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BerlinEs deutet an diesem grauen Morgen nichts darauf hin, dass vor der 5. Kammer des Berliner Verwaltungsgerichtes ein langer Kampf zu Ende geht. Es ist kein Sieg, den Lydia Keller an diesem Tag im Mai erringt. Doch der Vergleich, der am frühen Nachmittag geschlossen wird, bringt sie ihrem Ziel wenigstens ein Stückchen näher. Sie darf wieder arbeiten. Vier Jahre lang hat sie darum kämpfen müssen. Lydia Keller ist die einzige Beschäftigte des Bezirkes Lichtenberg, die für einen Abrechnungsskandal an der dortigen Volkshochschule büßen musste. Ihr Vergehen: Sie hatte die Unregelmäßigkeiten aufgedeckt.

Lydia Keller ist eine Whistleblowerin. Und ihr Fall zeigt, dass es auch in Deutschland häufig noch so ist, dass die, die Hinweise auf Missstände in Organisationen, Verwaltungen oder Firmen geben, größere Nachteile erleiden als jene, deren Verfehlungen sie aufdecken.

Auch Lydia Keller hat Missstände angeprangert, die ihre Behörde lieber unter den Teppich kehren wollte. Dafür wurde sie gemobbt und schließlich suspendiert.

Sechs Jahre ist das jetzt her. 2014 hatte sie ihrer damaligen Vorgesetzten mitgeteilt, dass bei der Bewilligung und Durchführung von Weiterbildungskursen an der VHS Lichtenberg offenbar getrickst werde. Doch statt die Affäre aufzuklären, tat der Bezirk Lichtenberg alles dafür, die Mitarbeiterin aus dem Amt zu verdrängen. Schon damals versuchten ihre Vorgesetzten, sie für dienstunfähig erklären zu lassen. Lydia Keller versuchte, sich dagegen zu wehren, ließ sich ihre Diensttauglichkeit amtlich bescheinigen. Es nützte ihr nichts.

„Ich wollte arbeiten, durfte aber nicht arbeiten“, berichtet sie jetzt vor dem Verwaltungsgericht über ihre letzten Arbeitstage. „Das hat der Direktor der Volkshochschule damals nicht zugelassen.“ Man habe ihr die Zugangscodes für den Computer verweigert und sie stundenlang tatenlos in einem Büro warten lassen. Schließlich wehrte sie sich gegen die Freistellung nicht mehr. Ihr letzter Arbeitstag sei der 17. März 2016 gewesen, sagt sie vor Gericht aus.

Sie hat alle Daten ihres Rechtsstreits im Kopf. Zahlen sind wichtig für sie. Im Jahr 2007 wurde bei Lydia Keller das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Das ist eine milde Form des Autismus, die schätzungsweise bei einem Prozent der Bevölkerung in Deutschland diagnostiziert wurde. Autisten können soziale Situationen schwer einschätzen und haben Probleme, mit anderen Menschen zu kommunizieren, weil sie die Mimik und Gesten ihres Gegenübers nicht immer richtig einordnen können.

Lydia Keller vermeidet in der Gerichtsverhandlung jeden Blickkontakt mit den Richtern. Sie blickt an allen Gesichtern vorbei, weil sie so mit der Situation am besten umgehen kann. Was sie liebt, ist der Umgang mit Zahlen und Statistiken – das verbindet sie mit anderen Menschen mit dem Asperger-Syndrom. Sie gelten zudem als besonders arbeitsmotiviert und regeltreu. Alle drei Eigenschaften sind Lydia Keller bei der Arbeit im Bezirksamt Lichtenberg zum Verhängnis geworden.

Das ahnt sie aber noch nicht, als sie im Juni 2014 ihre Vorgesetzte in der VHS Lichtenberg darüber informiert, dass sie in den Teilnahmelisten vieler Kurse Unregelmäßigkeiten entdeckt hat. Sie arbeitet damals seit einem Jahr als Controllerin in der VHS und hat Namen von Personen, die nie eine Adresse angaben, aber immer wieder anders unterschrieben, auf verschiedenen Listen gefunden. Bei manchen Kursen sind zwei verschiedene Teilnehmerlisten geführt worden.

Lydia Keller ist erst verwundert, dann alarmiert. Sie stellt fest, dass Kursleiter und fest angestellte Mitarbeiter der VHS bei den Unregelmäßigkeiten gemeinsame Sache machen. Doch ihre direkte Vorgesetzte erklärt, sie solle die Dinge auf sich beruhen lassen. Das jedoch kann die Asperger-Patientin nicht, jede Art von Corpsgeist – in seiner guten wie in seiner pervertierten Ausprägung – ist ihr fremd.

