Der große Weihnachtsstreit: Heißt es nun „der Stollen“ oder „die Stolle“?

Gebräuche und Traditionen zum Fest unterscheiden sich nicht nur regional. Jede Familie hat eigene Rituale.  Und auch die Erinnerungen sind sehr unterschiedlich.

Heißt es nun „der Stollen“ oder „die Stolle“? Egal, Hauptsache es schmeckt. Dresden hat sogar ein Stollenmädchen. Es heißt Lisa Zink und macht eine Ausbildung zur Bäckerin.
Heißt es nun „der Stollen“ oder „die Stolle“? Egal, Hauptsache es schmeckt. Dresden hat sogar ein Stollenmädchen. Es heißt Lisa Zink und macht eine Ausbildung zur Bäckerin.Robert Michael/dpa-

Neulich erzählte ich ein bisschen was über Weihnachtspäckchen. Worauf ein Leser schrieb, ich soll den Leuten solche „abgeschmackten, weinerlichen Storys über herrliche Westklamotten und duftende Westpakete für die darbenden DDR-Bürger“ ersparen. Ich habe noch mal genauer nachgeguckt und nichts dergleichen entdeckt. Neben Anekdotischem über Westpakete ging’s ja auch um Südpakete (aus Thüringen nach Berlin) und Ostpakete (vom Osten in den Westen).

Offenbar wurden zeitweilig pro Kopf sogar mehr Pakete vom Osten in den Westen geschickt als umgekehrt. Bis 1960 waren es fast 18,6 Millionen Päckchen. Später sandte man von Ost nach West vor allem Dinge wie Bücher, Kalender, Kunstgewerbliches wie Nussknacker und Schwibbögen, umhäkelte Decken und gebackene Stollen, wie die Historikerin Konstanze Soch herausfand.

Bergwerksstollen oder gewickeltes Jesuskind

Ich erwähnte jüngst, dass ich als jobbender Student auf dem Leipziger Postamt erlebte, wie sehr viele längliche Pakete „nach drüben“ geschickt wurden. Es waren Hunderte Dresdner Stollen. Ein Mann stand unten an der Palette, einer oben auf dem Lkw, mit dem sie transportiert werden sollten. Und man warf sich die Stollen-Pakete munter zu. Es ging hopp und fluiiii und flopp.

Da fällt mir ein – und jetzt wird es mal wieder sprachlich –, dass man als echter alter Berliner nicht „der Stollen“ sagt, was aus dem althochdeutschen Wort „stollo“ stammen und „Stütze“ oder „Pfosten“ bedeuten soll. Mit solchen waren einst auch die Bergwerksstollen abgestützt. Mit viel Fantasie kann man im Stollenlaib einen Berg sehen, und wenn man mit dem Finger hineinpikt, hat man einen kleinen Bergwerksstollen für Ameisen. Manchmal nisten sich auch Ohrenkneifer dort ein, was ich einmal vor vielen Jahren bei einem überalterten, ausgetrockneten Stollen erlebte. Andere Leute wiederum erinnert die Form des Gebäcks an das gewickelte Jesuskind. Heute spricht man von „Pucken“, wenn man ein Baby sehr eng wickelt.

In Berlin sagt man: „Willst’n Stück Stolle?“

Der Berliner sagt also nicht „der Stollen“, sondern „die Stolle“ – obwohl das mitunter einen Kulturstreit auslöst. Denn wie bei vielen Worten gibt es hier eine klare Scheidung zwischen Nord und Süd. Allerdings: Auch die Nuppel an den Sohlen der Fußballschuhe nennen sich Stollen. Und der Fußball ist wohl vielen Herthanern und Unionern wichtiger als irgendein Bergwerk und das Jesuskind.

„Willst’n Stück Stolle?“, heißt es in Berlin zu Weihnachten. Das Wort flutscht viel besser über die Berliner Zunge, die ja auch schon die „Stulle“ gewöhnt ist – eine Teigscheibe ganz anderer Art. So manches Wort endet auf „ulle“, etwa „Lulle“, „Pulle“ und „Schulle“. Und nicht wenige auch auf „olle“. Angefangen bei „meene Olle“, gefolgt von der „kessen Bolle“, die sich manchmal „ooch amesiert wie Bolle“, über die „Molle“ (das Bier), die wilde „Tolle“ oder die dicke „Knolle“. Die hat man im Gesicht oder anderswo.

Und übrigens, um gleich dem Familienstreit mit den angereisten Verwandten entgegenzuwirken: Man kann beides sagen: „der Stollen“ und „die Stolle“.