Steven M. hat bei seinen Taten auch die Adresse seiner Anwältin Pamela Pabst benutzt.
Pressefoto: Olaf Wagner

BerlinDas Facebook-Profil von Steven M. liest sich wie das eines erfolgreichen Geschäftsmannes: Produktionsleiter einer Firma, die große TV-Events produziert, Inhaber und Geschäftsführer von „Glanz & Gloria“, einer Firma für Hochzeitsplanungen. Ein anderes Unternehmen will  Steven M. verkauft haben – an einen arabischen Großkonzern. Auch sein Werdegang scheint makellos: Besuch des Humboldt-Gymnasiums in Tegel, Abitur mit 1,0. Steven M. war Musicaldarsteller, er hat an der Humboldt-Universität studiert und in Hamburg die Studiengänge Tanzen, Singen und Schauspiel absolviert. Als Wohnort gibt er Königswinter an. Sein Lieblingsbuch trägt den Titel: „Das 1x1 des Immobilien-Millionärs“.

Steven M. reiste viel ins Ausland. Er ließ sich mit gemieteten Luxuslimousinen durch Deutschland fahren. Er hielt im brandenburgischen Guben, wo er vorgab, mal auf die Schnelle ein Hotel für 2,5 Millionen kaufen zu wollen. Der Chauffeur fuhr ihn ins nordrhein-westfälische Königswinter, wo er sich eine zum Verkauf stehende Villa ansah. 4,2 Millionen Euro sollte sie kosten. Für Steven M. kein Problem. Er überwies scheinbar bereits die 149.000 Euro Gebühr an den Makler. Die Leute hätten gestaunt, wenn er aus dem Auto gestiegen sei, sagt Steven M. heute. „Schau mal, ein Millionär“, hätten sie beeindruckt gesagt. Und der Anblick der von einem livrierten Chauffeur aufgehaltenen Tür eines superteuren Wagens erstickte offenbar jegliches Misstrauen im Keim.

Doch Steven M.s Zuhause ist keine pompöse Villa in Königswinter, diesem Eldorado der Prominenz. Steven M. ist seit mehr als drei Monaten auf noch nicht einmal zehn Quadratmetern untergebracht – in einer Zelle der Untersuchungshaftanstalt Moabit. Vor dem Berliner Landgericht muss er sich wegen Betrugs in mehr als 50 Fällen verantworten. Die Taten hat er zugegeben. Steven M. ist ein Blender, ein Hochstapler. Und an diesem Dienstagnachmittag hat er dafür vor Gericht die Quittung bekommen. Vier Jahre muss er wegen Betrugs in 22 Fällen und Computerbetrugs in vier Fällen ins Gefängnis. So viel hatte auch der Staatsanwalt gefordert. Zudem wird der Einzug von fast 50.000 Euro angeordnet.

Steven M. ist ein untersetzter Mann von 32 Jahren. Er zeigt sich vor Gericht durchaus wortgewandt. Eloquent reden, die Leute beeindrucken, das ist eine der Stärken von Hochstaplern. Auch Steven M. brillierte darin. Sein Talent zum Selbstdarsteller entwickelte er schon in jungen Jahren. Mit elf soll er einer älteren Dame 1000 D-Mark gestohlen haben. Das Geld verwendete er nicht für sich. Er lud Freunde aus seiner Klasse ein. Mit einem Taxi fuhren sie durch Berlin. Dann hielt er seine Klassenkameraden großzügig im damals noch geöffneten Spreepark aus. „Es gefiel ihm, den großen Zampano zu spielen“, sagt ein Polizeibeamter vor Gericht, bei dem Steven M. eine zehnstündige Lebensbeichte abgelegt hat.

Nach der Schule machte er eine Lehre zum Veranstaltungskaufmann. Doch seinen Lebensunterhalt hat er in diesem Beruf nie verdient. Er bezog Hartz IV, lebte von seinem Dasein als Möchtegern-Millionär. Er führte ein Leben in Saus und Braus und bezahlte keinen Cent dafür. Mehrmals schon wurde er zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Zuletzt kam er im August 2018 auf freien Fuß. Das Gefängnis hat ihn nicht geläutert. Schon zwei Wochen später versuchte er sich erneut als Lebemann. Warum sollte es anderen besser gehen als ihm?, begründete er in seinem letzten Statement vor Gericht seine Motivation.