Wohl wird damals ein Wirtschaftsprüfungsbüro engagiert. Es untersucht 2700 Kurse und stellt dabei fest, dass „es nur ganz wenige Kurse gibt, für die wir keine Beanstandungen gefunden haben“. So steht es in dem Gutachten, das der Berliner Zeitung vorliegt. Wie hoch der materielle Schaden ist, können die Wirtschaftsprüfer nur schätzen, weil sie nicht alle Kurse untersucht haben. Sie gehen aber von einem hohen fünfstelligen Betrag aus.

Der Bericht wird im Dezember 2014 übergeben – und verschwindet in der Schublade. Die Kulturstadträtin habe den VHS-Bediensteten erklärt, dass da nichts nachkommen werde, erzählt eine Bedienstete der Berliner Zeitung. Daraufhin habe es eine spontane Party in der Volkshochschule gegeben. Einen Tag zuvor ist Lydia Keller in einer Teamsitzung zusammengebrochen, nachdem Mitarbeiter ihr Vorwürfe gemacht haben. Sie erhält ausgerechnet am Heiligen Abend ihre Suspendierung wegen Dienstunfähigkeit.

Seit diesem Tag kämpft sie um ihre Rückkehr ins Arbeitsleben. Im März 2015 sieht es noch danach aus, als bekäme sie recht. Das Oberverwaltungsgericht hebt die Suspendierung auf. An der VHS gibt es nun einen neuen kommissarischen Leiter, der anfänglich seine Unterstützung für Lydia Keller signalisiert. Doch das hält nicht lange an. Dass die bisherige VHS-Chefin versetzt worden ist, ist die einzige Konsequenz, die der Bezirk aus der Affäre zieht. Der Personalwechsel wird im Kulturausschuss im Frühling 2015 ohne weitere Erläuterung mitgeteilt. Die Bezirkspolitiker sind zu diesem Zeitpunkt immer noch völlig ahnungslos über die Vorgänge in der VHS.

Sie bleiben es, bis die Berliner Zeitung im März 2016 erstmals über den Fall berichtet. In einer Sondersitzung des Kulturausschusses dürfen die Bezirksverordneten unter Ausschluss der Öffentlichkeit Einsicht in den Bericht der Wirtschaftsprüfer nehmen. Veröffentlicht wird er nicht, angeblich weil er Teil der Ermittlungsakten des Landeskriminalamtes ist. Das Bezirksamt hat angeblich schon im Juli 2014 Strafanzeige gegen vier Personen gestellt. In einer späteren Stellungnahme ist von 2015 die Rede. Unklar ist, wie intensiv diese Ermittlungen geführt wurden – Fakt ist, dass sie im Sande verlaufen. Niemand wird angeklagt.

Dabei sind es keine Kavaliersdelikte, die den Beschuldigten zur Last gelegt werden. Für Urkundenfälschung sieht das Gesetz in besonders schweren Fällen eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren vor. Ein besonders schwerer Fall liegt laut Strafgesetzbuch vor, wenn der Täter damit „seine Befugnisse als Amtsträger … missbraucht“.

Doch bestraft wurde bislang nur Lydia Keller. Denn auch der neue Leiter der VHS lehnt die Zusammenarbeit mit ihr ab. Im Kulturausschuss des Bezirkes erläutert er im Frühjahr 2016, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der VHS eine schwere Zeit hinter sich hätten und man nun Ruhe in der Einrichtung brauche. Die Ausschussmitglieder stimmen ihm zu. Der Vorsitzende des Kulturausschusses fasst es in kompletter Umdrehung der Rollen von Tätern und Opfer so zusammen: „Im Grunde ist der einzige Schaden, der der VHS entstanden ist, die Berichterstattung in der Zeitung.“

Lydia Keller ist zu diesem Zeitpunkt ihren Job in der Volkshochschule los. Nachdem der neue Leiter der VHS sie quasi ignorierte, hatte sie über ihren Anwalt ihrer Freistellung zugestimmt. Sie ist nun zu Hause, erhält weiter ihr Gehalt und leidet darunter, dass sie für nichts bezahlt wird.

