Raureif hat sich auf Blättern gebildet.
Foto: dpa/Jens Büttner

BerlinVielleicht schneit es bald. Dann könnte man die vielen Kippen nicht sehen. Eben steht eine ältere Mieterin vor Haus Nr. 10. Sie kommt von der Arbeit, nimmt noch einen Zug, schmeißt die Zigarette vor die eigene Tür und geht rein. Die Kippe liegt zwischen den Mosaik-Pflastersteinen, mit denen Berliner Bürgersteige gesäumt sind. Auf Gehwegplatten wären die Kippen wegzufegen, aber zwischen ganz kleinen Steinen nicht. Jürgen, der nette Nachbar, der auch vor meiner Haustür kehrt, obwohl er es nicht müsste, kann so was nicht durchgehen lassen. Der bückt sich und fummelt die Kippen einzeln raus.

November ist der letzte Herbstmonat. Anders als der „Erntemonat September“ oder der „Goldene Oktober“ hat er keinen guten Ruf. Es gilt im Krankheitskalender als Monat der Hausstauballergie. Denn es wird wieder geheizt. Heizungen wirbeln Staub auf, der Milbenkot enthält. Den atmet man ein, viele Menschen schlafen ja auch mit offenem Mund. Ein Allergologe spricht vom „Problemort Bett“: Bis zu 1,5 Millionen Milben leben da unter uns. Nur ein Prozent der Deutschen heiratet im November.

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Das sind Zeilen aus „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke. Zeiten ändern Stimmungen. Viele Gedenktage haben einen religiösen Hintergrund: Allerheiligen. Allerseelen. Volkstrauertag. Buß- und Bettag. Totensonntag. Die stehen alle im Kalender im November. Gute Stimmung macht nur der 11.11. – da beginnt der Karneval, er zieht sich aber gleich bis Februar zurück.

Internationale Tage und Trends im November

Deutsche wie Internationale Tage des Gedenkens im November sind durch ernstes Engagement verbunden: Rettet die Kastanie. Weltqualitätstag. Welttag der Philosophie. Weltvegantag. Kauf-nix-Tag. Weltnettigkeitstag. Tag der Erfinder. Welttag der Wissenschaft. Tag der Autoren hinter Gittern. Internationaler Tag für Toleranz. Welttoilettentag. Transgenderday. Deutscher Lebertag. Tag der Hausmusik. Welttag der Zeitschriften.

Aber wo und mit wem wird das begangen? Was habe ich zum Beispiel am Weltnettigkeitstag verpasst? Heute ist Welttag des Fernsehens. Steht was im Programm?

Eigentlich bin ich gut informiert, aber ich habe zwei Tage verpasst, die mich besonders interessieren könnten – der 3. November ist seit 2000 der Weltmännertag. Er soll zur Gesundheit der Männer beitragen. Vorgestern war Internationaler Männertag: Sein Anliegen ist es, das Verhältnis der Geschlechter zu verbessern.

Er wird in Trinidad und Tobago, Jamaika, Australien, Indien, den Vereinigten Staaten, Singapur, Malta, Südafrika, Ungarn, Irland, Ghana, Österreich, Kanada, Dänemark und Liechtenstein begangen und ist komplett an mir vorbeigerauscht.

Aber ich habe erfahren, dass es eine Bewegung gibt, deren Motto für einen ganzen Monat gilt – „No-Not-November“: Männer verzichten freiwillig auf Sex und Masturbieren, drei Fehlversuche sind erlaubt. Sie diskutieren in Selbsthilfegruppen und Foren über die Herausforderung: Sie ermuntern sich durchzuhalten, haben mehr Freizeit, entdecken Willenskraft und Energien. Der Sex danach soll viel genussvoller sein und mehr mit Liebe als einem flüchtigen Gefühl zu tun haben.

Der November ist bald vorbei. Ich weiß bloß nicht, wen ich fragen könnte, ob der Verzicht was gebracht hat.