Die Staatsanwaltschaft warf Steven M. vor, mit seinen Betrugstaten zwischen September 2018 und Ende Mai dieses Jahres einen Schaden von Zehntausenden Euro verursacht zu haben. Er hat alle Vorwürfe gestanden. Mal buchte er Reisen, Flüge oder Hotelzimmer, mal kaufte er über das Internet Karten für Konzerte und Theatervorstellungen, dabei gerne auch mal mehrere am Stück, um sie großzügig an Bekannte zu verschenken.

Stets gab er dabei einen falschen Namen und die Kontodaten Dritter an. So nannte er zur Zahlung durch Lastschrifteinzug auch schon mal die Kontoverbindung der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) oder der Kosteneinziehungsstelle der Berliner Justiz. Auch seinen einstigen Anwalt verschonte er nicht. So reiste er auf Kosten anderer unter anderem nach Grand Canaria und in die Türkei.

Wenn das Geld von den wahren Kontoinhabern zurückgebucht worden war, schickte er einen Screenshot von einem gefakten Überweisungsnachweis an die Veranstalter, die letztlich auf den Kosten der Reise sitzen blieben. Dreimal bestellte der Angeklagte für längere Zeit einen Chauffeurservice und Luxuslimousinen. Dafür blieb er den Firmen Zahlungen zwischen 4900 und 12.000 Euro schuldig. Einmal versprach er der Berliner Aids-Hilfe einen 1,5-Millionen-Euro-Scheck. Im Gegenzug wollte er auf der Aids-Gala eine Rede halten – als „erster Millionenspender“. Dann wiederum soll er als rettender Investor mit Hamburger Honoratioren über die Zukunft des Kabaretts Pulverfass gesprochen haben.

Pamela Pabst, die Anwältin von Steven M., sagt, es sei für ihren Mandanten toll gewesen, sich durch ganz Deutschland chauffieren zu lassen und andere damit zu beeindrucken. Es sei für ihn interessant gewesen, die Leute auszutricksen. Er habe dadurch Reisen gemacht, die er sich sonst nicht hätte leisten können. Für seinen Betrug habe er überwiegend frei zugängliche Kontodaten genutzt. „Ich bin erstaunt, wie leicht es ihm gemacht wurde“, sagt die Juristin.

Doch auch im Gefängnis ließ er seinen „Fähigkeiten“ freien Lauf. Als er in Plötzensee seine bisher letzte Haftstrafe absaß und dort eine Disziplinarstrafe aufgebrummt bekam, rief er im Kriminalgericht in Moabit an. Er gab sich am Telefon als Richter aus und verlangte, mit einem Verantwortlichen in der JVA Plötzensee verbunden zu werden. Der so Angerufene sah auf dem Display seines Telefons die Nummer vom Kriminalgericht, er bekam von dem angeblichen Richter die Order, die Disziplinarmaßnahme gegen Steven M. sofort zurückzunehmen. Was auch geschehen sein soll. Nur, dass den Betrüger am Ende doch das Pech ereilte: Bei einer Theateraufführung, in der Steven M. mitspielte, kam dem Beamten, der von dem angeblichen Richter instruiert worden war, die Stimme des Häftlings auf der Bühne sehr bekannt vor.

Die Anwältin von Steven M. ist etwas ratlos, wie es mit ihrem Mandanten weitergehen soll. Sie sagt, Menschen, die massiv Betrug begingen, seien extrem schwer zu therapieren. Der Betrug sei bei ihnen schon Teil der Persönlichkeit geworden. Ihr Mandant habe ihr gesagt, dass er sein Dasein als Betrüger gerne überwinden, eine Therapie machen wolle. Sie glaube ihm. Der Vernehmungsbeamte von Steven M. hat eher skeptisch reagiert. Der Angeklagte habe ihm erklärt, wenn die Justiz nichts gegen seine Betrugsabhängigkeit unternehme, dann werde er weitermachen.

Zumindest jetzt muss der Hochstapler eine Pause einlegen. Er gibt sich in seinem Schlusswort erstaunlich nachdenklich. Nach der Verbüßung seiner Strafe werde er alles in allem 15 Jahre seines Lebens „für nichts und wieder nichts“ im Gefängnis vergeudet haben, sagt er. „Fast so lange wie ein Mörder.“