In den Verwaltungsvorschriften über die gleichberechtigte Teilhabe der behinderten oder von Behinderung bedrohten Menschen in der Berliner Verwaltung steht, dass das Land Berlin als Dienstherr und Arbeitgeber eine „besondere Fürsorge- und Förderungspflicht“ gegenüber diesen Menschen hat. Die gehe auch über die allgemeine beamten- und arbeitsrechtliche Fürsorgepflicht hinaus. „Sie obliegt vor allem den Leiterinnen und Leitern der Dienststellen, den unmittelbaren Vorgesetzten und denjenigen, die über die Einstellung und Verwendung von Beschäftigten (Beamte, Angestellte, Arbeiter, Auszubildende und andere, zu ihrer beruflichen Bildung Beschäftigte) entscheiden und für die Bearbeitung von Personalangelegenheiten zuständig sind“, heißt es weiter.

Lydia Keller glaubt daran schon lange nicht mehr. „Wie kann es sein, dass ein so großer Dienstherr und Arbeitgeber wie das Land Berlin nicht in der Lage ist, einem Menschen mit der Diagnose Asperger-Syndrom einen adäquaten Arbeitsplatz anzubieten und es duldet, dass Steuergelder über Jahre vergeudet werden, indem man Menschen wie mich über Jahre von der Arbeit freistellt?“, fragt sie.

Doch sie gibt nicht auf und beginnt, sich auf andere Stellen zu bewerben. Sie hatte noch während der Tätigkeit in Lichtenberg ein Aufstiegsstudium begonnen, das sie trotz aller Widerstände erfolgreich absolviert hat.

Dann gibt es Licht am Horizont: Im Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf wird im Amt für Stadtentwicklung jemand gesucht, der Anträge auf Fördergelder bearbeitet. Lydia Keller bewirbt sich. Sie ist die einzige Bewerberin, die die Kriterien voll erfüllt und erhält den Zuschlag. „Die zuständige Mitarbeiterin hat mich sogar zu Hause angerufen und mir gesagt, dass man sich auf mich freut“, sagt Lydia Keller.

Doch das Glück ist von kurzer Dauer. Plötzlich gibt es Probleme mit dem Datenschutzbeauftragten. Er hält es für bedenklich, dass Lydia Keller zwei Tage in der Woche von zu Hause aus arbeiten will. Angesichts der Erfahrungen, die in den vergangenen Wochen während der Corona-Pandemie gemacht worden sind, wirkt das Argument im Rückblick seltsam. Und es ist auch damals nur vorgeschoben. Denn inzwischen ist in Marzahn-Hellersdorf Lydia Kellers Personalakte aus Lichtenberg in Augenschein genommen worden. Darin ist die Rede davon, dass ihr Arbeitsverhältnis an der VHS Lichtenberg „wegen erheblicher Differenzen“ mit der Leitung der Volkshochschule endete. Eine vermeintliche Querulantin möchte auch Marzahn-Hellersdorf nicht beschäftigten. Sie erhält eine Absage. Und klagt dagegen.

Wieder muss sie gegen ein ganzes Amt kämpfen. In der mündlichen Verhandlung vor dem Kammergericht macht der Vertreter des Rechtsamtes keinen Hehl aus seiner Ablehnung. Er habe „erhebliche Bauchschmerzen“ mit der Einstellung, nachdem er die Personalakte gesehen habe, erklärt er dem Richter. Und er macht geltend, dass Lydia Keller dem Stress nicht gewachsen sein könnte. Lydia Kellers Anwalt hält dagegen. Die Kanzlei Röttgen, Kluge und Hund, die Lydia Keller vertritt, ist spezialisiert auf Diskriminierungsfälle. Einen solchen Fall wie den ihren hatte man dort aber auch noch nicht.

Der Richter wirkt in der Verhandlung an diesem grauen Frühsommertag freundlich auf den Vertreter des Bezirksamtes ein, doch möglichst einem Vergleich zuzustimmen. Er kommt nach zähen Verhandlungen zustande.

Man sieht Lydia Keller nicht an, wie es auf sie wirkt, dass man sie eigentlich nicht haben will, ihr die Stelle dann aber widerstrebend doch anbietet. Eine Stelle, für die sie seinerzeit als einzige Bewerberin die richtige Eignung hatte. Nun darf sie sie antreten. Aber auch nur, weil sie einem ganzen Jahr Probezeit zustimmt. Nach Jahrzehnten im öffentlichen Dienst bedeutet dies für Lydia Keller, wieder ganz neu anzufangen. „Das Fachliche wird mir kein Problem bereiten“, sagt sie. „Aber es wird schwer, nun wieder neue Menschen kennenzulernen und sich auf sie einzustellen.“

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Volkshochschule Lichtenberg ist nach der kurzen Aufregung im Frühjahr 2016 längst wieder alles beim Alten.