitt unterstützen. Ich möchte jedem seinen eigenen Trend geben“, sagt Zimmer. Das ist schon sehr speziell.

Die Haare von Eva Padberg und Alexandra Kamp

Barbra Streisand zählt nicht zu Wolfgang Zimmers Kundinnen. Als kluger Geschäftsmann schweigt der international gut vernetzte 56-Jährige zu Namen. Diskretion schaffe Vertrauen und Wohlfühl-Atmosphäre, und das seien harte Währungen für Friseure. Wer in seinem Laden nicht gesehen werden will, dem verhilft er durch eine Hintertür nach draußen, in die Corona-bedingt im Moment so ungewöhnlichen stillen Rosen- und Hackeschen Höfe, durch die normalerweise pulkweise Touristen und seltener auch Berliner schlendern.

Wer sich aber ein bisschen umtut, erfährt rasch, dass Wolfgang Zimmer im Laufe der Jahre und Jahrzehnte prominente Stammkundinnen gewonnen hat, wenn diese einen Termin in Berlin haben – aus Deutschland lassen sich etwa Eva Padberg und Alexandra Kamp die Haare von ihm machen.

Zu den intensivsten Tagen im Jahr zählen für Zimmer die zehn Tage Berlinale. Ähnliches galt bis zuletzt für die Fashion-Week mit ihren vielen dezentralen Schauen. Zimmer ist normalerweise oft bei Mode-Shootings für Prada, Jil Sander oder Boss überall in Europa unterwegs, außerdem gestaltet er Haarshows für einen großen französischen Konsumgüterkonzern und gibt als Dozent Kurse an der Universität der Künste und Seminare im In- und Ausland.

Es gab eine Zeit, da galt Wolfgang Zimmer als bester Friseur Deutschlands. Das war im Jahr 2000, als er in Paris besser schnippelte und frisierte als 900 Mitbewerber und die Color Trophy gewann, damals so etwas wie der Oscar der Branche. Da war Zimmer längst etabliert im Westen Berlins, in den er 1981 aus Köln gezogen war. „Der Liebe wegen“, sagt er. Nach einem kürzeren Ausflug nach London ließ er sich in Berlin nieder und eröffnete an der Fasanenstraße/Ecke Hohenzollerndamm seinen ersten eigenen Salon. 1988 war das. Auch damals schon war es kein ebenerdiges Ladengeschäft, sondern eines im Obergeschoss. Er mag die Abgeschiedenheit, die Ruhe, sagt er.

Ich tue alles dafür, dass ich das Geschäft nicht wieder schließen muss.

Wolfgang Zimmer

Diese Idee eines abgeschlossenen Refugiums hoch über dem  Trubel der Straße hatte Zimmer vor Augen, als er Anfang des Jahrtausends neue Räume in Berlin suchte. Dass es die 640 Quadratmeter unter dem Dach der Rosenhöfe wurden, empfindet Zimmer nach eigenem Bekunden bis heute als Glücksfall. Er war Erstmieter und konnte deshalb bei der Einrichtung viel mitentscheiden. „Ich wollte keine Kompromisse eingehen“, sagt er. 2002 ging es los.

Entstanden ist ein kleines Frisierreich mit einer langen Reihe Wasch- und Färbeplätzen, Räumen für Visagisten, Kosmetik und Wellness, einer VIP-Lounge, einem Seminarraum und einer Terrasse. Also all dem, was einer braucht, der sich nicht nur als Haareschneider versteht, sondern von einer „emotionalen Beratung“ spricht. Einer, der mancher Kundin sogar die Kleidung aussucht, bei Designern oder in Geschäften. Im Gespräch berichtet Zimmer von seiner „stylistischen Ausbildung“. Er lese die Kleidung, die ein Designer entwirft, sagt er. „Ich weiß zum Beispiel, wenn das Knopfloch aus dem Biedermeier stammt und der Kragen aus den 70-ern.“

Sehnsucht nach Gewissheit und Sicherheit

Jetzt, in Zeiten von Corona, konzentriert er sich mit seinen rund drei Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf die Arbeit im Salon. Was sonst etwa 50 Prozent seiner Arbeit ausmacht, steht nun, während der Pandemie, stark im Vordergrund. Das bedeute auch, dass er sich immer wieder Gedanken darüber mache, wie er das Geschäft unter Hygieneaspekten noch verbessern könne. Dazu gehört es, dass jeder nur einzeln eingelassen wird und an den Wasch- und Schneideplätzen viel Freiraum bleibt. „Ich tue alles dafür, dass ich das Geschäft nicht wieder schließen muss“, sagt er.

Erst im Oktober hatte Zimmer nach Monaten wieder seinen ersten auswärtigen Job, ein Fotoshooting in Dresden. Jetzt liegt wieder alles brach. Doch anders als im März, kann wenigstens der Laden geöffnet bleiben. Zimmer hat viele Stammkunden, die schon seit Jahrzehnten zu ihm kommen. Die Preise – ein Haarschnitt kostet 60 bis 120 Euro, je nach Zeitaufwand – bedingen, dass viele nur alle zwei bis drei Monate kommen. Dennoch ist er bis Anfang Januar ausgebucht.

Dennoch sind die Erfahrungen der vergangenen Tage seit Beginn des Lockdown-light auch für Zimmer bedrückend. Bei ihm fällt die gesamte Kosmetik-Abteilung flach: Pediküre, Maniküre, Massage. Und bei seinen Kunden stellt er Ängstlichkeit und Vorsicht fest. „Kein Wunder, wenn man den Leuten sagt, wir sollten lieber alle besser zuhause bleiben.“

Dabei ist Wolfgang Zimmer doch so gerne ein aufmerksamer Beobachter, einer, der einen Trend setzen möchte. Und da gebe es viele, sagt er. „Der große Corona-Trend ist die Eigenwilligkeit“, sagt er. Aber es gehe weg vom Schmuddeligen. Die Menschen hätten Sehnsucht nach Gewissheit und Sicherheit nach außen. Sie wollten nicht mehr austauschbar sein.