Berlin - Wie sehr die Welt derzeit aus den Fugen ist, zeigt sich auch daran, dass Homeschooling nun für manche die große Rettung darstellt. Dabei ist Homeschooling doch in Deutschland verboten. In anderen Ländern ist es erlaubt. Dort sind es meist religiös geprägte Eltern, die sich berufen fühlen, ihre Kinder selbst zu Hause zu unterrichten, statt sie in die von ihnen verpönten öffentlichen Schulen zu schicken.

In Deutschland aber gilt die allgemeine Schulpflicht – und deren Kern ist die Anwesenheitspflicht in Schulen. Doch die Schulen sind nun wieder dicht. Das ist nicht zwingend logisch. Denn es existieren kaum Studien, die belegen, dass sich kleine Kinder in Grundschulen anstecken. Vertreter der Kinderärzteschaft und der Lehrerverband fordern nun die möglichst schnelle Rückkehr zum Präsenzunterricht. Und so mancher Virologe sagt, dass Schulschließungen nicht wissenschaftlich begründet seien, sondern politisch gewollt.

Homeoffice und Homeschooling passen nicht zusammen

Deshalb müssen viele Eltern nun wieder Lehrer sein. Das wäre nicht so schwierig, wenn sie dafür von ihrer Arbeit freigestellt wären. Dann könnten sie sich abends mal schnell in Didaktik weiterbilden, um das frisch Gelernte dann am nächsten Morgen an der heimischen Küchentischschulbank auszuprobieren.

Aber sie sind nicht freigestellt, sie müssen arbeiten. Wenn sie Glück haben, sitzen sie nicht an der Supermarktkasse, arbeiten nicht im Straßenbau oder bei der Polizei, sondern am heimischen Schreibtisch. Doch auch das ist nicht leicht.

Es gibt Eltern, die nun stundenweise Privatlehrer engagieren oder die ihre Kinder vor dem Computer parken. Denn es ist nun mal ein weitverbreiteter Irrglaube, dass Homeoffice und Homeschooling miteinander vereinbar sind oder dass es auch noch beglückend ist, beides zu verbinden.

Die Realität sieht meist anders aus: Während manche Leute nun tagsüber Serien schauen, springen Eltern von kleinen Kindern hektisch zwischen ihren vielen Rollen hin und her – als Lehrer und Angestellte ihrer Firma, als Köche der Familie und Sporttrainer. Sie stehen zeitiger auf und bleiben länger wach, um noch zu arbeiten. Diese Lösung kennt fast nur Verlierer. Irgendwas wird immer vernachlässigt.

Es gibt Achtjährige, die sich nicht mehr an die Zeit ohne Maske erinnern

Meist wird übersehen, dass es nicht um die Eltern geht, sondern um die Kinder. Oft wird der zeitliche Aspekt vergessen: Für 40-Jährige ist ein „verpfuschtes“ Corona-Jahr ein Vierzigstel des Lebens, für einen Erstklässler ist es gefühlt das halbe Leben. Es gibt Achtjährige, die sich nicht mehr an die Zeit ohne Maske erinnern.

Dabei ist es gerade am Anfang der Schulzeit existenziell wichtig, dass die Kinder den Übergang von ihrem vorherigen Leben des ewigen Spielens in der Kita in die festen Strukturen des Schulalltags schaffen, dass sie dabei ihre Neugier behalten, Freundschaften knüpfen und auf dem Schulhof lernen, sich zu streiten, ohne zu prügeln. All das ist Lernen fürs Leben.

Stattdessen sitzen sie zu Hause mit oftmals pädagogisch ungebildeten Eltern, die sie entweder über- oder unterfordern. Oder sie malen still die Blätter voll, die die Lehrerin geschickt hat. Oder sie machen Digitalunterricht. Das sehen viele Eltern kleiner Kinder auch nicht gerade als Segen an, denn meist wollen sie so lange wie möglich verhindern, dass ihre Kinder computerabhängig werden. Nun aber dürfen sie es mit dem Segen des Staates.

Lehrer sind viel bessere Lehrer als die Eltern selbst

Es gibt den Einwand, dass früher auch mal monatelang Unterricht ausgefallen sei, ohne dass die Betroffenen gleich im Leben gescheitert sind. Das ist richtig. Aber es ist ein Unterschied, ob ein Jahr lang kein Musikunterricht stattfindet oder gar kein Unterricht.

Oft wird nun behauptet, dass die Schließungen wegen Corona notwendig sind. Sind sie nicht. Die Lösung ist gar nicht so schwer. Sie hat sich nach dem ersten Lockdown wirklich bewährt: Die größeren Kinder sind viel selbstständiger und können deshalb auch leichter allein zu Hause und digital lernen. Damit gibt es in den meisten Schulen auch reichlich Platz für die Kleinsten. Die Klassen können in kleine feste Lerngruppen aufgeteilt werden, die dann ganze Flure für sich allein haben und unter sich bleiben. Damit wird die geringe Ansteckungsgefahr maximal minimiert.

Es ist nun mal so, dass Lehrer viel bessere Lehrer sind als die Eltern selbst. Diese Erkenntnis wurde nicht erst im ersten Lockdown gewonnen. Es ist der entscheidende Grund, warum überhaupt Schulen geschaffen wurden.

Für viele Eltern kleiner Grundschulkinder scheint es nun aber so, als hätte es den ersten Lockdown nicht gegeben und auch keinen Lerneffekt. Jedenfalls bei so manchem Entscheider. Leider. Und sehr zum Leidwesen der Kinder.